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Eine Galerie als Museum: Kasper Königs Ausstellung in St. Agnes, an der Wand Susi Pops „Floß der Medusa“.

Ausstellung

Kasper König: Frag nach bei Dürer

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Wenn der Vater bei dem Sohne eine Ausstellung macht: Kasper König und sein Kunst-Kosmos in Berlin.

Kasper König, Patron der derzeit wohl bekanntesten Kunstdynastie der Republik, ist ein furchtloser, humoriger, bisweilen aneckend skurriler Mann. Gewaschen mit allen Museums- und Kuratorenwassern, gibt der Weltweit-Kurator, der Gründer des Frankfurter Portikus und langjährige Direktor des Museums Ludwig in Köln, sich mit 75 umtriebig wie ein junger Spund, selbstironisch-exzentrisch von den Jeans-Stresemann-Streifen des Anzugs bis zu den bunten Schuhen.

So sah ich ihn vor ein paar Tagen vor einem monumentalen Bild in der einstigen Kirche St. Agnes in Berlin-Kreuzberg, einem Düttmann-Bau und seit Jahren die Galerie von Kasper Königs jüngerem Sohn Johann: Leo. Der ältere betreibt eine Galerie in New York und Kasper Königs Bruder die Buchhandlung König mit Hauptsitz in Köln.

Die Künstler hinter dem geheimnisvollen Label Susi Pop machten Géricaults „Floß der Medusa“ von 1819 zu einem magentafarbenen Siebdruck auf riesiger Leinwand. Kasper König wählte es für seine Schau in der Galerie des Sohnes, die er vom Albrecht-Dürer-Lebensfazit: „Was aber die Schönheit sei, das weiß ich nit“, auf Englisch „What beauty is, I know not“ übernimmt, gleichsam als Altarbild an der Hauptwand in der oberen Halle von St. Agnes.

Was für ein politisches Bild! Das hier zitierte Original im Pariser Louvre ist genau 200 Jahre alt und erzählt von einem ungeheuerlichen Vorfall, einem Zivilisationsbruch vor der Kulisse der französischen Aufklärung: Ein unfähiger Kapitän setzt die „Medusa“ auf Grund, die Rettungsboote reichen nicht, ein Floß wird gebaut, für 150 Leute. Aber die Landung scheitert, alle hungern, werden zu Kannibalen. Kasper König sieht in der Susi-Pop-Paraphrase womöglich eine Art Menetekel, nämlich das oft Vergebliche der Aufklärung. Und der Utopie von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und der Vernunft.

Am anderen Ende des oberen noch immer sakralen Raumes steht noch eine weitere Paraphrase. Und zwar auf Dürer und dessen Holzschnitt-Bauernsäule von 1525, das grafische Denkmal eines von den Bütteln der Großgrundbesitzer erdolchten Bauern im Großen Deutschen Bauernkrieg. Dürer stellte sich so auf die Seite der Verlierer. Kasper König wählte wohl gerade um dieses Statements willen eine neu gebaute Skulptur von Marko Lehanka, die eine ältere Version von 1999 zitiert und, wie schon Dürers Motiv, an die Passion Christi denken lässt. An Opfer, die in der biblischen Geschichte – und in der realen Weltgeschichte – gebracht wurden. Aber die Welt hat nichts gelernt.

Die Ausstellung ist wahrlich ein Coup. Für Wochen wird sie die Bestimmung der Galerie als kommerzieller Ort mit charismatischer Wucht überlagern, indem sie Kunst nur Kunst sein lässt – ein künstlerisches und politisches Statement, wie man es von König Senior gewohnt ist.

Es ist eine bezwingende Museums-Ausstellung geworden, mit kapitalen Werken. Die Auswahl zeigt mit Aplomb Kasper Königs Kunstkosmos: 20 starke Werke, etwa von Thomas Bayrle, Thomas Hirschhorn, Manfred Pernice, Heidi Specker, Fischli & Weiss bis Emeka Oghbo, Rosemarie Trockel und Allisa Yoffe, um nur einige zu nennen. Der rastlose Kurator beweist wieder einmal, wie sehr er es mit seinem gereiften internationalen, von ihm bereits in den siebziger Jahren entdeckten Künstler-Spektrum vermag, durch Bezüge, Dialoge, Kontroversen Spannung aufzubauen. Und Positionierungen.

Und nichts von all den ungefälligen Werken ist unaktuell geworden. Vor Polly Apfelbaums grünen Teppichen liegt ein Paar Schlappen. Für Frauenfüße, für eine Muslima. Betreten erlaubt? Eine lapidare Geste und Frage nach Emanzipation. Daneben hat Nicole Eisenman „Slouching Guy“ gelegt, eine seltsam dramatische, zugleich ironische Plastik, ein lümmelnder Kerl wie in einem Raumanzug, auf dessen Körper Kerzen brennen.

Schönheit kann man eben nicht in Definitionen festmachen, lässt uns Kasper König wissen. Schönheit will erkannt, begriffen, geschätzt werden. Annette Kelm ist es gelungen, mit ihren eigenwilligen Farbfotografien, in denen sie wieder meisterlich Dokumentarisches, Surreales und Witziges zusammenbringt, um Vater & Sohn König zu porträtieren. Zwei Kunstversessene. Zwei Dadaisten der Gegenwart.

Termine

St. Agnes, Berlin: bis 13. Oktober. www.koeniggalerie.com

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