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Christian Boltanski.
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Christian Boltanski.

Kunst

Jede Glühbirne ein Herzschlag: Christian Boltanski ist tot

  • VonIngeborg Ruthe
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Zum Tod des französischen Erinnerungskünstlers Christian Boltanski

Denkwürdig ist so vieles an Christian Boltanski, dem Nachfahren von Holocaust-Überlebenden, dem weltberühmten französischen Documenta-Künstler, der das Erinnern zu seinem Thema gemacht hat und zugleich die Gefahr des Verfälschens von Erinnerungen. Geprägt hat ihn die jüdisch-ukrainische Herkunft väterlicherseits und mütterlicherseits die korsische. Denkwürdig ist auch die Art und Weise, wie er seine immer auf elementare Zustände verweisenden Werke allesamt miteinander verknüpfte. Wie durch ein unsichtbares Band. Und ebenso denkwürdig war seine Bescheidenheit und Zugewandtheit, trotz der großen Ehrungen, etwa mit dem Praemium Imperiale.

Nun ist der 1944 in Paris geborene Migrantensohn, Bruder des Soziologen Luc Boltanski, ausgerechnet am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, gestorben. Niemand hatte vermutet, dass er sterbenskrank war. Die Berliner Galerie Kewenig widmet ihm seit Frühsommer eine Schau auf allen Etagen. Die wird nun bis Sommerende verlängert. Da können wir Boltanskis Herzschlag hören: Eine einsame Glühbirne glimmt im Dunklen, während die anderen im Pulk nacheinander verlöscht sind. Pochende Bässe dringen über Lautsprecher in alle Räume. Das rhythmisch flackernde Licht wird zum Symbol für die Fragilität des Lebens und das unaufhaltsame Vergehen der Zeit.

Vor Jahren schon hatte Boltanski von 60 000 Menschen weltweit und vor allem auf der japanischen Insel Teshima Herztöne auf Band gespeichert, davon ein Archiv angelegt, sozusagen der Menschheit den Blutdruck gemessen. Er stellte die Lebensgeräusche auf laut. Und er druckte Fotoporträts auf transparente Tücher. Ein Zug des Lebens und des Erinnerns. Boltanski verharrte nicht beim Requiem. Er schaute und horchte auch tief hinein ins pralle Leben.

Als sanfte, fröhliche, lebenbejahende „Geister“ hat er die Fotoinstallation als Tableau von Kindergesichtern arrangiert. Das Lachen, die großen neugierigen Augen sind aufs Leben gerichtet, nicht auf das Ende. Auf runden Tüchern verewigte er die Abdrücke von Kinderhänden, wie Wellenkreise im Wasser. Lebenswellen.

Grauzonen der Existenz

Gleiche Assoziationen bewirkte er schon mit seinen Altkleiderhaufen, die er vor Jahren im Pariser Centre Pompidou aufhäufte. Dann ermunterte er die Leute, sich ein Kleidungsstück mitzunehmen – oder eins dazuzulegen. In Berlin, im Reichstagskeller, stellte er eine Installation auf, leere Kartons mit den Namen der Abgeordneten seit 1918. Auf einem steht Hitler. So können wir noch einmal sehen, wie sehr Boltanski mit den Grauzonen und den Gratwanderungen menschlicher Existenz arbeitete, wie tief die Frage nach dem Sinn des Daseins seine aus Alltagsmaterialien bestehenden Skulpturen, fotografischen Schattenbilder und Installationen bestimmte.

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