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Krisenstimmung hinter der Fassade: Das Jüdische Museum Berlin.  

Berlin

Jüdisches Museum Berlin: Unter Beobachtung

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Die Bewerbungsfrist für den Direktorenposten im Jüdischen Museum Berlin ist abgelaufen. Wird der oder die Neue jüdisch sein? Und wie unabhängig wird das Haus künftig geleitet werden dürfen?

Schief steht sie, die Metallstele auf der Lindenstraße, die den Weg ins Jüdische Museum Berlin weist. Und dieser Tage erscheint einem das wie ein Symbol: für den schiefen Haussegen, für die instabile Lage des Hauses, dessen Direktor Peter Schäfer Mitte Juni zurückgetreten ist, für die ungewisse Zukunft des größten und wichtigsten Jüdischen Museums in Deutschland, eine Institution der Bundesrepublik, in das jedes Jahr mehr als 600 000 Besucher kommen. „Closed but offen“, heißt es dann auch noch widersprüchlich auf dem provisorischen Schild direkt vor der Eingangstür. Es ist ein Hinweis darauf, dass das Herzstück des Hauses, die Dauerausstellung derzeit geschlossen ist. Sie wird neu konzipiert und soll im Mai 2020 wieder öffnen.

Viel ist nicht nach außen gedrungen, seit Schäfer weg ist. Wie sich sein Fehlen auswirke? „Da fragen Sie besser die Pressestelle“, antwortet eine Kuratorin. „Ich arbeite hier auf Honorarbasis“, sagt eine junge Israelin, deren roter Schal mit dem blitzförmigen Grundriss des Libeskind-Baus sie als Host, als Gastgeberin, zu erkennen gibt.

Der überstürzte Rücktritt Schäfers, ein international hoch angesehener Judaist, den der Gründungsdirektor des Jüdischen Museums W. Michael Blumenthal 2014 ins Amt hob, hat das Haus erschüttert. Und auch die Beurlaubung der langjährigen Pressesprecherin. Ihr Tweet mit einem Hinweis auf einen taz-Artikel hatte zum Eklat geführt. Er berichtete über die Initiative von 240 israelischen und jüdischen Wissenschaftlern gegen einen Bundestagsbeschluss, der die israel-kritische BDS-Bewegung als antisemitisch bewertet. Der Zentralrat der Juden reagierte irritiert: „Das Maß ist voll. Das Jüdische Museum Berlin scheint gänzlich außer Kontrolle geraten zu sein. Unter diesen Umständen muss man darüber nachdenken, ob die Bezeichnung ,jüdisch‘ noch angemessen ist“, twitterte dessen Vorsitzender Josef Schuster. Auch der israelische Botschafter meldete sich kritisch zu Wort. Die „Jerusalem Post“ schrieb über das Berliner Haus: „Das ist kein jüdisches, sondern ein anti-jüdisches Museum.“

Die Sprecherin wurde beurlaubt, das wirkte wie eine Schuldzuweisung aus dem eigenen Haus. Wenige Tage später trat dann Peter Schäfer von seinem Posten zurück, und kurz darauf setzte die Kulturstaatsministerin Monika Grütters den Historiker und CDU-Politiker Christoph Stölzl als Vertrauensmann für den Stiftungsrat ein – ehrenamtlich, bis ein Nachfolger für Schäfer gefunden ist.

Wer über Peter Schäfer spricht, möchte seinen Namen nicht öffentlich machen. Der 76-Jährige sei mit seiner Aufgabe überfordert gewesen, heißt es, er habe sich vor Kritik weggeduckt, andere vorgeschoben. Vielleicht war der hervorragende Wissenschaftler einfach kein geeigneter Museumsleiter.

