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Gintare Sokelyte, „Selfnoid“.
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Gintare Sokelyte, „Selfnoid“.

Frankfurter Kunstverein

„Junge Kunst aus Frankfurt“: In recycelten Landschaften

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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„Junge Kunst aus Frankfurt“ im Frankfurter Kunstverein zeigt Steine, Erde und Kaugummi.

Die Steine haben einen weiten Weg zurückgelegt, jetzt trudeln sie im Kreis. Oder besser gesagt: Sie klackern im Quadrat von Förderband zu Förderband. „Kreislauf“ heißt die Arbeit, die Max Brück im Frankfurter Kunstverein aufgebaut hat, und der Titel bezieht sich nicht allein auf die konkrete Installation, sondern auch auf die Herkunft der Steine. Es handelt sich um Bauschutt des Technischen Rathauses, ein brachialer Betonbau, der einst in Nachbarschaft des Kunstvereins stand und 2010 abgerissen wurde. Brück war damals 19 Jahre alt.

Für die Ausstellung „And This Is Us – Junge Kunst aus Frankfurt“ recherchierte und kontaktierte er die Firma, die die Reste des Gebäudes abgetragen, es in faustgroße Brocken zerkleinert und auf einer Deponie in Kelsterbach gelagert hat. Brück, der an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung studiert hat, zeigt diese Brocken – als Einzelstücke (jedes anders) und als Haufen. Er beleuchtet sie mit UV-armen Archivlampen, die aus einem hessischen Bildarchiv aussortiert wurden, und auch die Förderbänder sind gebraucht, sie stammen aus einer Fabrikauflösung in Essen. Es sei ihm wichtig, gebrauchte Materialien zu verwenden, erzählt der Künstler. Jedes seiner Stücke ist aufgeladen mit Erinnerung. Die Besucher dürfen einen der Steine mitnehmen, eingeschweißt in Plastikfolie, ein Stück Stadtgeschichte für Zuhause.

Brück ist einer von neun Künstlerinnen und Künstlern, die Kunstvereinsleiterin Franziska Nori eingeladen hat, eine umfangreiche Arbeit für das Ausstellungshaus zu entwickeln. Dort wo einst der Blick durch die Scheibe direkt auf das Technische Rathaus fiel, erstreckt sich nun die Idylle der neuen Altstadt, die man derzeit durch einen dezenten Farbfilter betrachten kann, den Agnese Galiotto auf die Scheiben gestrichen hat. Ein bläuliches Grün, das einen sanften Schleier über die fast schon unwirklich pittoresk anmutende Szenerie legt und sich an den Rändern zu Baumsilhouetten verdichtet. Das Geschehen im Freien wirkt nun fast wie ein Film. Die Malerei dient der Städelschul-Studentin (Jahrgang 1996) als Erweiterung des Bildraums für ihren Film „Miracoli“, der ihre Mutter Claudia porträtiert. Claudia erzählt ihre Geschichte, die von einer inneren Befreiung handelt, während sie in einer winterlichen Landschaft für einen Rad-Marathon trainiert.

Saya Schulzen, „Wölfin im Menschenfell“.

Im selben Raum befindet sich eine weitere karge Landschaft. HfG-Absolventin Michelle Harder (Jahrgang 1995) hat sechs Tonnen lehmigen Mutterboden, die auf einem Acker in Limburg ausgehoben wurden, auf dem Boden des Kunstvereins zu Inseln arrangiert. Aus den hellbraunen Bröckchen ragen gespenstische Körperfragmente, die wirken, als seien sie als Ergebnis einer menschlichen Häutung übriggeblieben. Die Erde hat sie mit Wasser vermischt und daraus eigene Körperteile abgeformt, von denen man nun nicht genau weiß, ob sie aus dem Naturmaterial erwachsen oder ob sie gerade dabei sind, sich in ihre Bestandteile aufzulösen. Wie alle Beteiligten hat Harder nicht nur einen Raum markiert, sondern im besten Sinne ein Terrain besetzt und damit einen eigenen Kosmos geschaffen.

Bei Faina Yunusova ragt dieser Kosmos auch in den virtuellen Raum. Die HfG-Studentin, die 1991 in Tashkent geboren wurde, inszenierte eine digitale Performance, in der sie typische Trends aus den Sozialen Medien auf lustvolle und ironisch überspitzte Weise zitiert. All dies in der Kulisse eines Schlafzimmers, in der sich Besucher nun räkeln und selbst inszenieren können. Postet man ein Bild auf Instagram unter #SugarMacht wird man Teil der Installation.

Extra Professional Gummi

Bei Gintare Sokelyte ragen Körperfragmente in extrovertierten Posen von den Wänden in den Raum. In der Mitte befindet eine Drei-Kanal-Filmarbeit, in der zwei sehr unterschiedliche Frauen, die durch eine Glaswand voneinander getrennt sind, einen stummen Dialog zu führen scheinen. Es dauert eine Weile, bis man bemerkt, dass eine davon kein Mensch, sondern ein Roboter mit künstlicher Intelligenz ist. Diese Figur hat ein Freund der Künstlerin, die 1986 in Litauen geboren wurde und an der Städelschule studiert, konstruiert. Eine Weile, so erfährt man, lebte er mit dieser Figur – bis er es nicht mehr aushielt.

Das Werk von Isabell Ratzinger beginnt bereits vor der Eingangstür, wo sie weichgeknatschte Kaugummis zum Schriftzug „And this is the Rest“ ins Pflaster gedrückt hat. Auch ihre Rauminstallation im Obergeschoss des Kunstvereins besteht zu großen Teilen aus Kaugummi und seiner Verpackung, genau genommen handelt es sich um Wrigley’s Extra Professional White Kaugummi, die (ungekaut) zum Beispiel als Verkleidung einer Sitzbank dienen. Aus den Papierchen, in denen die Kaugummis eingewickelt waren, hat sie zwei Wandbilder geschossen.

Die Methode ähnelt der, die man aus Schulzeiten kennt, als zerkaute Papierchen durch Blasrohre gepustet wurden. Ratzinger hat sie mit selbst gebauten Armbrüsten, die sie aus Fragmenten von Haushaltsutensilien (Staubsaugerrohr, Bügelbrettständer, Farbrolle, etc.) gebaut hat, an die Wände geschossen. Die Bilder formen Silhouetten, die für jene Nachwuchskünstlerinnen und -künstler stehen, die in der Ausstellung nicht vertreten sind. „Extra Professional White“ ist hierbei als Institutionskritik am White Cube zu verstehen.

Frankfurter Kunstverein: bis 5.September. www.fkv.de

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