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Kirchner, „Sitzender Akt“.

Picasso und Kirchner

Kirchnerhaus Aschaffenburg: „Während wir Neues versuchen“

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Pablo Picasso und Ernst Ludwig Kirchner: Das Kirchnerhaus Aschaffenburg thematisiert Gemeinsamkeiten und Gegensätze.

Der Spanier Pablo Picasso und der Deutsche Ernst Ludwig Kirchner gehören zu den genialen und eigenwilligen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Sie waren fast gleichaltrig. Kirchner kam 1880 in Aschaffenburg zur Welt, Picasso 1881 in Malaga. Beide schufen sowohl zahlenmäßig wie auch künstlerisch wegweisende druckgraphische Werke der klassischen Moderne. Ein zentrales Motiv war das Porträt, dem sie sich teils mit ähnlichen, teils mit gegensätzlichen stilistischen Mitteln näherten.

Trotz ihrer Berühmtheit schon zu Lebzeiten haben sich Picasso und Kirchner nie kennengelernt. Eine geplante gemeinsame Ausstellung 1929 in Berlin kam nicht zustande. Doch jetzt sind die beiden Künstler in einer kleinen, feinen Schau mit Papierarbeiten im Kirchnerhaus-Museum in Aschaffenburg vereint. Die Ausstellung „Blickwechsel: Kirchner – Picasso“ präsentiert rund 60 Papierarbeiten „zweier Meister“. Nach Angaben der Kuratorin und Museumsleiterin Brigitte Schad ist das Ausstellungsthema ein Novum. Noch nie seien Porträts und Figurenbilder beider Künstler einander gegenübergestellt worden.

Der Anstoß zu dem Projekt verdankt sich einem glücklichen Umstand. Ein Privatsammler hatte dem Kirchnerhaus wertvolle und teils sehr seltene druckgraphische Porträts aus allen Schaffensperioden Picassos für eine Ausstellung angeboten. Diese wurden ergänzt um Leihgaben aus Privatbesitz und Museen, die reizvolle Vergleiche der Arbeiten Picassos und Kirchners ermöglichten.

Die Welt der Artisten

Beide Künstler wandten sich um 1904 der Druckgraphik zu. Kirchner schuf noch vom Jugendstil beeinflusste Holzschnitte, Picasso zur gleichen Zeit erste Radierungen mit Motiven aus der Welt der Artisten und Gaukler. Sein berühmtestes Blatt aus dieser Serie, „Das kärgliche Mahl“, ist in der Ausstellung zu sehen. Schad bezeichnet es als Meisterwerk des erst 23-Jährigen.

1905 gründete Kirchner zusammen mit Freunden die Künstlergemeinschaft „Die Brücke“, es war der Beginn des expressionistischen Holzschnitts, dem Lithographie und Radierung folgten. 1907/08 entdeckten Picasso und Kirchner unabhängig voneinander die sogenannte „primitive Kunst“. Doch meistens gingen sie stilistisch getrennte Wege, Picasso entwickelte den Kubismus, für Kirchner wurde die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ein erster Höhepunkt seines expressionistischen druckgraphischen Werks.

Pablo Picasso.

Die Ausstellung verdeutlicht, wie beide Künstler aus der reichen Kultur- und Kunstgeschichte schöpften. Schön ist das zu sehen am Beispiel der „Venus“ von Lucas Cranach dem Älteren, der Picasso und Kirchner inspirierte. Originale Adaptionen beider Künstler zu diesem Thema sind in der Schau zu sehen.

Schad zufolge hat Kirchner spätestens 1912 in der legendären Sonderbund-Ausstellung in Köln die kubistischen Werke seines spanischen Malerkollegen gesehen. Doch in seinen Briefen und Tagebuchaufzeichnungen fand sie erst 1925 Aussagen zu Picasso. Anlass war der Besuch einer Ausstellung in Zürich. Picasso sei zweifellos der „eigenartigste und beste“ der ausstellenden Künstler, schrieb Kirchner. Später äußerte er sich kritischer. „Alle Franzosen von Cézanne bis Picasso tun weiter nichts als dass sie die antiken Vasenmalereien und pompejanischen ausgegrabenen Wandbilder kopieren, während wir Deutschen wirklich Neues versuchen.“

Zu jener Zeit vollzieht sich auch bei Kirchner ein Wandel zu seinem „neuen Stil“, der erkennbar einen Einfluss Picassos zeige, erklärt Schad. 1938 nimmt sich Kirchner in seinem Davoser Exil das Leben. Picasso überlebt ihn um 35 Jahre. In seinem Spätwerk findet er im Porträt auch zu einer Ausdrucksform, die eine Nähe zu expressionistischen Stilmerkmalen zeigt. In der Ausstellung gibt es interessante Gegenüberstellungen mit Kirchners frühen Arbeiten.

Der Verein Kirchnerhaus ist 2011 von engagierten Bürgern gegründet worden, um auf das vernachlässigten Geburtshaus des expressionistischen Malers und dessen Verbindung zu Aschaffenburg aufmerksam zu machen. In dem Haus, das inzwischen denkmalgerecht saniert wurde, hat der Verein ein Dokumentationszentrum, eine Bibliothek und einen großen Ausstellungsraum eingerichtet. Alle Arbeit geschieht ehrenamtlich.

Kirchnerhaus-Museum Aschaffenburg:bis 1. März 2020. www.kirchnerhaus-aschaffenburg.de.

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