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Die Familie Schönberg, Ende Juli 1908.

Richard Gerstl

Auf keinen Fall mit Gustav Klimt

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Die Frankfurter Schirn zeigt die erste Retrospektive Richard Gerstls, eines jungen Künstlers, der alle vor den Kopf stieß. Eleganz und Schönheit sucht man bei Gerstl vergebens.

Im Jahr 1931 bekam der Wiener Galerist Otto Kallir Besuch von einem Mann namens Alois Gerstl. Dieser war auf die bei einer Spedition eingelagerten Bilder seines Bruders Richard gestoßen, der seit 23 Jahren tot war. Suizid. Ob es sich lohne, die Bilder zu verkaufen oder ob er sie lieber gleich entsorgen solle, fragt Alois Gerstl.

Der Galerist war interessiert. Er besuchte mit Gerstl das Lager – und staunte nicht schlecht: Was dort lag, zum Teil arg ramponiert, war so ungewöhnlich, dass Kallir, der Künstler wie Oskar Kokoschka und Alfred Kubin vertrat, beschloss, dem völlig unbekannten Maler einen Namen zu verschaffen. Er begann damit, das Werk zu dokumentieren und war irritiert: Das, was er vor sich hatte, war so heterogen, so unterschiedlich in Qualität und Bildsprache, dass er sich das nicht erklären konnte.

Dem Besucher der Frankfurter Schirn Kunsthalle, die jetzt die erste umfassende Richard-Gerstl-Retrospektive in Europa zeigt, ergeht es ähnlich: Immer wieder schaut man irritiert auf das jeweilige Entstehungsdatum, weil man kaum begreifen kann, wie einer erst kühn und fortschrittlich malen kann, dann wieder konventionell und ein wenig langweilig, schließlich wieder revolutionär und wild. Wie kann das sein?

Die einfachste Antwort ist wohl: Gerstl war jung. Er starb mit 25 Jahren. Und er war völlig erfolglos, niemand stellte ihn aus. Das hatte womöglich auch mit seiner Arroganz und Überheblichkeit zu tun: Immer wieder stieß er Menschen vor den Kopf. Als er einmal eine Anfrage von einer renommierten Galerie hatte, sagte Gerstl mit der Begründung ab, er wolle nicht gemeinsam mit Gustav Klimt ausstellen. Gerstl hasste Klimt.

Wer die Ausstellung sieht, kann sich denken warum: Seine Bilder sind in allem das Gegenteil von denen des Jugendstilvirtuosen. Eleganz und Schönheit sucht man bei Gerstl vergebens. Zum Beispiel das Doppelporträt der Schwestern Karoline und Pauline Fey von 1905. Es zeigt zwei kreidebleiche Frauen in weißen Gewändern vor einem undefinierbaren dunkelbraunen Hintergrund, gespensterhaft und nach damaligen Maßstäben ziemlich schludrig gemalt. Die Schwestern wollten das Porträt nicht haben. Niemand, den Gerstl je porträtiert hat, wollte sich so sehen, wie Gerstl ihn sah.

Kurz darauf malte Gerstl ein Porträt des Komponisten Arnold Schönberg: Man sieht den Einfluss von Vincent van Gogh und den der Pointillisten, doch im Vergleich mit dem früheren Doppelporträt wirkt es vergleichsweise bieder. Schönberg war arm, er hatte Schulden und deshalb beschlossen, sich probeweise der Malerei zuzuwenden.

Er lud Gerstl ein, damit er ihm und seiner Frau Mathilde Unterricht erteile und beide porträtiere. Was folgte, war eine intensive Freundschaft. Beide waren sie progressive Avantgardisten ohne Anerkennung. Gerstl wurde Teil von Schönbergs Freundeskreis, er fuhr zweimal mit ihnen in die Sommerferien – dann kam es zum Skandal. Gerstl hatte ein Verhältnis mit Mathilde angefangen, man erwischte die beiden.

Sie flohen. Doch Mathilde, die von Gerstl übrigens mindestens siebenmal porträtiert worden war, kehrte zu ihrem Mann und ihren zwei Kindern zurück. Gerstl porträtierte sich bald darauf nackt, abgemagert, sein Geschlecht im Zentrum des Bildes. Wenige Wochen später erhängte sich der Künstler, der nicht nur seine Geliebte, sondern auch seinen Freundeskreis verloren hatte, nackt in seinem Atelier – nicht ohne sich vorher mit einem Küchenmesser ins Herz zu stechen.

In der Schirn steht dieses späte Selbstbildnis neben einem frühen: Es zeigt den Künstler als selbstbewussten, aber auch ziemlich verkrampft wirkenden Halbakt, umfangen von einer Aura aus blauem Licht. Sein Pinselduktus ist da noch sehr zurückhaltend, sein Selbstbewusstsein jedoch offenbar bereits sehr ausgeprägt.

Wozu er künstlerisch imstande war, deutet sich 1906 in einem Porträt seines Bruders an. Das „Bildnis des Reserveleutnants Alois Gerstl“ zeigt einen realistisch gemalten uniformierten Mann vor dem pointillistisch wiedergegebenen Esszimmer der Familie. Wer genau hinsieht, erkennt, dass sich ein Stuhlbein und eine Tischecke vollständig in Pinselschlieren aufgelöst haben.

Im Sommer 1908, kurz bevor es zum Bruch kam, malte Gerstl zwei Gruppenporträts, die so unerhört waren, dass man sich kaum vorstellen kann, wie seine Zeitgenossen darauf reagiert hätten: wild gepinselte, gespachtelte, fast völlig abstrakte Kompositionen in grellen Farben. Die Abgebildeten sind aufgrund der verschmierten Gesichter nahezu unkenntlich. Solche Bilder gab es damals nicht, nirgends. „Sie lassen malerisch sogar an Willem de Kooning und den Abstrakten Expressionismus der 1950er Jahre denken“, schreibt Kuratorin Ingrid Pfeiffer im Katalog. Es scheint, als habe sich ein Berserker auf ihnen abreagiert. Oder ein Malergenie, das seiner Zeit um Jahrzehnte voraus war.

Der Galerist Otto Kallir erkannte das Potenzial Richard Gerstls, stellte ihn aus und hatte damit Erfolg. Als nur wenige Jahre darauf die Nationalsozialisten Österreich annektierten, musste Kallir seine Galerie verkaufen und floh nach Amerika. Es dauerte daher noch eine ganze Weile, bis der Name Richard Gerstl in Kunstkreisen einen Klang bekam.

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