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Oskar Zwintscher, „Bildnis mit gelben Narzissen“, 1907.

Kunst in Wiesbaden

Jugendstil in Wiesbaden: Dieser unbändige Drang nach Natur

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Jugendstil in besonders schöner Form: Das Museum Wiesbaden hat einen neuen Sammlungsbereich.

Mit einem Buch fing alles an. Anfang der 70er Jahre bekam Ferdinand Wolfgang Neess einen Bildband über den Jugendstil geschenkt – und entdeckte seine Begeisterung für die Kunstrichtung. Er fing an zu sammeln, erwarb Möbel, Glas, Lampen. Die Sammlung sollte ein kontextuell geschlossenes Gesamtkunstwerk sein, das war sein Anspruch. Und tatsächlich hat Neess eine der bedeutendsten Privatsammlungen des Jugendstils und des Symbolismus zusammengetragen, über die man sich nun im Museum Wiesbaden freut: Mittels einer Schenkung vermachte Neess seine Sammlung vor rund zwei Jahren dem Haus, das nun eine neue Dauerausstellung hat.

Im eigenes sanierten und erweiterten Südflügel ist ein Querschnitt durch alle Gattungen des Jugendstils zu sehen. Mehr als 500 auf höchstem Niveau zusammengetragene Objekte wetteifern um die Gunst des Auges und ergeben doch auch, ganz nach Neess’ Idee, ein opulentes Gesamtkunstwerk.

Noch vor dem eigentlichen Ausstellungsbereich begrüßt neben dem Mäzen (in Form eines Gemäldes, das ihn als kleinen Jungen zeigt) Loïe Fuller die Interessierten. Historische Filmaufnahmen zeigen den Auftritt der Tänzerin bei der Weltausstellung 1900 in Paris, die für die gesamteuropäische Wahrnehmung des neuen Stils von zentraler Bedeutung gewesen war. Fuller baute das damals noch junge elektrische Licht in ihre Performance ein und inspirierte mit ihrem unkonventionellen Ausdruckstanz die Kunstwelt, vor allem die Künstler des Jugendstils.

Wer den ersten Raum der Dauerausstellung betritt, weiß gar nicht, wohin der Blick zuerst gehen soll. Das Tageslicht fällt, gefiltert durch Sichtblenden in Form riesiger Tiffany-Glasmotive, nur matt, dafür umso farbiger in den Raum. Überall strahlen Lampen – eine künstlich beleuchtete Welt aus Blumenblättern und Früchten auf transparentem Glas. Die Körper werden von innen heraus beleuchtet, das elektrische Licht strahlt in vielen Farben.

Auch die Möbel in diesem Raum sind viel mehr Kunst als Alltagsgegenstände, gilt ihre künstlerische Überformung doch als eines der prägenden Motive des Jugendstils. Besonders schön ist das zu sehen am Schreibtisch „Orchidées“ von Louis Majorelle, dessen geschwungene Tischbeine wie Ranken aus dem Boden zu wachsen scheinen.

Michael Powolny, „Mädchen mit Rosen“, um 1911/12.

Einer der Höhepunkte der Schau ist eine begehbare Skulptur: ein ovalförmiger Raum, der mit Objekten des französischen Jugenstils, der Art Nouveau, eingerichtet ist. Vor allem Arbeiten von Hector Guimard sind hier vertreten; sein Stil dürfte vielen von den von ihm entworfenen „Metropolitain“-Schriftzügen über den Eingängen der Pariser Metro bekannt vorkommen. Unbedingt erwähnenswert ist „La Nature“ von Alphonse Mucha, die in der begehbaren Skulptur auf einem Kamin Platz findet: eine Frauenbüste aus vergoldeter und versilberter Bronze, deren Haare wie Wellen an ihr herunterfallen – auch hier ist der unbändige Drang nach Natur unübersehbar.

Die Künstler, deren Objekte zu sehen sind, hatten verschiedene Herangehensweisen an ihre Arbeit, abhängig davon, aus welchem Land sie kamen – auch das zeigt die Schau in Wiesbaden. Eine Sitzgruppe des französischen Künstlers Georges de Feure etwa, deren Tisch und Stühle geschwungene, vergoldete Beine haben, vermittelt einen ganz anderen Eindruck als die eher klaren und zurückgenommenen Möbel des Österreichers Koloman Moser – und doch gehören beide unübersehbar zum selben Stil.

Neben Lampen, Möbeln und Vasen zählen auch mehr als 90 Gemälde, Pastelle und Aquarelle von Künstlern aus ganz Europa dazu. „Heimkehr“ von Heinrich Vogeler etwa, das einen Ritter und seine ihn umarmende Geliebte zeigt und in „Abschied“ noch einen Gegenpart hat – der ist allerdings nicht Teil der Neess’schen Sammlung und folglich nicht in Wiesbaden zu sehen. Auch das Weibliche, das neben der Natur bezeichnend den Jugendstil besonders interessierte, ist vor allem in Form von Gemälden präsent. Viele der Bilder haben etwas Mystisches, Rätselhaftes, teilweise auch Melancholisches an sich – oftmals als Ausdruck der gesellschaftlichen Umbrüche um 1900.

Ein Teil der Objekte war bei der Weltausstellung in Paris 1900 zu sehen. In Wiesbaden werden sie eingerahmt durch originale Film- und Bildaufnahmen, die, ergänzt durch weitere Videos, unter anderem in einem kleinen Kino am Ende des Rundgangs viele Zusatzinformationen vermitteln.

Museum Wiesbaden. Katalog im Deutschen Kunstverlag Berlin, 336 S., 29,90 Euro. www.museum-wiesbaden.de

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