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"Die Straße", 1933.

Balthus:

Jeder mit sich allein

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Balthus: Die Schweizer Fondation Beyeler stellt Hauptwerke des französischen Malers vor.

Was denn oder wovon träumt Thérèse? Nie lässt sich das sagen von einem Menschen, den man schlafend sieht. In der Schilderung des Malers Balthus aber – „Thérèse rêvant“ („Thérèse, träumend“), gemalt 1938 – schläft Thérèse nicht. Ihre Position und die Körperhaltung sprechen dagegen: Das Mädchen sitzt aufrecht, die Arme erhoben, die Hände auf dem mit geschlossenen Augen leicht nach rechts gedrehten Kopf verschränkt. Indem sie das linke Knie mitsamt dem roten Rock an den Körper zieht, gibt sie den Blick frei auf den von einem Rest weißer Unterwäsche nur dürftig bedeckten Schritt. Ihr Träumen ist sehr offenbar eher ein bewusstes Imaginieren erotischer Empfindungen und sexueller Konstellationen. Die Katze zu Thérèses Füßen lässt die Szene gleichgültig, sie schleckt Milch aus einer Schale.

Mit diesem Bild und ähnlich erotisch konnotierten Darstellungen von Kindfrauen hat Balthasar Klossowski de Rola, geboren 1908 in Paris, der sich als Maler Balthus nannte, früh irritiert. Er hat die Absicht nicht geleugnet, damit Interesse an seiner Malerei zu provozieren. Zwar gelang das auf der von noch manch anderen Exzentrikern belebten Pariser Kunstszene der 1930er Jahre nicht sogleich, die entsprechenden Bilder stießen zunächst eher auf Ablehnung, verhalfen Balthus dann aber doch zu Beachtung und Notorietät.

Aufsehen hat das Bild der Thérèse in unseren Tagen, fast achtzig Jahre nach seinem Entstehen, abermals erregt. Es gehört zu den Sammlungen des Metropolitan Museum of Art in New York, dessen Direktion durch eine öffentliche Protestaktion aufgefordert wurde, das Werk abzuhängen oder es zumindest in einem kritischen Kontext zu präsentieren – ein peripherer Nebeneffekt der berechtigten Aufregung über die Missachtung weiblicher Würde nicht nur vonseiten des gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten. Der Protest blieb folgenlos, hat aber die Museumsleitung veranlasst, immerhin Diskussionsrunden zum Thema Kunstfreiheit und Zensur zu organisieren, das Übliche.

Derzeit ist das skandalumwitterte Gemälde Teil einer umfänglichen, durch viele Leihgaben aus aller Welt gestützten und von Raphael Bouvier und Michiko Kono schlüssig eingerichteten Retrospektive auf das ?uvre von Balthus in dem Museum der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel.

Im Zusammenhang mit ähnlichen Schilderungen von jungen Frauen im Umgang mit sich selbst zwischen Impulsen der Verführung und noch kindlicher Naivität wird sichtbar, dass Balthus bei aller einbekannten Lust am Auffälligen nicht das Anrüchige thematisieren wollte, sondern was er selbst „das Passagere“ genannt hat, also Erscheinungen des Durchgangs, der Veränderung als Übertritt von einem Zustand in einen anderen. Die Mädchen sind erfasst in einem Moment auf der Grenze zwischen dem Jetzt des Kindes und der Zukunft der Frau.

Es ist ein Augenblick in der Zeit, den der Maler in seiner Flüchtigkeit fixiert, ja: bannt – und wäre nicht, fragt er in seinen 2002 erschienenen „Erinnerungen“, „besiegte Zeit vielleicht die beste Definition von Kunst“? Die Hoffnung, Zeit gegen die Vergänglichkeit des Augenblicks gleichsam stillzustellen und damit zu bewahren, grundiert das Gesamtwerk. Das bezeugen in der Ausstellung der Fondation, für die Bilder aus unterschiedlichen Phasen der Entwicklung zusammengeführt wurden, schon die frühen Pariser Stadtansichten aus den Zwanzigerjahren bis hin zum Spätwerk der Jahre zwischen 1989 und 1994 wie „Die Katze mit dem Spiegel“. 2001 stirbt Balthus in Rossinière, nach Aufenthalten an vielen anderen Stätten in Europa, auch in Berlin, an dem Ort seines finalen Rückzugs in den Schweizer Bergen.

Nicht nur die Mädchenbilder haben seinen international erst um 1980 einsetzenden Erfolg begründet, sondern mehr noch vor allem die beiden Straßenszenen „La Rue“ von 1933, für die Ausstellung entliehen aus dem Besitz des MoMA in New York, und das zwanzig Jahre später gemalte „Passage du Commerce-Saint-André“, als Dauerleihgabe aus Privatbesitz in der Obhut der Fondation Beyeler.

