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Blick in die Ausstellung. Foto: Krzysztof Krzeminski

Polen

Ein jüdisch-deutsches Haus

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In Gliwice widmet sich erstmals in Polen eine Dauerausstellung der lange ignorierten Geschichte der oberschlesischen Juden.

Es ist ein sehr emotionaler Tag für mich“, sagt Wlodzimierz Kac. Soeben ist die neue Dauerausstellung zur Geschichte „Juden in Oberschlesien“ im Haus der Juden aus Oberschlesien eröffnet worden, einer Zweigstelle des Museums von Gliwice, ehemals: Gleiwitz. Der 67-jährige Kac ist Vorsitzender der jüdischen Konfessionsgemeinde jener Region, um die es in der Schau geht – heute zählt sie kaum mehr als 200 Mitglieder.

Dass anno 2019 nur so wenige Juden hier leben, sei einer der Gründe dafür, dass es bislang in Polen keine vergleichbare museale Aufarbeitung deutsch-jüdischen Lebens in dieser von der Schwerindustrie geprägten Landschaft gegeben habe, sagt Kac: „In der großen Ausstellung der Geschichte Oberschlesiens in Kattowitz etwa gewinnt man den Eindruck, dass die Region faktisch nur von Polen und Katholiken aufgebaut wurde – von deutschen Protestanten und eben auch deutschen Juden kaum eine Spur.“

Im rund 180 000 Einwohner zählenden Gliwice, etwa dreißig Kilometer westlich der regionalen Hauptstadt Kattowitz, nutzen die Kuratorin Bozena Kubit und ihr Team rund 150 Quadratmeter für eine atmosphärisch dichte, inhaltlich klar strukturierte Schau. Anhand von Objekten, Briefen und Bildern dokumentieren sie – orientiert an dem einst deutschen Regierungsbezirk Oppeln, der auch Teile Niederschlesiens umfasste – jüdisches Leben seit der ersten urkundlichen Erwähnung im 13. Jahrhundert, als aus Westeuropa vertriebene Juden Schutz im Osten suchten. Die Ausstellung reicht bis hinein in das 20. Jahrhundert, da jüdisches Leben durch die Shoa auch hier nahezu vollständig zerstört wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte es unter mitunter schwierigen Vorzeichen neu entstehen. Die wenigen heute hier lebenden Juden sind zumeist Nachfahren der nach 1945 aus dem Osten zugewanderten polnischen Juden.

Der Schwerpunkt der Schau, sagt Kuratorin Kubit im Gespräch, liege nicht zufällig auf dem 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Zahl und auch der Einfluss der sich wandelnden und assimilierenden jüdischen Bevölkerung sei in dieser Zeit am größten gewesen. Sie und ihr Team haben bei der Forschungsarbeit mit etlichen Einrichtungen und Privatpersonen auch aus Deutschland zusammengearbeitet. „Ich bin davon überzeugt, dass diese Dauerausstellung das Fundament für die Entwicklung von weiteren Forschungsprojekten mit ausländischen Institutionen ist“, sagt Kubit.

Im dazugehörigen Onlineportal, der „Schatzkiste des Wissens“ (skarbnica.muzeum.gliwice.pl/), bündelt das Museumsteam bereits jetzt immer mehr vertiefende Informationen, auch auf Deutsch. „Wir wollen, dass noch mehr Menschen, die das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz besuchen, auch zu uns kommen“, sagt die Ethnografin. Viele Besucher hätten das Bedürfnis, das Land auch jenseits des Traumas kennenzulernen, mit dem man im rund 70 Kilometer entfernten Auschwitz-Museum konfrontiert werde.

Auch die Gleiwitzer Ausstellung zeigt die Shoa und die Todeswege der oberschlesischen Juden. Doch insgesamt dominiert das jüdische Leben in seiner einstigen Vielfalt: Es werden Persönlichkeiten vorgestellt, die über die Region hinaus wirkten – etwa der Unternehmer Oscar Troplowitz, Begründer des Beiersdorf-Konzerns und Miterfinder der Nivea-Creme, oder Leo Baeck, der in Opole sein Hauptwerk „Das Wesen des Judentums“ schrieb. Aber auch weniger bekannte wie der Kattowitzer Rabbiner Kalman Chameides (1902-1943), der „seine Predigten auf Polnisch begann, dann zu Deutsch überging, und in der jiddischen Sprache aufhörte, um die gesamte Gemeinde zu erreichen“. Oberschlesisch eben.

1884 und damit 13 Jahre vor dem großen Zionistenkongress von Basel fand in Kattowitz die erste internationale zionistische Konferenz der Chibbat-Zion-Bewegung statt, auf der die Beteiligten die Unterstützung neuer jüdischer Siedlungen in Palästina beschlossen. Die besondere multiethnische und multikonfessionelle Stellung der Region verdeutlicht hingegen die Geschichte rund um Franz Bernheim: der Fall des jüdischen Verkäufers, der 1933 von seinem Gleiwitzer Arbeitgeber entlassen worden war, landete als Bernheim-Petition vor dem Völkerbund in Genf und erregte internationales Aufsehen. Der Völkerbund verpflichtete in der Folge das Deutsche Reich, sich an die im deutsch-polnischen Vertrag von 1922 festgelegten Schutz der Minderheiten in Oberschlesien zu halten – tatsächlich galten bis zum Auslaufen des Vertrags im Juli 1937 die Rassengesetze in der Region nicht.

Doch nicht nur die Ausstellung, von der Stadt Gliwice, dem polnischen Kultusministerium sowie der deutschen Botschaft finanziert, birgt Geschichten und Biografien in fundiert verdichteter Form. Auch das Gebäude, in dem die Schau gezeigt wird, ist eine „architektonische Perle“, wie Wlodzimierz Kac betont. Die an der Wende zum 20. Jahrhundert durch den Wiener Architekten Max Fleischer entworfene, einstige Friedhofshalle ist vor einigen Jahren durch die Stadt aufwendig restauriert worden. Neben der nun eröffneten Dauerausstellung sowie einem kreativ eingerichteten Bildungs- und Debattenraum ist vor allem die zentrale Zeremonialhalle imposant. Als bei der Eröffnung der Sänger Mariusz Korn jüdische Lieder vorträgt, scheint in seiner Stimme die gesamte komplexe Geschichte jener Menschen widerzuhallen, die einst hier lebten, starben oder von hier aus in die weite Welt zogen.

Anna Frid ist eine der wenigen Jüdinnen, die geblieben sind, auch wenn sie in Schweden eine zweite Wohnung hat. Seit der Eröffnung des „Hauses der Juden aus Oberschlesien“ vor drei Jahren unterstützt die 68-Jährige als Ehrenamtliche das Team des Museums – und sieht das Potenzial von Orten wie diesen. Antisemitische Einstellungen nehme sie in Polen auch heute wahr. „Doch bei den Veranstaltungen oder Vorträgen im Haus, bei denen der Saal fast immer voll ist, kommen so viele Menschen, die erstaunlich viel wissen. Und vor allem: noch mehr wissen wollen.“

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