Juul Kraijer, Untitled, 2016-2019.
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Juul Kraijer, Untitled, 2016-2019.

Sinclair-Haus Bad Homburg

Juul Kraijer: Medusa ist die Ruhe selbst

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Die stillen, Zeit und Raum enthobenen Zeichnungen und Fotografien Juul Kraijers in Bad Homburg.

Auch der Betrachterin ohne Schlangenphobie flattert es ein wenig im Magen angesichts eines Pythongewimmels und -geknäuels von gleich drei Seiten: „Spawn“, Laich oder Brut, ist der Titel einer dreiteiligen Videoinstallation Juul Kraijers, in der junge Pythons ein Frauengesicht umzüngeln. Die Assoziation führt unmittelbar zu Rubens’ oder Caravaggios Medusenhäuptern, zu aufgerissenen Augen, lautlos schreienden Mündern, Schlangengruben-Alpträumen. Aber die niederländische Künstlerin steuert die Besucherin gleichsam weg von allen Schreckensbildern. Denn diese Medusa ist die Ruhe selbst, zwinkert höchstens mal, wenn ein Schlänglein über ihre Stirn kriecht, gegen ihre Wange züngelt, ihrer Kinnlinie folgt. Keine Furcht, kein Ärger bewegen das stille Gesicht. Diese junge Frau ist die Ruhe selbst, ist mit sich und der hübschen Pythonbrut im Reinen.

Egal ob gefilmt, fotografiert, mit dem Kohlestift gezeichnet: Juul Kraijers Zeit und Raum enthobene Frauen nehmen alles, was mit ihnen geschieht, als selbstverständlich. Ein Käuzchen sitzt auf der nach hinten gebogenen Kehle? Fliegen haben sich auf den geschlossenen Augenlidern niedergelassen? Große braune Falter hängen am Gesicht? Dies auf Fotografien, aber trotzdem machen Kraijers junge Frauen den Eindruck, als hätten sie im Lauf der sicher langwierigen Fotositzung keineswegs gezuckt, als wäre für sie der Körperkontakt mit Tieren normal und natürlich.

Die Ausstellung „Juul Kraijer – Zweiheit“ hatte im Bad Homburger Museum Sinclair-Haus im März gerade begonnen, als sie wegen der Corona-Pandemie geschlossen werden musste. Jetzt kann sie wieder von bis zu 15 Personen gleichzeitig besucht werden: In einem Korb vor dem Eingang liegen farbige Wäscheklammern; wenn er leer ist, muss man halt warten, bis wieder jemand herauskommt.

„Zweiheit“ zeigt den Menschen als einerseits vollkommen isoliertes Lebe-Wesen, denn nie gibt es auf diesen Bildern eine Umgebung, einen Kontext. Andererseits hüllen ihn Insekten ein, wachsen Misteln aus seinem Hinterkopf, umschwärmen ihn Fischchen, trinken zierliche Kolibris aus kleinen Schnitten in der Haut, werden Hände zu Tauben. Allerdings: „ihn“? Juul Kraijer fotografiert, filmt, zeichnet Frauengesichter und -körper, „da mein Körper ja der einer Frau ist“. Sonst hätte sie das Gefühl, schreibt sie, „das Andere“ zu zeigen. Aber die Rolle des Fremden übernehmen in ihren Bildern eben die Tiere, und sie sollen der Betrachterin durchaus fremd und rätselhaft bleiben.

Juul Kraijer, geboren 1970 in Assen, Niederlande, studierte an der Academie voor Beeldende Kunste in Rotterdam Malerei. Und fand sehr schnell heraus, dass sie gar nicht malen will, sondern zeichnen. Die Zeichnung ist für sie keine Vorstufe für ein Gemälde, sie ist, wie etwas später die Fotografie, das Ziel. Und da vor allem die Kohlezeichnung, die das Schlichte mit dem Intrikaten verbindet. Dies zum Beispiel im Bild einer hockenden nackten, von der Betrachterin abgewandten Frau, deren Körperrückseite mit Meeresgetier bedeckt ist, mit Muscheln, Fisch-Schemen, Seeanemonen, einem Kraken links von der Wirbelsäule. Dies auch in der lebensgroßen Zeichnung einer Liegenden, Schwebenden (Ertrunkenen?), die umhüllt ist von kleinen Fischen. Ob sie knabbern am Körper? Ob sie ihn schützen? Ob das angenehm ist? Unheimlich? Juul Kraijer lässt alle derartigen Fragen offen.

Museum Sinclair-Haus, Bad Homburg: verlängert bis 2. August. www.museum-sinclair-haus.de

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