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Joseph Beuys, in die Matthäuskirche projiziert. Foto: Leo Seidel
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Joseph Beuys, in die Matthäuskirche projiziert.

Joseph Beuys

Joseph Beuys und der Christusimpuls

  • VonIngeborg Ruthe
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„Der Erfinder der Elektrizität“: In der Kunst-Kirche am Berliner Kulturforum liegen die religiösen Wurzeln im Werk des Künstlers frei.

Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?“, fragt Gretchen ihren Doktor Faust. Würden wir Gleiches heutzutage Joseph Beuys (1921–1986) fragen, erwiderte der wohl: „Meine Religion ist der erweiterte Kunstbegriff. Ganz einfach.“ So brachte dieser wohl seltsamste aller deutschen Nachkriegskünstler sein Christusbild auf zwei knappe Sätze.

In der weltweiten Beuys-Rezeption wird der ungewöhnliche, oft missverstandene und auf seine eigene Weise tief religiöse Künstler vom Niederrhein mal mit anbetendem, mal süffisantem oder genervtem Unterton als „Schamane“ bezeichnet. Keineswegs unschuldig daran ist Beuys selbst, dessen hundertsten Geburtstag die Kunstwelt am 12. Mai mit Ausstellungen, Schriften, Diskursen, Podien und in den Medien mit Pro- und Kontra-Artikeln begeht.

Der gebürtige Krefelder mit den absoluten Wiedererkennungsmerkmalen Fotografenweste, Hut, derben Anglerstiefeln und langem Mantel hat mit seinen Filz-, Fett-, Honig- und Rot-Kreuz-Mythen ja weiß Gott alles dafür getan, als ein geheilter „Heiler“ zu gelten. Alles ruht auf der umstrittenen Legende seiner angeblich wundersamen Rettung und Heilung durch Tataren nach seinem Absturz als Luftwaffen-Flieger über der Krim im März 1944.

Die evangelische Kunstkirche St. Matthäus am Berliner Kulturforum präsentiert nun einen Prolog des diesjährigen Beuys-Gedenkens mit dem originellen Ausstellungstitel „Der Erfinder der Elektrizität“ – verweisend auf den „Christusimpuls“, den der Anthroposoph Rudolf Steiner prägte. Dessen spirituelle Weltanschauung hat Beuys geprägt. Und der Beuys-Kenner Eugen Blume, langjähriger Leiter des Museums Hamburger Bahnhof in Berlin, legt als Kurator sozusagen die religiösen Wurzeln im Beuys’schen Schaffen frei.

Dies allerdings, ohne wohlfeil an christliche Ikonografie anzuknüpfen. Eher geht es darum, Beuys’ Arbeit am Christusbild aufzuzeigen, sein Wirken an einer neuen Gemeinschaft als „Soziale Plastik“ zu verstehen. Die Kunst sei für Beuys die einzige Möglichkeit gewesen, eine in jeder Hinsicht auf den Abgrund zuschreitende Menschheit zu retten, so Blume. „Dass er sich in diesem Zusammenhang öffentlich auf Christus berief, ist im Umfeld der weitgehend atheistischen Nachkriegsavantgarde überraschend.“ Christus hat nach Beuys’ Vorstellung die Freiheit erst ermöglicht, „und dieser Weg in die Freiheit“, glaubte der Künstler, „schließt das Böse ein, das wie das Gute erst durch den Mensch gewordenen Sohn Gottes an Kraft gewonnen hat“.

Die Beuys’sche Arbeit am Christusbild, wie in St. Matthäus zu erleben, wurde bislang selten einmal außerhalb von Museum Schloss Moyland und der dortigen Sammlung der Brüder van der Grinten ausgebreitet. Auch die sensationelle Schau „Beuys vor Beuys“ 1988 in der Akademie der Künste der DDR im weitgehend atheistischen Ost-Berlin gab da tiefere Einblicke. Öfter aber verschafften Beuys’ spektakuläre Happenings, schamanische Fluxus-Aktionen mit Flügeln, Kojoten, Hasen und Pferden, dazu die politischen, ökologischen Interventionen des stets mit einem Tross von Jüngern umgebenen Professors der Düsseldorfer Kunstakademie weit wirkmächtigeren Raum.

