Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Kunstschau wirft ihren Schatten voraus: Werbung für die dOCUMENTA (13)
+
Die Kunstschau wirft ihren Schatten voraus: Werbung für die dOCUMENTA (13)

Documenta

Kasseler Kaskaden

Die Documenta 13, die im kommenden Jahr wieder in Kassel stattfinden wird, steht unter dem Titel „Collapse and Recovery“ - Zusammenbruch und Wiederaufbau. Der Titel passt in die nordhessische Stadt und in unsere Zeit. Zur Documenta will Chefin Carolyn Christov-Bakargiev will 2012 Kunst im Kino zeigen - und wirbt mit Hunden.

Von Georg Imdahl

Unter den zahlreichen Publikationen, die jede Documenta ihrer Eröffnung als Lesefutter vorausschickt, findet sich diesmal ein Hundekalender. Auf die Chefin persönlich, Frauchen eines Maltesers namens Darsi, geht die Idee für das überraschende Stück Literatur zurück. Carolyn Christov-Bakargiev bat Künstler um Fotos ihrer Hunde, die Bilder kombiniert sie mit philosophischen Fragen – wie jener, über welches Wissen und welche Gefühle Hunde verfügen, an die wir Menschen uns nicht erinnern; wie wir vom anthropozentrischen Denken loskommen können, oder: Ob eine „lineare Kommunikationsstrategie“ noch sinnvoll ist.

Darsi schaut auf dem Foto nachdenklich, ihre Pfoten liegen auf der Tastatur eines Laptops. Als wir Carolyn Christov-Bakargiev in ihrem Büro treffen, grüßt Darsi wohlerzogen. Ob die Künsterliste, das interessanteste Dokument vor einer Documenta, zu ihrem Geheimwissen zählt, ist ihr nicht zu entlocken, dafür bedeutet der Hundeblick dem Gast: Wenn Du so sehr an d-13-Namen interessiert bist, schau Dir doch den Kalender an. Tatsächlich, da wimmelt es von Künstlern aus aller Welt: Etel Adnan, Hague Yang, Carol Bove und Thea Djordjadze; Renata Lucas, Erki Kurenniemi, Mariana Castillo Deball, Willie Doherty und Amar Kanwar; Adrian Dziegielewski, Dora Garcia, Simryn Gill, Trisha Donnelly, Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla. Und die Homepage der Documenta listet ja auch schon eine Menge offizieller Teilnehmer auf.

Der Titel passt nach Kassel

Welches Konzept aber leitet Christov-Bakargiev bei der Planung der nach wie vor wichtigsten Ausstellung der Welt? „Collapse and Recovery“ lautet das d-13-Leitmotiv, und tatsächlich sind Zusammenbruch und Wiederaufbau ein Kasseler Stoff: Zerbombt, von der Landesmitte zum Zonenrandgebiet degradiert und plötzlich Nabel der Kunstwelt. Natürlich weist das Thema über die Stadt hinaus, „es beschäftigt uns heute überall auf der Welt“. Christov-Bakargiev nennt Afghanistan, Tunesien, Ägypten, auch Japan kommt einem in den Sinn, der Wechsel von Zerstörung und Wiederaufbau ist ein Generalthema. Dafür, so Christov-Bakargiev, soll Kassel eine „Bühne“ werden.

Wofür aber steht die Stadt mit dem mausgrauen Image bei der Documenta 13 konkret? Die Vor-Ort-Recherche ist im Lauf der letzten Monate zu einer besonderen Passion der Direktorin geworden. „Die 50er Jahre werden sträflich unterbewertet, in 20 Jahren wird man sie viel mehr als kulturelles Erbe schätzen“, prophezeit sie. Früher hätte man ihren Ansatz, der zwischen lokalen und globalen Motiven changiert, „glokal“ genannt: Die Kuratorin hat sich in die Nachkriegsarchitektur vertieft, wobei sich ihr jene Bauten aufdrängten, die nach 1945 von Arnold Bode (1900–1977), seines Zeichens Begründer der Documenta, und seinem Bruder Paul Bode (1903–1978), verantwortet wurden. „Deutschland war von den großen modernistischen Architekten verlassen worden, es war eine Art Nicaragua. In Kassel dagegen saß die Familie Bode und hat hier viel gemacht.“