Aber Schäfer ist Vergangenheit, und man merkt in allen Gesprächen, dass jetzt nach vorne geblickt wird, dass es um die Zukunft geht. Am Wochenende endete die Ausschreibung, mit der auf der ganzen Welt nach einer neuen Leitung für dieses wichtige Haus gesucht wird, nach einem „Museumsprofi“, wie die Kulturstaatsministerin auf der Webseite des Museums zitiert wird, der einen Etat von 19 Millionen Euro zur Verfügung haben und mehr als 160 Beschäftigten vorstehen wird. Bei dieser Ausschreibung kommt es auf jedes Wort an, denn es geht nicht nur darum, einen frei gewordenen Posten zu besetzen, sondern um das Haus selbst. Darum, welche Rolle es spielen soll, an wen es sich richtet, was es darf und was nicht. Und an der Stelle lohnt es sich doch, den Blick noch einmal zurück in die Vergangenheit zu richten.

Das Jüdische Museum ist ein Haus unter Beobachtung. Auf Kritik, und zwar die des israelischen Premierministers Netanjahu, war schon die im Dezember 2017 eröffnete Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ gestoßen: Sie sei zu palästinenserfreundlich, berücksichtige die israelische Perspektive zu wenig. Netanjahu soll sogar die Bundesregierung aufgefordert haben, dem Museum die Mittel zu streichen. „Besuch von den Mullahs“ betitelte die „Jüdische Allgemeine“ ihren scharfen Artikel über die Visite des iranischen Kulturrats, der von Schäfer durchs Museum geführt wurde.

Vergangenes Jahr wurde der palästinensische Friedensforscher Sa’ed Atshan vom Museum ein- und wieder ausgeladen, nachdem der israelische Botschafter gegen seinen Auftritt protestiert hatte: Er stünde der BDS-Bewegung nahe. Atshan hatte über den Alltag homosexueller Palästinenser in Ostjerusalem sprechen sollen. Die Nacherzählung zeigt: Das Jüdische Museum Berlin wird belauert, viele möchten Kontrolle ausüben oder gar Einfluss nehmen und fühlen sich dazu berechtigt, auch wenn sie es formal gar nicht sind. Wer immer es künftig leitet, muss dem selbstbewusst standhalten können.

In der Ausschreibung ist von Druck solcher Art nicht die Rede. Stattdessen geht es um Teamfähigkeit und wirtschaftlichen Sachverstand. Auch Hebräischkenntnisse seien wünschenswert. Der wichtigste Satz in der Ausschreibung lautet: Gesucht wird jemand, der dafür sorgt, dass das Jüdische Museum Berlin „weiterhin aktiv am gesellschaftlichen Diskurs teilnimmt, wichtige, auch kontroverse Themen setzt“. Eine Komfortzone scheint der Bund also nicht einrichten zu wollen.

Und es gibt noch eine Frage, mit der sich die Findungskommission unter Leitung von Monika Grütters auseinandersetzen muss: Wäre es besser, ein Jude leitete das Museum? Josef Schuster vom Zentralrat der Juden hatte diesen Gedanken in einem Interview geäußert. „Es machte die Sache eindeutig leichter“, sagt Emile Schrijver. Er ist gerade auf dem Weg zur Arbeit, als wir telefonieren. „Wir können Deutsch sprechen“, sagt er gleich. Schrijver leitet das Jüdische Kulturelle Viertel in Amsterdam, und damit das Jüdische Historische Museum dort, das Kindermuseum, die Portugiesische Synagoge, die Ets-Haim-Bibliothek und die Gedenk- und Ausstellungsstätte Hollandsche Schouwburg. Schrijver ist nicht Jude, jedenfalls nach jüdischem Verständnis. „Ich habe einen jüdischen Vater.“ Wichtiger für die Leitung eines jüdischen Museums sei aber der gesellschaftliche und wissenschaftliche Ruf.

Emile Schrijver hat 1989 die Association of European Jewish Museums mitgegründet, die Vereinigung europäischer jüdischer Museen. Sechzig Häuser repräsentiert die Organisation, Schrijver ist ihr Vorsitzender. Und ihm fällt auf, dass diese Museen überall unter stärkerer Beobachtung stehen, dass die Heftigkeit der Debatten zunimmt.

