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Joseph Beuys und sein Sekretär und Vertrauter Heiner Bastian 1985 in einer Ausstellung in Madrid.
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Joseph Beuys und sein Sekretär und Vertrauter Heiner Bastian 1985 in einer Ausstellung in Madrid.

Joseph Beuys

Blicke über des Meisters Schulter

  • vonIngeborg Ruthe
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Freude in Dresden, Pleite für Berlin: Der Nationalgalerie entgehen kostbare Beuys-Zeichnungen.

Offensichtlich weiß die Familie des Berliner Kunstsammlers und einstigen Beuys-Vertrauten Heiner Bastian Dankbarkeit zu schätzen. Sächsische Dankbarkeit. Vor drei Jahren vermachten die Bastians den Chemnitzer Kunstsammlungen bereits 200 Bildwerke, darunter von Picasso, Rauschenberg, Gerhard Richter, Luc Tuymans. Damals betonte Bastian, man könne gar nicht genug tun für die ostdeutschen Kunstmuseen und deren interessiertes Publikum, um die Lücken des Kalten Krieges und die lange Isolierung vom internationalen Kunstgeschehen bis 1989 zu schließen. Gerade haben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresdens (SKD) bekannt gegeben, dass ihr Kupferstich-Kabinett von Heiner, Céline und Aeneas Bastian Konvolute des Künstlers Joseph Beuys (1921- 1986) bekommt, als Dauerleihgabe, verbunden mit Schenkungen.

Der Filz-, Fett-, Honig- und Wachs-Schamane war einer der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Er setzte sich mit Fragen des Humanismus, der Sozialphilosophie und Anthroposophie auseinander, brachte seine spezifische Definition eines „erweiterten Kunstbegriffs“ und zum Konzept der „Sozialen Plastik als Gesamtkunstwerk“ ein, forderte seit den Siebzigern ein kreatives Mitgestalten der Gesellschaft und Politik. Bis heute gilt er weltweit als einer der bedeutendsten Aktionskünstler und als idealtypisches Pendant zu Andy Warhol. Beuys’ künstlerische Ideen hatten auf große Teile der DDR-Künstlerschaft große Wirkung, auch wenn es nur selten Originale von ihm zu sehen gab, so wie in der für die junge Kunst der DDR so unvergesslichen wie inspirierenden Ostberliner Akademieschau „Beuys vor Beuys“ 1988.

Die Sammlerfamilie Bastian trennt sich also dieser Tage von 173 Beuys-Zeichnungen, die künftig in Dresden zu sehen sein werden. Delikaterweise muss man anmerken, dass ein Großteil dieser Blätter bis 2014 der Berliner Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof zur Verfügung stand. Beuys-Gefährte Heiner Bastian war dort Kurator der Sammlung Marx, der auch markante Beuys-Skulpturen wie die „Richtkräfte“ gehören.

Es kam jedoch zum ungeschlichteten Streit mit dem inzwischen verstorbenen Erich Marx und den Staatlichen Museen. Bastian verließ enttäuscht die Nationalgalerie und zog seine Dauerleihgaben ab. Zu dieser Zeit hatten auch schon zwei andere sich als abgewiesen fühlende Berliner Sammler – Erika Hoffmann und Egidio Marzona –, die Berlin mit ihren Schätzen bedenken wollten, ihre Konvolute moderner westlicher Kunst nach Dresden gegeben. Dort fühlen sie sich wertgeschätzt, und ihre Mitbringsel sind willkommen.

Dritte im Bunde ist nun die Bastian-Sammlung ausgewählter Beuys-Blätter, die Berlin nun endgültig entgeht. Etliche Teile davon werden im kommenden Dezennium sukzessive als Schenkungen an Dresden übergehen, zu allererst das legendäre Blatt „Raum für Filzplastiken“ von 1963. Kupferstichkabinett-Direktorin Stephanie Buck macht aus ihrer Freude kein Hehl: „Die Dauerleihgabe ermöglicht uns, den Zeichner Beuys in Dresden als kreative Kraft kennenzulernen. Die Zeichnungen führen den Betrachter ganz nahe an den Beuys-Kosmos heran, erlauben gleichsam einen Blick über die Schulter während seines Denk- und Arbeitsprozesses.“

Der mäzenatische Akt bringt eines der umfangreichsten und wichtigsten Konvolute von Beuys-Zeichnungen aus Privatbesitz nach Dresden. Das früheste Blatt stammt von 1945, das späteste von 1985. Den Auftakt bilden Collagen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit und Bleistiftzeichnungen sowie Aquarelle aus den fünfziger Jahren. Das zeichnerische Werk der 1960er Jahre, als Beuys Professor für Bildhauerei an der Düsseldorfer Kunstakademie war, steht in einer produktiven Wechselbeziehung zur Radikalisierung seiner Kunstauffassung und zu seinen avantgardistischen politischen Fluxus-Aktionen, den Happenings mit Tieren und Bäumen. Deutlich wird auch in den Blättern das enge Verhältnis des Künstlers zur Natur: im Sinne des Bestrebens, etwas Ursprüngliches zu finden, das weniger mit der Gegenwart zu tun hat, in der Beuys lebte, sondern das Verhältnis des Menschen zum Kosmos zu betrachten, seinen Urzustand zu suchen.

In Dresden ist die Freude groß. Und Berlin kann den Schaden nicht mehr reparieren. Wie heißt es doch: Streiten sich zwei, freut sich der Dritte. Kleinlich indes hat Bastian samt Familie sich nicht verhalten, sondern eher großzügig gegenüber den Staatlichen Museen. Ihnen überließ die Familie 2018 immerhin sein schönes Chipperfield-Haus am Kupfergraben – in ästhetischer Korrespondenz mit der von Chipperfield erbauten James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel. Haus Bastian ist heute Zentrum für kulturelle Bildungsarbeit der Staatlichen Museen zu Berlin, vor allem für Kinder, Jugendliche und deren Familien. Auch eine Art sozialer Plastik. So wollte es Bastian. Nachtragend scheint der einstige Beuys-Gefährte nicht zu sein.

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