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Schirn-Jubiläum

Das Jubiläum als Versprechen

  • VonPeter Iden
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Am Anfang stand einige Skepsis, heute ist der Kulturschlauch am Römer aus dem deutschen Ausstellungswesen nicht mehr wegzudenken. Die Geschichte der Kunsthalle Schirn in Frankfurt.

Es ist eine Erfolgsbilanz, die in der Geschichte der Ausstellungshäuser ohne eigene Sammlung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg allenfalls derjenigen des Berliner Martin-Gropius-Baus vergleichbar ist. Seit fünfundzwanzig Jahren gibt es die Frankfurter Schirn Kunsthalle, 92 eng bedruckte Seiten, mit pro Blatt mehreren Titeln und Kurzbeschreibungen der Projekte, umfasst inzwischen die Aufzählung von deutlich mehr als 200 realisierten Ausstellungs-Vorhaben während des vergangenen Vierteljahrhunderts. Was mit diesem imponierenden Angebot von öffentlichen Darstellungen historischer wie gegenwärtiger künstlerischer Bewegungen an Kunstwerken in die Stadt geholt und für das Publikum sichtbar wurde, ist ein tatsächlich immenser Zustrom kultureller Informationen, nicht abzuschätzen in seiner Wirkung auf das Denken, die Empfindungswelt und die Bildung Hunderttausender von Besuchern.

Bei der Planung formierte sich Widerstand

Territorial und zeitlich so weit ausgreifend – von Exkursen in dunkle Vorzeiten alter Kulturen in Europa, in China, Syrien und Ägypten, in Afrika wie in Südamerika, bis zu den Auftritten von Protagonisten der aktuellen Kunstszene –, so vielseitig waren die Programme der Schirn, die ja mit dem Jubiläum keineswegs am Ende, vielmehr angelegt sind auf Fortsetzung, dass sie die Frage veranlassen könnten, was denn nun in Zukunft noch kommen und wie es unter Vermeidung von Wiederholungen überhaupt noch weitergehen soll. Eine müßige Fragestellung natürlich: Was gezeigt wurde, hat doch oft – es war eine Qualität der Themenwahl – verwiesen auf noch nicht verhandelte Stoffe, auf die hin das Verwirklichte weiterzudenken wäre. Für mindestens noch einige weitere Jahrzehnte, sagen die Macher in der Schirn, werden die Anlässe nicht ausgehen. Die unbestreitbaren Erfolge bisher machen Lust auf mehr davon.

Dabei war die Planung der Institution im Vorfeld ihrer Eröffnung 1986 bestimmt von mancherlei Einwänden. Das Projekt des Neubaus einer Kunsthalle für wechselnde Ausstellungen auf dem Römerberg gehörte in den Zusammenhang der Gründung des Museums für Moderne Kunst, des Umbaus von Villen am Main für ein Deutsches Architekturmuseum und das Filmmuseum, weiter des neuen Hauses für Angewandte Kunst, auch des Neubaus von Kleihues für das Jüdische Museum sowie von Peichels Erweiterungshalle für das Städel. Es ging zu der Zeit des Oberbürgermeisters Wallmann, des Kulturdezernenten Hoffmann und des Baudirektors Haverkampf um eine bis dahin in der Geschichte Frankfurts einmalige Vielzahl neuer Kulturbauten. Dazu auch noch eine Kunsthalle? Die Gegenstimmen kamen vor allem aus der Administration und dem Förderkreis des Städel-Museums, das seine dominierende Rolle gefährdet sah. Die dem Städel zugebilligte Erweiterung beruhigte dann die Gemüter immerhin ein wenig.

Gezweifelt wurde aber auch an den Chancen einer Kunsthalle ohne eigenen Sammlungsbestand, also ohne die Möglichkeit, durch Leihgaben an andere Institute selber Leihgaben zu erhalten. Es bleibt ein Verdienst des ersten Direktors der Schirn, Christoph Vitali, dieses Hindernis durch ein Netzwerk internationaler Verbindungen, vor allem zu den Museen in der Sowjetunion noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, mit außerordentlichem Geschick umgangen und der Schirn von Anfang an zu einer Reputation verholfen zu haben, die glänzend bestückte Retrospektiven (wie bereits 1989 die für Kandinsky, zu der in Frankfurt fast 200000 Besucher kamen), gelingen ließ. Seit Max Hollein, nach einem sechsjährigen Interregnum von Hellmut Seemann ab 2001 der Nachfolger Vitalis, in Personalunion auch das für renommierte Leihnehmer interessante Städel leitet, ist das Problem von Leihgaben für Ausstellungen der Schirn derzeit nicht mehr ganz so gravierend.