In „La Rue“ bevölkern neun Personen einen dicht umbauten Straßenzug, mit Ausnahme einer durch die Kopfbedeckung als Bäcker gekennzeichneten Gestalt sind alle, zum Teil gegenläufig, in Bewegung. Quer über die Straße trägt ein Mann, womöglich ein Bauarbeiter, ein Brett auf seiner Schulter, ohne Sicht auf den Burschen, der seitwärts ein Mädchen sexuell bedrängt, und den Jungen, vielleicht ein Liftboy, der stolz auf den Betrachter des Bildes zuschreitet, während die Figur einer schwarz gekleideten Dame, in Rückenansicht dargestellt, und ein wenig vor ihr eine Person mit einem Kind auf dem Arm den Bildhintergrund zum Ziel haben. Jede dieser Figuren ist, wie das Kind, das ganz vorne mit einem Ball spielt, konzentriert ausschließlich auf sich selbst bezogen, lauter Einzelne, gemeinsam auf einer Straße, und bilden doch jeder mit sich allein keine Gesellschaft.

Zumal dieser Aspekt des auffälligen Defizits an Verbindung zwischen den auftretenden Personen ist es, der aus ihrer Konstellation ein modernes Gesellschaftsbild macht, hochaktuell. Wobei das zugleich Verrätselte zusätzlichen Stoff für viele Fragen aufgibt: Ist nicht gar die dominierend Schwarzgekleidete, die mit der rechten Hand am ausgesteckten Arm eine Bewegung vollführt, als wolle sie etwas wegwischen, eine Metapher für das Ende, den Tod, der alle Zeit aufhebt?

Das von der Fondation betreute „Passage“-Bild (1952–1954) nimmt den Ansatz von „La Rue“ nach Jahren wieder auf, es ist im Ton wesentlich dunkler, die Räume zwischen den jetzt auf acht reduzierten und in der Zeichnung ihrer Konturen weniger deutlichen Personen sind jetzt größer, Bewegung ist zurückgenommen, der Eindruck ist der von einer Lähmung, von Stillstand und Ratlosigkeit: Gewissheit, wo ist sie noch?

Nicht alle Bilder aus den Lebens- und Arbeitsphasen von Balthus erreichen den Rang von „La Rue“ und die Besonderheit der Mädchen im Übergang zu einer anderen Form des Seins. Der Maler hat sich vielen Einflüssen ausgesetzt, die Spannweite reicht von Rilke, mit dem er korrespondierte, bis zu den wüsten Transgressionen der grandiosen dramatischen Attacken des besessenen Antonin Artaud in Paris auf alles Bestehende im Leben wie in der Kunst. Man hat Artauds Vorstellungen von den dunkelsten Abgründen der menschlichen Natur, dem Trieb zu einer Erotik der Gewalt, Dispositionen, die nach Artaud freigesetzt gehörten, in Verbindung gebracht zu den jungen Frauen in diskret freizügiger Erfahrung der eigenen Körperlichkeit, wie Balthus sie vorführt. Damit würde der Maler aber zugleich ebenso überschätzt wie überfordert: Über den Irrwitz der alle Bande förmlich wegsprengenden Energie eines Artaud, auch eines Max Ernst, nicht zu denken noch des späten Picasso, verfügte er nicht.

Viele der in den Dreißigern als Auftragsarbeiten gemalten Porträts von ihm bekannten Männern und Frauen sind Langeweile auf Stelzen. Und „La Partie de cartes“ („Das Kartenspiel“, gemalt gegen Ende der Vierziger, heute im Besitz des Museo Nacional in Madrid) ist in vieler Hinsicht eine nachgerade penetrant schwache Arbeit. Ein Mann und eine Frau, zwischen ihnen ein Tisch, spielen Karten, der

Mann, im Begriff, den Tisch zum Weib hin zu besteigen, die rechte Schulter weit hochgezogen, versteckt, offenbar in Betrugsabsicht, in der Linken eine Karte hinter seinem Rücken, das kräftige Hinterteil dabei weit vorschiebend. Die Gier im Leib. Das Ass nicht im Ärmel, sondern in der Hose. Ein bisschen Freud für Arme.

Das ausschließlich auf figürliche Motive sich beziehende ?uvre von Balthus, der die Farbe nicht, wie etwa Cézanne, als Eigenwert thematisiert, ist innerhalb der Entwicklung der Malerei im 20. Jahrhundert ein Gegenbeispiel zu den Abstraktionen der europäischen wie der amerikanischen Avantgarde. Er ist auf seine Weise zu Anerkennung und auch kommerziellem Erfolg gekommen. Aber sieht man ihn im Kontext von Malern der Moderne seiner Epoche mit letztlich auch einem gegenständlichen Ansatz, zum Exempel mit Bacon – so wird dann doch der Abstand überdeutlich.

Fondation Beyeler, Riehen/Basel: bis 1. Januar 2019. www.fondationbeyeler.ch

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