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„Jetzt geht es immer weniger um die Kunst, die auf der documenta fifteen gezeigt wird“

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Hans Eichel am Mikro: Während der 8. Documenta in Kassel wird am 13. Juni 1987 der letzte von 7000 Bäumen der von Joseph Beuys vor fünf Jahren initiierten „Stadtverwaldung“ gepflanzt.
Hans Eichel am Mikro: Während der 8. Documenta in Kassel wird am 13. Juni 1987 der letzte von 7000 Bäumen der von Joseph Beuys vor fünf Jahren initiierten „Stadtverwaldung“ gepflanzt. © Schilling/dpa

Hessens früherer Ministerpräsident Hans Eichel zieht eine Zwischenbilanz der Documenta fifteen in Kassel und beklagt die Konzentration auf die Antisemitismus-Debatte.

Drei Wochen nach Eröffnung der documenta fifteen, nach Entdeckung antisemitischer Bildsprache als Teil des Riesenbanners „People’s Justice“ von Taring Padi, nach dessen Verhüllung und Abhängung, nach der anschließenden, außerordentlich heftigen Debatte, kann man bei einigen zentralen Themen eine Zwischenbilanz ziehen:

1. Das Kuratoren-Kollektiv Ruangrupa hat zu seiner Verantwortung für die Aufhängung von „People’s Justice“ gestanden und sich entschuldigt (Erklärung vom 23. Juni). Antisemitismus wird verurteilt, wie Ruangrupa schon am 19. Januar dieses Jahres unmissverständlich deutlich gemacht hatte.

2. Das Künstler-Kollektiv Taring Padi hat sich ebenfalls entschuldigt (Erklärung vom 24. Juni) für die antisemitische Bildsprache, dafür, Gefühle in Deutschland verletzt zu haben. Diese Bildsprache werde nicht wieder verwendet. Die BZ hat etliche Dutzend Bilder von Taring Padi gesichtet und nirgendwo sonst antisemitische Elemente gefunden.

Zum Hintergrund von „People’s Justice“ hat insbesondere die BZ geforscht. Das Banner ist 2002, nach Ende der Suharto-Diktatur in der jungen Demokratie entstanden. Es befasst sich mit dem Massenmord zu Beginn der Suharto-Diktatur 1965. Damals wurden mindestens 500 000 Menschen umgebracht, vor allem Kommunisten, aber auch andere Zivilpersonen. Beteiligt daran waren auch westliche Geheimdienste, wohl auch der israelische Geheimdienst Mossad, worauf das Banner deutlich hinweist. Taring Padi in ihrer Erklärung vom 24. Juni: „Wir bedauern, dass wir eine mögliche Beteiligung der Regierung des Staates Israel so völlig unangemessen dargestellt haben – und entschuldigen uns aufrichtig dafür. Antisemitismus hat weder in unseren Gefühlen noch in unseren Gedanken einen Platz“. 2002 ist das Banner entstanden als Protest dagegen, dass auch die junge Demokratie keine Anstalten machte, die Verbrechen aufzuklären und die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen.

Bei keiner Kunstausstellung in Südostasien oder Australien ist es als antisemitisch wahrgenommen worden. Raring Padi sind nicht Antisemiten, sie sind eher Klassenkämpfer und leiden in Indonesien unter den erstarkenden Islamisten. Diesen Eindruck muss man jedenfalls aus dem Interview mit der „Zeit“ vom 7. Juli gewinnen.

3. Die Fragen um „People’s Justice“, seine Aufstellung und Entfernung scheinen mir geklärt: Menschliche Fehler, eine Verkettung widriger Umstände, aber keine strukturellen Ursachen. Wenn nun die documenta fifteen ein Forum sein soll, um den kulturellen Dialog zwischen Nord und Süd zu fördern, im globalen Dorf ein friedliches, von Anerkennung der Unterschiede, Toleranz und gegenseitigem Verstehen geprägtes Zusammenleben möglich zu machen, wäre hier eine erste Erwiderung unsererseits angebracht: „Entschuldigung“ angenommen. Und wir bedauern, dass unser Land diese Diktatur unterstützt hat, unser Kanzler, damals Helmut Kohl, Suharto als Freund betrachtete.“ Doch diese Erwiderung sucht man in dieser Debatte bei Politikern und in den deutschen Feuilletons durchweg vergeblich. Chance vertan.

