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Jean-Michel Basquiat in der Albertina Wien: Ein König, ein Komet

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Von: Ingeborg Ruthe

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Blick in die Wiener Albertina, die eine große Retrospektive des US-Künstlers Jean-Michel Basquiat (1960-1988) bietet.
Blick in die Wiener Albertina, die eine große Retrospektive des US-Künstlers Jean-Michel Basquiat (1960-1988) bietet. © afp

Die Wiener Albertina ehrt die New Yorker Künstler-Ikone Jean-Michel Basquiat mit einer Retrospektive.

Der „Boxer“ mit der Totenschädelmaske ist in die Knie gegangen – und doch ein Held. Er trägt keine Boxhandschuhe, dafür eine güldene Krone. So wie sie sich Kinder für ein Kostümfest basteln – und als Zepter einen langen Knochen. 1982 hat der Afroamerikaner Jean-Michel Basquiat in New York diese merkwürdige Gestalt des „Knochenbrechers“ mit den Kringeln auf Brustkorb und Hose gemalt. „Untitled“ ist das Worträtsel, das er uns posthum gönnt, um über den Titel etwas Input zu bekommen für eine Deutung der bedrohlichen, aber auch lachhaft-grotesken Figur. Ein Selbstporträt? Der linke Arm mit den farbtropfenden Tentakelfingern eines Außerirdischen – oder von Micky Maus, das rechte Bein mit einem surrealen Vier-Zehen-Fuß lässt etwas schwarze Haut erkennen.

So viel ist schon mal klar: Der Maler/Zeichner dieses und vieler anderer Bilder der Ausstellung machte fast immer Schwarze zu seinen Protagonisten. Er zeigt sie in skurriler Kostümierung, bekritzelt, bekringelt. Mal im bizarren Comicstil, mal wie Aliens im Science-Fiction-Film, im Jazz- oder Punk-Look oder als afrikanische Medizinmänner. Oder auch als Hip-Hop-Kids. Aber eben immer auf seine Weise, im Kontext des sich zäh haltenden Alltagsrassismus in den USA, dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, wo Schwarze in der Kunst der 70er und 80er Jahre schlicht nicht vorkamen.

Seine „Modelle“ fand Basquiat auf der Straße, in der Musik, in den Clubs. Er spielte selbst Klarinette und Synthesizer in seiner Band Gray. Und er suchte die Vorlagen für sein Bildpersonal in den düsteren, teils illegalen Boxhallen von Brooklyn und in der Bronx. Er gab seinen Höllengestalten dominante Haltungen und heldenhafte Posen. Maskengesichter wie Totenschädel, darauf Kronen aus goldglitzerndem Papier waren sein Markenzeichen. So avancierte er zur Galionsfigur der „Black Art“ – und das, obwohl er seinerzeit in weißen Stadtvierteln New Yorks ohne seine weißen Freunde von keinem Taxi mitgenommen und in keinem der Restaurants bedient wurde.

Diesem in einer gespaltenen Gesellschaft zum Superstar der 80er Jahre gewordenen Anti-Rassismus-Aktivisten und 1982 in Kassel gefeierten – bis dato jüngsten – Documenta-7-Teilnehmer widmet das Wiener Museum Albertina gerade eine fulminante Retrospektive. Es ist Basquiats erste dieser Art in Österreich, wie extra betont wird. Eine abschließende Lösung des Künstlerrätsels Basquiat jedoch gibt auch diese Bilderschau nicht.

Wir stehen vor den oft unbetitelten riesigen wie kleinen Tafeln des ersten afroamerikanischen Künstlers, der anfangs als vor der Polizei flüchtender Sprayer namens Samo die Lower East Side aufmischte und in irrem Tempo in einer vorwiegend weißen Kunstwelt den Durchbruch schaffte. Seinen Erfolg hat er so kommentiert: „Ich denke nicht über Kunst nach, wenn ich male. Ich versuche, übers Leben nachzudenken!“

„Of Symbols and Signs“ nennt der Albertina-Kurator Dieter Buchhart dieses lebenshungrige, rastlose Vermächtnis, das bis heute so viele Malereiströmungen als Bezugskunst beanspruchen, insbesondere die der Street-Art-Szene. Dieser starken Vereinnahmung hatte Basquiat, der Leonardo, Picasso und Francesco Clemente seine Vorbilder nannte, wohl vehement widersprochen. Er sei „kein Teil der Graffitiszene“. Er wolle Inhalte vermitteln.

Zwar hatte er mit seiner Kunst auf der Straße angefangen, aber er wollte weit mehr, hinauf in die Beletage des Kunstbetriebs und nicht mehr länger den Underground-Bonus des herablassenden Kunstmanagements ertragen. Er verlangte Anerkennung, Gleichberechtigung, gute Bezahlung. So wurde er auch ein Vorreiter der heutigen „Black Lives Matter“-Bewegung.