Ohne diesen formal viel kargeren, archaischen Wurzelgrund im Christentum und im spirituellen Dunstkreis der Rudolf-Steiner-Philosophie indes ist Beuys nicht denkbar. Im hellen Kirchenschiff des Stülerbaus von 1845 sind die simplen bis kryptischen Beuys-Objekte, Aggregate, Zeichnungen, die Fotos und Plakate von seinen weihespielartigen Aktionen in autistischer Dramaturgie, dazu Zitate des Charismatikers an den weißgestrichenen Emporen bedeutungsvoll, aber unpathetisch zueinander in Beziehung gesetzt. Orgelmusik begleitet die Korrespondenz.

Die Vitrine mit knallgelber Glühbirne und Zitrone, die „Dumme Kiste“ auf einem Podest, wo mit Filz isolierte Kupferseiten metaphorisch auf geblockte Energieleiter, womöglich eine über-bürokratisierte Gesellschaft verweisen, zeigt Beuys’ vertrackten Humor. Und der blitzt auch auf in seinem ironischen Schriftzug „Demokratie ist lustig“ unter einem Plakat zum deutschen Parlamentarismus. Im Hinblick auf die jetzige Situation im Hohen Hause der Bundesrepublik wird Beuys’ Statement gar zur Realsatire.

Das für Ausstellungen in dieser Kirche obligatorische Altarbild ist ein Video, das kometengleiche Licht-Erscheinungen in einem graublauen Dunst aufblitzen lässt, als schickte der Messias Botschaften. „hinter den Knochen wird gezählt/Schmerzraum“ heißt der Film von 1983, und er meinte damals die drohende Katastrophe eines Atomkriegs. Links und rechts davon hängen jene winzigen Herz-Jesu-Bildchen, über die Beuys 1971 schrieb, Christus sei „der Erfinder der Elektrizität“. Auf die winzigen Motive kritzelte er Sätze zur Naturwissenschaft wie: „Jesus Christus ist der Erfinder der Stickstoffsynthese, der Gravitationskonstante, des 3. thermodynamischen Hauptsatzes, der Dampfmaschine und der Elektrizität.“ Kurator Blume resümiert: „Für Beuys ist es das Lumen Christi, die für ihn einzige reale Möglichkeit der Erlösung aus dem geistlosen Materialismus des späten 20. Jahrhunderts.“

Der Künstler wies also auf die revolutionäre, erneuernde Kraft des Gottessohnes hin. Denn für Joseph Beuys, so Blume, stehe Christus am Beginn einer noch immer nicht eingelösten Emanzipationsgeschichte des Menschen gemäß der Verheißung in dieser Gleichung: „Kunst=Mensch=Kreativität=Freiheit=Denken= Plastik“. Es ist die Formel für seinen gern missverstandenen „erweiterten Kunstbegriff“, der „sozialen Plastik“, was die Freisetzung des Menschen in seinem Denken und Handeln meint und darin gipfelt, dass jeder Mensch ein Künstler sei – sofern es ihm gelinge, seine ureigene Fähigkeit zur Kreativität verwirklichen zu können. Jesus, so meinte Beuys, habe das in seiner Freiheit gegenüber den Weltverhältnissen vorgelebt. Freilich mit hohem Preis, muss man hinzufügen. Denn dafür wurde er unter den Augen seiner feige schweigenden Freunde ans Kreuz genagelt.

St. Matthäus, Kulturforum Berlin: bis 12. September. Auf der Empore ist der Film „Filz TV“, 1970/71 des Beuys-Vertrauten Lothar Wolleh zu sehen. www.stiftung-stmatthaeus.de

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