4. Die Bewertung der documenta fifteen in den meisten deutschen Feuilletons war anfangs durchweg positiv bis euphorisch. Das änderte sich schlagartig nach der Entdeckung der antisemitischen Darstellungen in „People’s Justice“. Ab da berichteten die meisten Medien lange nicht mehr über Inhalte und Konzepte der documenta fifteen, sondern nur noch über den „Antisemitismus-Skandal“.

Wer war schuld? Die Generaldirektorin der documenta wurde angeklagt, gegen alle frühzeitigen Warnungen taub gewesen zu sein, keinerlei vorbeugende Maßnahmen, wie sie vor allem das Büro der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) vorgeschlagen hatte, ergriffen zu haben. Die documenta-Leitung ließ es zu, dass dieser Eindruck sich verfestigte, ihre öffentliche Kommunikation war nicht nur schlecht, schlimmer: sie war lange Zeit überhaupt nicht vorhanden. Tatsächlich hatte die documenta-Leitung eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die documenta fifteen frei von Antisemitismus zu halten. Die geplante Diskussionsreihe „we need to talk“ scheiterte allerdings, weil eine Einigung mit dem Zentralrat der Juden nicht zustande kam. Das steht detailliert im Bericht der Generaldirektorin an den Aufsichtsrat, worin der Fragenkatalog von Ministerin Dorn beantwortet wird. Dass BKM und das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst in die Definition dieser Maßnahmen eingebunden waren, scheint unstreitig, streitig aber, wie tief. Ob nach dem Ausscheiden der Generaldirektorin der documenta noch irgendjemand Interesse an der Klärung des Sachverhalts hat? Dabei ist diese Klärung nötig als Grundlage jedes offenen und ehrlichen Dialogs.

Zum Autor:

Hans Eichel , geboren 1941 in Kassel, war von 1975 bis 1991 Oberbürgermeister der Stadt, von 1991 bis 1999 Ministerpräsident des Landes Hessen, vom 1. November 1998 bis 23. April 1999 Bundesratspräsident und von 1999 bis 2005 Bundesminister der Finanzen.

„Es ist kaum auszuhalten“, schreibt er nun zum Antisemitismus-Streit auf der documenta fifteen und versucht, aus einer anderen Perspektive heraus Stellung zu beziehen: Die eines ehemaligen Kasseler Oberbürgermeisters wohl, der nicht wenige Documentas mit großem Interesse für die Kunst begleitet haben dürfte. Und das gern einmal mehr so machen würde.

5. „Wir sollen auch zu einem produktiven und offenen Diskurs über Antisemitismus und Rassismus in Kunst und Gesellschaft kommen, auch das möchte ich klarstellen: Es gibt keinen stillen Boykott gegen Israelis oder Juden. Tatsächlich zeigt die documenta fifteen sowohl israelische als auch jüdische Künstler, die hier ihrem Wunsch gemäß nicht namentlich werden“, so Ade Darmawan als Vertreter von Ruangrupa vor dem Kulturausschuss des Bundestages. Sie definierten sich allerdings wie so viele Künstler und Künstlerinnen der documenta fifteen nicht über nationale, ethnische, religiöse oder weltanschauliche Zugehörigkeit. und wollten deshalb in diesem Zusammenhang auch anonym bleiben. Ade Darmawan machte auch klar, dass Ruangrupa BDS ablehne, weil man grenzenlose Zusammenarbeit wolle. Damit sind zwei weitere Vorwürfe gegen die documenta fifteen, gegen ihr Kuratoren-Kollektiv entkräftet.

