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Michael Pfrommer: „O.T.“, 2012.

Kunst

So jung wie nie

Eine Ausstellung im Kunstraum Tanas: „New Kids of the Block“ – ausgewählt von Ayse Erkmen. 23 junge Künstler hat Erkmen für die Schau ausgewählt.

Von Irmgard Berner

In dem Wort „kuratieren“ steckt das lateinische Verb „curare“, was „sich kümmern“ bedeutet. In diesem Sinne lässt sich die erweiterte Arbeit der Künstlerin Ayse Erkmen begreifen. Denn die aus Istanbul stammende Bildhauerin kümmert sich um den Nachwuchs, den sie bereits durch ein Studium in ihrer Klasse begleitete, als Absolventen in das Leben eines freien Künstlers entließ – das sie teils international sehr erfolgreich bestreiten – oder als Studenten und Meisterschüler noch begleitet. Erkmen ist seit 2010 Professorin für Bildhauerei an der Kunstakademie Münster.

Kuratorische Obsorge übernahm sie nun auf Einladung von René Block für einen Ausstellungsparcours im Kunstraum Tanas. 23 ihrer jungen Künstler hat Erkmen für die Schau ausgewählt. „Wir haben immer Kontakt gehalten“, erzählt sie beim Gang durch die Ausstellung, und kommentiert die einzelnen Werke voller Respekt. Bei einem Treffen seien sie gemeinsam auf den Namen „New Kids of the Block“ gekommen, der sich augenzwinkernd auf eine der jüngsten Popmusik-Boygroups aus den 80er-Jahren und auf den Hausherrn bezieht.

Unter dem Slogan „So jung war Tanas noch nie!“ breiten sie ein alle bildkünstlerischen Genres umspannendes Feld aus. Gleich hinter dem Eingang hat die Spanierin Nadia Pereira Benavente, 28, eine nur vordergründig gemütlich-spießige Sitzecke mit Fernseher, Couchtisch und Bonbonschale eingerichtet. Mit „The Candy Man Can“ greift sie die Geschichte eines Serienkillers auf, der in den 70er-Jahren in den USA gewütet hat. In dem Video überlagert sie die Aufzeichnungen mit dem gleichnamigen Song von Sammy Davis Jr., auf selbstgemachten Bonbons bildet sie das Konterfei des Mörders ab. Der Besucher darf zugreifen.

Spannungsvolle Bezüge

Vorbei geht es an einer wandfüllenden Farbpalette aus Handtüchern, die Jonas Hohnke in Reihen aufgehängt hat. Ihnen dadurch ihren Dienst entzieht, sie aber in ihrer Materie unverändert lässt. In der großen Halle trifft man auf Arbeiten, die allesamt spannungsvoll Bezüge zueinander aufnehmen. So hat der Südafrikaner Mandla Reuter, 38, eine mehrteilige Installation bestehend aus der Kataster-Karte „Survey II“, einem Briefumschlag mit seiner Adresse und einer dicken Eisenplatte auf dem Boden, die alles erdet, so verstreut, dass dazwischen die skurrilen Malereien Michael Pfrommers und daneben die in traditioneller Handarbeit gefertigten, fragilen Ablagen aus Häkelarbeiten und Keramikstäben der Deutsch-Südafrikanerin Birgit Wichern, 25, Fragen nach der kulturellen Durchmischung von Gesellschaften potenzieren.

Zusammengerollt wie schlafende Vipern liegen je drei Stacheldrahtrollen in aufgeklappten Vitrinentischen. Ihr Gift sind die mörderisch scharfen, nur scheinbar gezähmten Stacheln und Klingen. Drei Sorten Abschreckdrähte ergibt drei Sorten Schmerz. „Aua“ ist der Ausruf, den das Künstlerduo Özlem Günyol & Mustafa Kunt dazu aufgefangen hat und in drei Partituren und Soundversionen computertechnisch verarbeitet hat. Auf den Pultdeckeln stehen die Schreie nüchtern abstrakt in Notenzeilen, als wären sie die Stimmen zu einem Klavier-Trio, während durch die Kopfhörer die Töne ins Gehör stechen.

So wie sich hier Erfahrung mit Konzept verdichtet, findet Stephanie Gudra, 32, mit analoger Fotografie zu minimalistisch schönen Bildern. Auf „Fliegt heim, ihr Raben“ lässt sie einfach eine Linse in Rauch aufgehen. Daneben hängt ein von der Südkoreanerin Bo Hee Choi, 32, gezeichnetes Handy in Passepartout-Rahmung, in dessen Display eine Wasserfontäne sprudelt. Den Boden bei Tanas nahm sich Sunah Choi, 45, vor. Die Spuren seiner ehemals industriellen Nutzungsgeschichte transformiert sie in ästhetisch beeindruckende Stahlplatten-Objekte. Die „New Kids“ können sich glücklich schätzen, zu Erkmens Bande zu gehören.

Tanas, Heidestraße 50, bis 11. Mai, Di–Sa 11–18 Uhr.

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