Ausstellungsort Kino

Mit ihnen markiert Christov-Bakargiev einen Schwerpunkt. Vor allem Kinos und Ballsäle der Bodes aus der Nachkriegsära treten bei der kommenden Documenta aus den Kulissen hervor. Zum Beispiel das 1952 von Paul Bode erbaute Kaskade-Kino am Königsplatz: Mit seinen illuminierten Wasserspielen vor der Leinwand war es rasch über die Stadtgrenzen hinaus berühmt geworden. Die Kessler-Zwillinge luden hier 1957 zur Uraufführung von „Vier Mädels aus der Wachau“ ein. „Für mich ist das wie ein Mini-Sydney-Opera-House“, schwärmt Christov-Bakargiev.

Standort der d 13 wird auch das „in den Achtzigern leider renovierte“ Gloria, das die d 12 bereits für das abendliche Filmprogramm genutzt hatte. „Aber Filme abends sind nicht wirklich Teil der Documenta, man zahlte dafür ja auch extra.“ Christov-Bakargiev will in den Kinos Kunst zeigen. „Erstmals“: Darauf legt sie Wert.

Auf die Bodes gehen mehrere weitere Kasseler Repräsentationsbauten und deren Renovierung zurück, die Christov-Bakargiev als „Orte sozialer Verdichtung“ interessieren wie das ehemalige Ständehaus, das Mark Hotel Hessenland und das benachbarte Hugenottenhaus, in dem der Chicagoer Künstler Theaster Gates zum Zuge kommen wird. Keine Frage, mit der Bespielung der Bode-Bauten bahnt sich ein Coup an. Denn, so Christov-Bakargiev, „diese 50er Jahre sind die Jahre der Documenta“.

Neue Orte für die Kunst

Zusätzlich will sie zwei andere Zentren etablieren, die sich thematisch locker mit den üblichen Ausstellungsorten – Fridericianum und Ottoneum, Documenta-Halle und Orangerie, Neues Museum und Grimm-Museum – assoziieren sollen. Rund um den Hauptbahnhof werde sich ein weiträumiges Areal mit zeitkritischen Bestandsaufnahmen eröffnen, unter anderen werde hier der Südafrikaner William Kentridge mit einer neuen Arbeit vertreten sein. Ein ausgedientes Fitness-Studio werde einbezogen, insgesamt, so Christov-Bakargiev, „haben wir um den Bahnhof zehnmal so viel Platz wie bei früheren Documentas“.

Zum anderen soll der Aue-Park extensiv wie nie zuvor aktiviert werden, nicht weniger als rund 30 Skulptur-Projekte warten in dem großen Garten auf Realisierung. Sie sollen den dystopischen Einwürfen am Bahnhof mehr oder minder utopische Wegmarken im Grünen entgegenstellen. Eine entlegene Quelle der d 13, die selbst nicht Ort der Großausstellung sein wird, nennt Christov-Bakargiev den „Geist“ der Stadt Kassel, deren Unbewusstes: die Gedenkstätte Breitenau. Das ehemalige Benediktinerkloster aus dem 12. Jahrhundert diente im 19. Jahrhundert als Gefängnis für französische Kriegsgefangene, dann für Sozialisten und Anarchisten, bevor es 1933 von der Gestapo in ein Haftlager umgebaut wurde. Nach 1945 wurde es ein Mädchenerziehungsheim. „Ich führe alle Künstler an diesen Ort“, so Christov-Bakargiev, „viele Arbeiten sind durch ihn inspiriert.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare