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Jeremy Shaw „Phase Shifting Index“, Filmstill.

Kanada in Frankfurt

Den Kosmos tanzen

  • vonSandra Danicke
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Die rauschhafte Film-Installation des Kanadiers Jeremy Shaw im Frankfurter Kunstverein.

Ein Tunnel, ein Strudel, eine Öffnung im Weltall. Geschwind rasen wir durch Schlupflöcher, Blutbahnen oder Spiralen. Wir sausen, gleiten, schlüpfen – und scheinen doch niemals irgendwo anzukommen. „This Transition Will Never End“ heißt denn auch das Video von Jeremy Shaw, das derzeit im Foyer des Frankfurter Kunstvereins einen geradezu hypnotischen Sog entfaltet. Man könnte endlos auf diese farbenfrohe Schleuse schauen und dabei von mikro- zu makrokosmischen Welten wechseln. Es handelt sich um einen Zusammenschnitt gefundener Filmsequenzen, kurze Szenen, die einen Übergang markieren, von einer Realitätsebene in eine neue: Träume, Zeitreisen etc. Symbolbilder, auf die man sich offenbar irgendwann geeinigt hat und die in der Regel von jedem verstanden werden – die Fundstücke stammen sowohl aus Low-Budget-Fernsehsendungen als auch aus Hollywoodfilmen.

„Phase Shifting Index“ heißt die großartige Ausstellung, in der der kanadische Künstler vor allem eine gigantische Installation auf sieben Bildschirmen präsentiert, die über das Haus verteilt und auf geheimnisvoll anmutende Weise miteinander verknüpft sind. Man merkt es allerdings nicht gleich. Zunächst sieht man sieben parallel laufende Filme, die jeweils eine andere Gruppe bei Übungen zeigen, die im weitesten Sinne mit Selbsterfahrung zu tun haben. Es scheint sich auch hier um gefundenes Material zu handeln, das suggerieren die unterschiedlichen Ästhetiken, Kleidung und Frisuren.

Die Langhaarigen, die sich in einem Schwarz-Weiß-Film auf dem Boden rekeln oder sich an den Köpfen willenlos im Kreis drehen lassen, scheinen eindeutig aus den Siebzigerjahren zu stammen. Die Frauen mit den Spandexhosen und Fönfrisuren, die eine gestenreiche Disco-Choreographie aufführen, verortet man in den Achtzigern. Andere Aufnahmen zeigen etwa eine gedrillte Gruppe in Turnhosen (Dreißigerjahre?) und eine rabiat tanzende Jugendgang, wie es sie vornehmlich Ende der Neunziger gab. Sie alle scheinen verschiedene Wege zur Selbstentgrenzung zu erproben, wollen eins mit dem Kosmos sein, sich durch Verausgabung in rauschhafte Zustände versetzen oder sich als sportive Gemeinschaft erleben. Die menschliche Suche nach Transzendenz, sei es durch Drogen, Tanz oder Religion, ist ein zentrales Thema von Jeremy Shaw, der 1977 in North Vancouver geboren wurde. Die scheinbare Universalität dieses Phänomens fasziniere ihn unendlich, erklärt der Künstler.

Im Obergeschoss des Kunstvereins kann man vier Bildschirme gleichzeitig im Auge behalten – und Zeuge einer wundersamen Transformation werden: Ab einem gewissen Punkt gleichen sich die Körper der so unterschiedlichen Protagonisten einander an. Mehr und mehr erscheinen die Bewegungen als synchrone Choreographie, lösen sich auf, werden ekstatischer. Bis schließlich alle auf sämtlichen Monitoren die Haare und Extremitäten zur selben Musik schleudern, als gäbe es kein Morgen.

Konturen zersetzen sich

Es ist ein großartiger, fast schon erhaben anmutender Moment – als irgendwann die Bilder ineinanderfließen wie ausgekippte Farbeimer und der Sound förmlich explodiert. Konturen zersetzen sich, überlagern einander, verschmelzen und lösen sich schließlich in einem zarten Gewebe auf. Es scheint, als seien sie alle – egal aus welchem Jahrzehnt – in einen transzendenten Bewusstseinszustand übergegangen, in dem alle mit allen verbunden sind. Spätestens jetzt wird klar, dass es sich keineswegs um gefundenes Material handelt, sondern sämtliche Szenen eigens gedreht wurden.

Was man beim ersten Zusehen leicht überhört, ist die männliche Erzählerstimme, die im Stil ethnographischer Dokumentarfilme des 20. Jahrhunderts die gezeigten Phänomene beschreibt und erläutert, als handele es sich dabei um die Riten fremder Kulturen. In einem Heft zur Ausstellung lassen sich die eigenwilligen Texte nachlesen, die offenbar aus der Zukunft zu uns sprechen.

So werden die Disco-Damen als „The Alignment-Movement“ bezeichnet, eine Bewegung, die an „eine auf Mathematik basierende Weltanschauung glaubte“ und das Ziel hatte, „die Gravitationsfelder und Wellen des Kosmos durch harmonische Schwingungen neu auszurichten. Sie erhofften sich dadurch, die katastrophalen Ereignisse des späten 22. Jahrhunderts, die die menschliche Spezies und den Planeten Erde beinah in Trümmern hinterlassen hätten, wirksam abzuschwächen.“

Frankfurter Kunstverein: bis 24. Januar. www.fkv.de

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