Die Vereinigung reagiert mit ihren Mitteln: Sofort nach dem Rücktritt Schäfers veröffentlichten sie ein Statement, in dem sie betonten, wie wichtig die Unabhängigkeit für jüdische Museen sei: „Sie sollten Schutzräume für riskante Ideen sein.“ Bei Schrijver klingt Wochen später noch persönliche Betroffenheit mit. Er spricht von einer Vendetta gegen Schäfer. „Unsere Gesellschaft braucht Orte, an denen man frei diskutieren kann“, sagt er. Das gelte auch für Deutschland, selbst wenn dort die Lage aufgrund der Geschichte anders sei als in anderen Ländern. Aber das gebe „Interessengruppen“, wie Schrijver es nennt, nicht das Recht sich einzumischen. „Sie sollten lieber eine kritische Diskussion mit dem Museum führen.“ Dann sagt er noch, dass der Raum für redliche, zurückhaltende Ideen schrumpfe. „Schwarz-Weiß wird gehört, aber die besten Ideen kommen aus den grauen Tönen.“

Auch das Jüdische Kulturmuseum in Augsburg gehört Schrijvers Vereinigung an, es ist das älteste jüdische Museum in Deutschland, gegründet 1985, als Gedächtnisort für eine ausgerottete Kultur. Damals passte das. Heute gibt es dank der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion wieder große jüdische Gemeinden in Deutschland. Und damit hat sich auch die Rolle der jüdischen Museen hierzulande verändert. Sie haben andere Aufgaben.

Die aus Österreich stammende Judaistin Barbara Staudinger, 45, hat die Leitung in Augsburg erst vor einem Jahr übernommen. Am Telefon erzählt sie, dass sich ihr Büro in einem Seitentrakt der Augsburger Synagoge befindet – eine ganz andere Situation als in Berlin. Aber auch in Augsburg richten sich die Augen auf das Haus in Kreuzberg. „Im Jüdischen Museum Berlin verdichtet sich etwas, das gerade in ganz Europa passiert: das Ringen um die Deutungsmacht in den Museen“, sagt sie. Nationale Museen würden errichtet, das Haus der Bayerischen Geschichte etwa – „da kommen Juden nur in einer Ecke vor“ –, das Haus der Geschichte Österreichs. „Ich glaube, weil der Museumsdiskurs nationalisiert wird, kommt der israelische Botschafter überhaupt auf die Idee, einen Anruf zu tätigen.“

Augsburg ist nicht Berlin, aber manches gilt überall. „Aus tiefer Überzeugung halte ich jedes Museum per se für einen politischen Ort“, sagt Barbara Staudinger. „Die Frage ist nur, was dort verhandelt wird.“ Den Nahost-Konflikt zu adressieren, sei nicht primär das Ziel ihres Hauses, das ein Diaspora-Museum sei. „Israel ist hier Ort der Hoffnung, vielleicht der Zukunft.“ Ihr Jüdisches Museum sei auch nicht unbedingt der geeignete Ort für den jüdisch-muslimischen Dialog an sich, es sei denn, es gehe um die gegenwärtige Gesellschaft in Deutschland. Sie sagt aber auch, dass es wichtig sei, sich keinen Maulkorb zu verpassen. „Dann können wir die Museen zusperren.“

„Mehr Gegenwart wagen!“ hieß ein Essay von Dmitrij Belkin, den er vor ein paar Jahren in der „Jüdischen Allgemeinen Zeitung“ veröffentlichte. Der Historiker hat vergangenes Jahr den Jüdischen Zukunftskongress in Berlin organisiert und leitet heute beim Zentralrat der Juden das Projekt „Schalom Aleikum. Jüdisch-muslimischer Dialog“. Der Text war ein Plädoyer dafür, in den jüdischen Museen die nach 1990 in Deutschland entstandene jüdische Gemeinschaft zu thematisieren. Und es scheint, dass die neue Dauerausstellung im Berliner Haus genau das tun wird.

