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Käthe Kollwitz: Liebespaar, sich aneinander schmiegend, 1909/10.
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Käthe Kollwitz: Liebespaar, sich aneinander schmiegend, 1909/10.

Ausstellung

Käthe Kollwitz im Kunstforum Ingelheim: Dem Leben und dem Tod ausgesetzt

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Eine Ausstellung im Kunstforum Ingelheim gibt überraschende Einblicke in das Werk von Käthe Kollwitz

Endlich! Endlich wieder in der Realität der Gang durch eine sorgsam komponierte Ausstellung, die physisch Bezüge zwischen Motiven herstellt, die durch Hängung und Licht ihre Wirkung entfaltet. Sehr konzentriert, in nur fünf kleinen Sälen, gibt das Kunstforum Ingelheim einen Einblick in das Werk von Käthe Kollwitz, der auch überrascht und ungewohnt ist. Ihre grafischen Arbeiten, ihre Zeichnungen, ihre Plastiken, die nur um ein Thema kreisen: den Menschen und sein Ausgesetztsein. Landschaftsbilder, Stillleben wird man vergeblich suchen in ihrem Oeuvre. Kollwitz, geboren in Königsberg, gestorben wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkrieges in der Abgeschiedenheit von Moritzburg bei Dresden, vom nationalsozialistischen Regime mit einem „inoffiziellen“ Arbeitsverbot belegt und ins Abseits gedrängt, hegte ihr Leben lang die Hoffnung auf humane und gerechte gesellschaftliche Verhältnisse.

Sie zeigt, was der Mensch dem Menschen antut. Immer wieder verdeutlicht sie das Leiden der Frauen, der Mütter, der Kinder. So ist sie weltbekannt geworden. Und doch ist in Ingelheim auch ein lachendes Selbstbildnis aus den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts zu sehen, präsentiert sich die Künstlerin in anderen Porträts auch dem Leben zugewandt. Die Ehefrau des Arztes Karl Kollwitz schrieb selbst in ihren Erinnerungen „Rückblick auf frühere Zeit“: „Das Jahrzehnt zwischen dreißig und vierzig war ein sehr glückliches in jeder Beziehung.“ In dieser Phase ihres Lebens Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts brach sie aus, reiste zweimal nach Paris, hielt sich längere Zeit in Italien auf. Sie besuchte in Paris mehrfach den Bildhauer Auguste Rodin in seinem Atelier und begann zaghaft, selbst erste Plastiken zu formen.

In der Phase entstanden auch die Arbeiten, die als zweite Überraschung der Schau im Kunstforum gelten können: Ihre Aktzeichnungen. Diese, oft in schwarzer Kreide oder Kohle ausgeführt, weichen ab vom Üblichen, auch vom bürgerlichen Schönheitsideal dieser Zeit. Sind vorsichtig, geradezu tastend. Zeigen etwa eine Schwangere. Oder ein Modell, das sich die Unterschenkel massiert, die vom langen Stehen schmerzen. Die Körper lassen Spuren harter Arbeit sehen, denn die Frauen, die Kollwitz abbildete, stammten aus dem Berliner Arbeitermilieu.

Käthe Kollwitz: „Schwangere Frau mit verschränkten Armen“, um 1912.

Aber natürlich sind in Ingelheim auch die Werkzyklen zu sehen, mit denen sie berühmt wurde. Zuvorderst „Ein Weberaufstand“: Das sind nur sechs Blätter, mit deren Entstehen die Künstlerin aber vier Jahre lang gerungen hat, von 1893 bis 1897. Das elende Leben einer Weberfamilie, gefasst in düstere, sehr expressive Szenen, in deren hartes Dunkel nur wenig Licht fällt. Die Mutter, die sich über einen hungernden Säugling beugt. Der Tod, der als Knochenmann präsent ist. Der Zug der Weber, einige kampfbereit, mit geballten Fäusten, andere ins Leere starrend, als ob sie ihre Niederlage bereits vorausahnten. Als unerhört galt damals das Blatt „Der Sturm“, das zeigt, wie die Aufständischen gegen das Haus des verhassten Fabrikherren anrennen, wie die Frauen ihren Männern Pflastersteine anreichen.

Und dann die Radierungen des „Bauernkrieges“, entstanden von 1903 an, die den Betrachter lange nicht loslassen. Ein Frauenkörper, eigentlich mehr ein konturloses Bündel, halb versteckt unter Pflanzen, bildet das Opfer einer Vergewaltigung ab. Ein Pflüger, der sich mit letzter Kraft ins Geschirr stemmt. Der „Losbruch“, als die Menge der bewaffneten Bauern auf das Signal einer Frau hin (!) in den Kampf stürmt.

Ein Schicksalsschlag verdüsterte das Leben und das Werk der Künstlerin. Ihr Sohn Peter starb zu Beginn des Ersten Weltkrieges in einer Schlacht bei Dixmuiden in Flandern, im Alter von gerade einmal siebzehn Jahren. In ihrem Tagebuch notierte sie: „Von da an datiert für mich das Altsein. Das DemGrabZugehn. Das war der Bruch. Das Beugen bis zu einem Grade, daß es nie mehr ein ganzes Aufrichten gibt.“

Von nun an bezog Kollwitz in ihren Arbeiten auch zunehmend direkt politisch Stellung. Etwa in der Holzschnittfolge „Krieg“ (1922/23) oder mit ihrem berühmten Plakat „Nie wieder Krieg“ von 1924, auf dem ein junger Kämpfer die Finger zum Schwur erhebt. Schon 1919 war sie als Professorin und als erste Frau in die Preußische Akademie der Künste gewählt worden. Sie kommentierte das ironisch: „Große Ehre, aber ein bißchen peinlich für mich. Die Akademie gehört doch zu den etwas verzopften Instituten, die beiseite gebracht werden sollten.“

Eine direkt politische Künstlerin wollte sie nicht sein. Nach einer Einladung nach Russland und einer großen Ausstellung dort hielt sie fest, dass sie „keine Kommunistin“ sei. Sie konzentrierte sich in ihren Zeichnungen und auch ihren Skulpturen auf die unmittelbare Expression, kein anderes Motiv variierte sie dabei öfter als die Mutter mit ihrem Kind. Die Ausstellung widmet diesem Thema einen eigenen Saal. Die Frauen, die sich schützend über ihre Kinder beugen, wirken oft alt, verbraucht, verstört. Zweifellos spiegelte Kollwitz den Verlust ihres Sohnes. Schon 1919 notierte sie verwundert in ihrem Tagebuch, wie schnell sie doch altere.

Bis zuletzt kämpfte die Künstlerin in der Weimarer Republik gegen die erstarkenden Nationalsozialisten, unterschrieb noch 1932 einen dringenden Appell von Prominenten zum „Zusammengehen der SPD und der KPD“. Als die NSDAP die Macht übernahm, wurde Kollwitz zum Verlassen der Akademie der Künste gezwungen. Es war wohl ihre große Popularität, die das Regime davon abhielt, sie direkt zu bedrohen oder gar zu ermorden. Eines ihrer letzten Blätter zeigt, wie die Hand des Todes die Schulter einer Frau berührt, in der Kollwitz zu erkennen ist.

Kunstforum Ingelheim , Altes Rathaus, Ingelheim: bis 18. Juli. www.art-in.de

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