6. Was bleibt? Ein immer noch schriller werdender Streit um Antisemitismus. Jetzt geht es immer weniger um die Kunst, die auf der documenta fifteen gezeigt wird, jetzt geht es um die Gesinnung der Künstlerinnen und Künstler. Haben sie z.B. den „letter against apartheid“ unterzeichnet oder die Erklärung „GG 5.3 Weltoffenheit“? Oder stehen sie BDS nahe? Diesen Kritikern schwebt vor Zulassung zur documenta offenbar ein Gesinnungs-TÜV für alle Künstlerinnen und Künstler vor.

Im Ernst? Wollen wir das wirklich? Wollen wir das dann auch bei allen anderen künstlerischen Veranstaltungen in Deutschland? Wäre das nicht der komplette Bruch mit unserer Verfassung, mit der dort garantierten Meinungsäußerungs- und Kunstfreiheit? Wie sollte unter solchen Bedingungen überhaupt noch eine kreative Kunstszene existieren können? Eine documenta als Forum der globalen Kunstgemeinde jedenfalls wäre unmöglich. Dass wir Deutschen in Bezug auf den Antisemitismus keinen Kulturrelativismus dulden, ist das eine, darüber hart, offen und wissend zu streiten, ist das andere. Dialogfähigkeit schließt die Kontroverse, das Unvereinbare ein, Verbote, Vorverurteilungen verhindern aber jede notwendige Auseinandersetzung.

7. Die notwendigen diskursiven Auseinandersetzungen um Antisemitismus, andere menschenfeindliche Positionen, Postkolonialismus und Kunstfreiheit, die in der schrillen Debatte fast untergegangen sind, müssen wieder aufgenommen werden. Ja, „we need to talk“. Welche Alternative gäbe es denn sonst?

8. Der Streit zwischen Bund, Land Hessen und Stadt Kassel über Strukturen der documenta, über Einflussmöglichkeiten auf und Finanzierung des Weltkunstereignisses ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt so überflüssig wie ein Kropf. Wer den Erfolg der documenta fifteen will, konzentriert jetzt alle Kräfte darauf. Diese Diskussion kann geführt werden, ohne alle Tabus, nachdem dieses Weltkunstereignis am 25. September seine Tore geschlossen hat.

9. Die ganze Debatte wird geführt, ohne dass irgendjemand noch an die 1500 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt denkt, die ihre Werke, ihre Arbeit auf der documenta fifteen präsentieren. Und im Bundestag reden Abgeordnete über die documenta fifteen, die sie nie gesehen haben, ausgenommen die Kasseler MdBs. Wenigstens einige haben ihren Besuch angekündigt. Diese Debatte war ein Tiefpunkt für die Kulturpolitik. Ist das Land, sind unsere Institutionen, überhaupt fähig und willens, ein globales Kunstereignis zu beheimaten?

10. Ja, das Land, die Stadt Kassel können ein globales Kunstereignis beheimaten. Die Besucherzahlen sind bisher mindestens so hoch wie bei der vorigen documenta. Und das trotz wieder steigender Gefahren durch Covid 19, was vor allem Gäste aus China fernhält, trotz hoher Inflation, trotz Ukrainekrieg. Die meisten Besucherinnen und Besucher sind begeistert. Kassel erlebt einen wunderbaren Kultursommer. Selbst diese Tatsachen kann die Öffentlichkeitsarbeit der documenta fifteen nicht vermitteln, oder erst sehr spät, auch nicht die positiven Berichte in der internationalen Presse. Es ist kaum auszuhalten.

11. Könnten wir jetzt, angestoßen durch die documenta fifteen auch mehr den globalen Süden in seiner Komplexität differenziert in den Blick nehmen, die unterschiedlichen Produktionsbedingungen für Kunst im Süden und im Norden thematisieren, die unterschiedlichen Vorstellungen von Kunst? Das könnte der Beginn eines Dialogs sein, noch nicht einer Annäherung, wohl aber des Verständnisses für die Unterschiede, immerhin. Das globale Dorf, das wir längst sind und durch Pandemie, Umweltkrise und Ukrainekrieg immer stärker als unsere Wirklichkeit vor Augen geführt bekommen, hat das bitter nötig.

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