Beim Sommerfest des Jüdischen Museums im August werden im zweiten Stock im Halbstundenrhythmus Objekte vorgestellt, die von Mai 2020 an dort zu sehen sein werden. An der Wand hinter der Kuratorin hängt ein Plan der neuen Dauerausstellung. Die chronologische Darstellung der Geschichte der Juden in Deutschland wird immer wieder von sogenannten thematischen Inseln durchbrochen. „Klang“ heißt eine, oder „Kabbala“. „Eine wichtige Entscheidung war es, der Gegenwart mehr Raum zu geben,“ sagt Martina Lüdecke. Ein Viertel des Ausstellungsraums nimmt sie bald ein. Es wird um die Einwanderung russischer Juden gehen, die jüdische Community in Deutschland, die Menschen selbst sollen zu Wort kommen.

Die neue Ausstellung wird von Kuratoren aus dem Haus geplant, Cilly Kugelmann, einst Programmdirektorin hier und bereits pensioniert, ist mittels eines Beratervertrags stark eingebunden. Auch das ist ein Ausdruck der Krise. Historikerin Léontine Meijer-van Mensch, die ihr als Programmdirektorin nachgefolgt war, hat das Haus nach nur eineinhalb Jahren Mitte 2018 wieder verlassen. Wir treffen uns an einem Vormittag im Café des Museums. Kugelmann, von 1986 bis 2000 im Jüdischen Museum Frankfurt tätig, braucht nur ein paar Sätze, um die komplizierte Lage zusammenfassen: „Jüdische Museen in Deutschland stehen immer noch im Schatten des Holocaust“, sagt sie. „Dann kommt der Staat Israel dazu, für den Deutschland eine besondere Verantwortung empfindet.“ Und bei Israel sei man immer Partei, sei dafür oder dagegen. „Nicht zu urteilen ist ganz schwer, für Deutsche wie für Juden.“

Unter ihrer Ägide wird das Thema Antisemitismus neu präsentiert. Nicht, weil der Antisemitismus intensiver geworden sei. Das bezweifelt Cilly Kugelmann. „Er ist offener geworden.“ Das neue Konzept sieht vor, die Besucher stärker zu fordern. „Soll das abgeschlagen werden?“, lautet zum Beispiel eine Frage in Bezug auf die Judensau an der Wittenberger Stadtkirche. Es gibt Einspieler, Experten kommen zu Wort. Stoff zum Nachdenken. „Ein Museum sollte Besucher zu neuen Erkenntnissen verführen“, sagt Cilly Kugelmann.

Gefragt nach ihren Wunschvorstellungen für die künftige Leitung des Museums, gibt Cilly Kugelmann eine überraschende Antwort: „Ich würde mir eine Persönlichkeit wie Barrie Kosky wünschen. Jemanden, der Lust hat, den Themen, mit denen er umgeht, einen Dreh zu geben, der verblüffend und überraschend ist.“ So wie es ihm bei seiner Inszenierung von „Anatevka“ an der Komischen Oper gelungen sei.

Barrie Kosky ist Jude, Cilly Kugelmann ist Jüdin, aber anders als Emile Schrijver in Amsterdam glaubt sie nicht, dass es ein Jude an der Spitze des Museums leichter hätte. „Wenn er ein jüdisches Heimatmuseum macht, dann schon. Warum dieser ,Herkunftswahn‘?, fragt sie. „Ist ein jüdischer Therapeut eher geeignet, einen Juden zu behandeln?“ Diese Frage, findet sie, sollte man sich gar nicht stellen.

Vielleicht muss man so weit weg sein von Berlin wie Barbara Staudinger in Augsburg. Aus der Ferne sieht sie nicht nur Druck und Anspannung, sondern auch das Positive: „Der Eklat hat uns europäische jüdische Museen näher zusammengebracht. Wir diskutieren jetzt über Fragen, die schon lange da liegen.“ Zum Beispiel darüber, was jüdisch ist. Eine abschließende Definition gibt es ihrer Meinung nach nicht. Cilly Kugelmann in Berlin sagt im Grunde dasselbe: „Uneindeutigkeit, Widerspruch – das sind unsere Themen.“

Im März soll die neue Leitung ihren Posten in Berlin antreten.

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