Als der Neubau bezugsfähig war, fanden Skeptiker den lang gestreckten, jedoch eher schmalen Ausstellungstrakt, nur acht Meter von Wand zu Wand, wenig geeignet. Es war der Architekt Holger Wallat, während der ersten Jahre verantwortlich für die Einrichtung fast aller Expositionen in der Schirn, der die Veränderbarkeit und damit das Potenzial der räumlichen Grundsituation vor Augen führte: Wallat entwickelte, allerdings verbunden mit hohen Kosten, für jedes Vorhaben neue architektonische Konstellationen. Sie boten dem Publikum den Reiz einer jeweils überraschend veränderten Umgebung, man hat oft darüber staunen können, mit welcher Phantasie Wallat dem Innenraum durch gliedernde Eingriffe immer andere Formate und Strukturen abgewann.

Es waren aber nicht nur die Kosten für die Verwandlungen des Innenraums, die Bedenken gegen die Kunsthalle motivierten, sondern mehr noch die für ein ambitioniertes Programm, das höchsten Ansprüchen würde standhalten können, notwendigen finanziellen Aufwendungen überhaupt. Ohne private Mäzene und Sponsoren war das nicht zu machen. Schon Vitali bemühte sich daher – sehr erfolgreich – um die Bindung privater Geldgeber an das Haus. Max Hollein, der vom New Yorker Guggenheim nach Frankfurt geholt wurde, hat diese Anstrengungen noch verstärkt und die anfängliche Kritik an seiner Berufung bald widerlegt: Er schuf, was man geradezu eine Sponsoring-Kultur nennen kann, eine Basis der Unterstützung, die sich auch in Zeiten der weltweiten Finanzkrise als stabil und tragfähig erwiesen hat. Von verbindlicher Wesensart, genießt der Mann heute in der Kulturszene der Republik den Ruf fast eines Genies der freundlichen Geldbeschaffung.

Ausstrahlung der Schirn reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus

Der Rückblick auf die Aktivitäten der Schirn bisher zeigt drei zentrale Stränge der Programmierung. Da ist zunächst die Einlassung auf die alten Kulturen, die vom Orient bis zur Beschäftigung mit den Grabfunden der Kelten in der nahen Wetterau reichte. Ein weiteres Themenfeld bot die Entwicklung der Malerei mit den Anfängen der Abstraktion bei Picasso, Matisse, Miró, Mondrian, der russischen Avantgarde, Seurat (Nebenwege führten in den Surrealismus von Ensor, Redon, Magritte) und später den Werken der Klassiker aus den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg – Nicolas de Stael, Lucio Fontana, Dubuffet, Chillida, Tapiès, Giacometti, auch der Deutsche Nay, wurden in umfänglichen Retrospektiven zur Geltung gebracht.

Die dritte Hauptlinie der Programme bildete die Darstellung von Positionen der aktuellen, unmittelbar zeitgenössischen Moderne, und zwar im internationalen Kontext: Hier konnte das Publikum die Jüngeren der deutschen Szene wie Jonathan Meese, Carsten Nicolai, Havekost, die Fotografin Barbara Klemm und den Beweger Bazon Brock ebenso kennenlernen wie den Amerikaner Julian Schnabel, den Schweizer Thomas Hirschhorn, den Skandinavier Eliasson, den Iren Scully und den österreichischen Spezialisten einer vom Computer generierten Kunst, Peter Kogler.

Für viele dieser Ausstellungen konnten bedeutende Kuratoren gewonnen werden wie neben anderen etwa Tom Messer, der frühere Direktor des Guggenheim, Erika Billeter und Olivier Berggruen. Auch Christoph Vitali, der seine Direktion der Schirn mit einer Darstellung der Beziehungen zwischen Malerei und Theater begann – sein Interesse galt den beiden Medien, er war zugleich Direktor des TAT –, Hellmut Seemann und Max Hollein haben sich als umsichtige Kuratoren in die Verwirklichung einzelner Projekte einbringen können.

So hat sich die Schirn Kunsthalle als ein Schauplatz durchgesetzt, dessen Ausstrahlung inzwischen weit über die Stadt hinausreicht. Und für die Zukunft lassen die Erfahrungen der ersten 25 Jahre das Beste hoffen. Wirklich das Beste.

Peter Iden schrieb Anfang der sechziger Jahre seine ersten Kunstkritiken für die Frankfurter Rundschau, bevor er Redakteur im Feuilleton wurde, das er von 1992 bis 1999 leitete.

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