Er malte, zeichnete, den Schilderungen seiner Umgebung zufolge, ununterbrochen. Auf Kleidung, Wände, Türen, Tücher, Möbel. Für sich hatte er ein universelles Zeichensystem von einer überwältigenden Intensität erfunden, voll Unmittelbarkeit und Energie, die es von der Straße in die Kunstgeschichte und deren Museumstempel schaffte.

Oft wird Basquiat als „Neoexpressionist“ bezeichnet, wegen des Schichtenaufbaus der Gemälde und deren Oberflächen. Er erfand Gestalten, Chiffren zwischen androgynen und deutlich zweigeschlechtlichen Körpern, zwischen Gegenständen, Gedicht- und Wortfetzen; der einstige Schüler einer katholischen Privatschule zeichnete bisweilen sogar Epiphanien (Christuserscheinungen). Er liebte den spielerischen Umgang mit Figuren und Sprache, den Rhythmus und die Wiederholung von Wörtern, das Sampeln und Scratchen als künstlerische Methode. Diese Bildwelt entspringt auch der Belesenheit des Autodidakten, die sich in Textfragmenten durch sein gesamtes Werk zieht. Obsessiv, roh und rätselhaft wie Basquiats kurzes Leben zwischen den Extremen.

Der 1960 in Brooklyn geborene Sohn eines zu Gewalt neigenden haitianischen Vaters und einer puertorikanischen Mutter starb im Sommer 1988 im Alter von nur 27 Jahren in New York an einer Überdosis Heroin. Er gehört somit zum tragischen „Club 27“. Wie Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Kurt Cobain, Amy Winehouse, Jim Morisson, um nur einige der dahingegangenen „Wunderkinder“-Legenden aufzuzählen.

Mit 17 war er von zu Hause abgehauen, lebte bei Freundinnen und Freunden. Seine Graffitis wurden Kult, Andy Warhol wurde sein Mentor, Keith Haring, Klaus Nomi, David Bowie zählten zu seinen Freunden. Die spätere Popdiva Madonna war eine Zeit lang seine Gefährtin. Er lebte und schlief mit Frauen wie mit Männern, erklärte seine promisken Wechsel aber nicht primär mit sexuellem Begehren, sondern mit der intellektuellen erotischen Anziehungskraft.

Er wechselte auch die Galerien, die seine ungestillte Sehnsucht nach Anerkennung und Erfolg begleiteten. Einer der Kunsthändler, der Basquiats Drogenkonsum mit Sorge sah, soll ihn, so wird kolportiert, sogar vor einer großen Ausstellung mit allem Lebensnotwendigen im Atelier eingeschlossen haben, um die Fertigstellung der auf dem Markt immer höher gehandelten Bilder nicht durch einen möglichen „Absturz“ zu gefährden. Der Getriebene schuf in nur acht Jahren rund 1000 Gemälde und 2000 Zeichnungen. Der Kunstmarkt, vor allem private Sammler, zahlten hohe Summen dafür. Nach seinem frühen Tod wurde er endgültig zur Legende. 2017 ging ein Schädel-Gemälde mit dem Rekordwert von 110,5 Millionen Dollar über den Auktionstisch.

In Wien sind von diesem manischen Schaffen nun insgesamt 50 Werke zu sehen. Es sind zumeist Leihgaben aus privaten Sammlungen, nur einige kommen aus Museen. Durch die Ausstellung hindurch ziehen sich zahlreiche Bilder von Schädeln. Schwarze und farbige Linien, die anatomische Vorlagen zitieren. Sie lassen zugleich an jene Geister und unheimliche Gestalten denken, wie sie in der kubanischen Santeria und ihren religiös-synkretistischen Kultfesten zelebriert werden. Der Ursprung solcher Motive liege, so heißt es in Basquiat-Biografien, in dem berühmten Lehrbuch „Anatomy of the Human Body“ von Henry Gray. Diesen Band hatte Basquiats kunstliebende Mutter ihm ins Krankenhaus gebracht, als er, ein Junge noch, nach einem Unfall ans Bett gefesselt war.

War Jean-Michel Basquiat ein Frühvollendeter? Oder ein Blatt, das schon der Sommerwind vom Baum gerissen hat? Der Tod taucht in seinen Bildern unzählige Male auf. Mal als aggressiver Höllenfürst, mal als sanfter, die Geschichten Schwarzer erzählender Freund Hein. Er habe, heißt es, keinesfalls sterben, sondern leben wollen: malen, lieben, malen. Er sehnte sich weg von den Drogen. Ein Freund wollte mit ihm zur Elfenbeinküste reisen. Dort sollte ein Schamane ihn von der Drogensucht heilen. Doch das Flugticket verfiel. Er kam nicht weg vom Heroin. Am 12. August 1988 löschte das Teufelszeug das Ausnahmetalent aus, das Basquiat war.

Albertina Wien: bis 8. Januar 2023. Der Katalog kostet im Museum und online 32,90 Euro. albertina.at

Jean-Michel-Basquiat-Foto in der Albertina.
Jean-Michel-Basquiat-Foto in der Albertina. © afp

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