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Die James-Simon-Galerie ist das neue zentrale, von David Chipperfield entworfene Empfangsgebäude der Museumsinsel in Berlin.

Kunst

James-Simon-Galerie in Berlin: Schönheit, Funktionalität und Programmatik

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Die James-Simon-Galerie, die am Freitag feierlich eröffnet wird, führt die Berliner Museumsinsel ins 21. Jahrhundert.

Um in Berlin mit einem neuen Haus Erfolg zu haben, muss man vor allem den Volksmund auf seiner Seite wissen. „Schwangere Auster“ für das Haus der Kulturen der Welt und „Waschmaschine“ für das Bundeskanzleramt sind weithin bekannte Synonyme geworden, und in Berlin kreiert man sie auch für Häuser, die noch gar nicht gebaut sind – man denke nur an das geplante Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum.

In wenigen Tagen werden wir zusammen mit der Bundeskanzlerin die James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel eröffnen – für die Berliner Presse auf der einen Seite die „teuerste Garderobe der Welt“, auf der anderen die „Akropolis“ der neuen kulturellen Mitte der Hauptstadt.

Wir haben in den langen Jahren der Bauzeit meist von einem zentralen Empfangsgebäude gesprochen und seine Servicefunktionen für die Museumsinsel betont: direkter Zutritt ins Pergamonmuseum und über die Archäologische Promenade ins Neue Museum und später auch weiter bis ins Bode-Museum und ins Alte Museum. Ferner zentrales Ticketing und Garderobe, Infocenter, Café und Restaurant sowie Museumsshop, all jene zeitgemäßen Erfordernisse und Erwartungen an einen modernen Museumskomplex dieser Bedeutung und dieser Größe, die die den Sammlungen gewidmeten historischen Gebäude der Insel nicht vorhalten können.

David Chipperfield und sein Team haben dafür ein wunderbares Gebäude geschaffen, das eine magische Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlägt: Die Pfeilerfront, filigran und majestätisch zugleich, setzt Stülers Kolonnaden um Alte Nationalgalerie und Neues Museum fort, und die großzügige Freitreppe nimmt auf Schinkels Altes Museum Bezug. Nachdem vor knapp neunzig Jahren das Pergamonmuseum eröffnet wurde, erhält die Insel nun ein sechstes Haus, das allen Sammlungen gleichermaßen dient.

Und trotzdem ist das alles nur die halbe Wahrheit. Das neue Gebäude muss auch als intellektuelle Herausforderung verstanden werden: Das modern ausgestattete Auditorium und dringend benötigte Sonderausstellungsflächen im Sockelgeschoss bieten den Staatlichen Museen zu Berlin die Chance zu einer programmatischen Bespielung, um die Museumsinsel auch inhaltlich weiterzudenken und einen geistigen Gegenpol und Brückenkopf zum künftigen Humboldt Forum zu bilden. Das Gebäude ist wie kein anderes dazu prädestiniert, den Sammlungen zeitgenössische Positionen gegenüber zu stellen, sie immer wieder neu zu befragen und Kunst und Kulturgüter mit aktuellen globalen, gesellschaftlichen und kulturellen Fragestellungen zu konfrontieren.

Die Ideengeschichte der Museumsinsel ins 21. Jahrhundert fortzuschreiben und den ganzen Kosmos der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihrer Staatlichen Museen neu erfahrbar zu machen, das ist die eigentliche Herausforderung dieses auf die Historie bezugnehmenden und gleichermaßen in die Zukunft gerichteten Gebäudes. Die Ausstellung „Unvergleichlich“ im Bode-Museum, in der herausragende Kunstwerke Afrikas aus dem Ethnologischen Museum zum ersten Mal versuchsweise europäischen Skulpturen gegenübergestellt wurden, hat einen solchen Weg aufgezeigt und unterstrichen, wie sehr es sich lohnt, neue Herangehensweisen zu erproben.

Hermann Parzinger leitet als Präsident die Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Dabei bieten sich vielerlei Möglichkeiten der Kooperation mit externen Partnern in der Stadt und darüber hinaus. Das 19. internationale literaturfestival berlin (ilb) wird schon im September hier zu Gast sein und mit namhaften Autoren in der Reihe „Decolonizing Worlds“ über die Spuren des Kolonialismus in Wissenschaft, Literatur, Museumsbetrieb und Alltag diskutieren. Die Museumsinsel, die vor exakt zwanzig Jahren in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen wurde, wird sich verändern. Und nur was sich verändert, bleibt. Dies hat auch mit dem Namensgeber der James-Simon-Galerie zu tun. Der Philanthrop, Mäzen, Patriot, jüdische Weltbürger und Menschenfreund war nicht nur der größte Förderer der Staatlichen Museen zu Berlin, er engagierte sich auch dafür, dass möglichst breite Schichten Zugang zu Kunst und Wissenschaft erhalten. Erreicht werden sollte dies, wie Olaf Matthes in seinem Buch über Simon schreibt, durch „äußerst niedrige Eintrittspreise und durch edle Geselligkeit und bildende Anregung, insbesondere durch musikalische, deklamatorische und belehrende Vorträge“. Mit seinem Verein für Volksunterhaltungen öffnete James Simon sogar das damalige Königliche Schauspielhaus am Gendarmenmarkt und die Berliner Philharmonie für ein breites Publikum. Auch wenn die Dinge heute etwas anders liegen, so wissen wir doch, dass wir uns um unsere Besucherinnen und Besucher kümmern müssen, dass die neue kulturelle Mitte der Hauptstadt eben nicht nur den Touristen gehört, sondern sich auch noch viel stärker all jenen Berlinerinnen und Berlinern öffnen muss, die seit langer Zeit nicht mehr im Museum waren. Der jetzt viel diskutierte eintrittsfreie Sonntag in den Staatlichen Museen zu Berlin (und darüber hinaus) wurde von der SPK von Anfang an unterstützt. Daher hören wir mit Freude, dass die Politik dies ab 2020 finanziell ermöglichen will. Und Ende August eröffnen wir direkt gegenüber der James-Simon-Galerie das Haus Bastian. Die Staatlichen Museen beschreiten damit ganz neue Wege der kulturellen Bildung.

Vielleicht sind neue Wege der Besucherfreundlichkeit die beste Art, James Simon zu ehren, der kulturelle Bildung als „Jedermannsrecht“ sah. Was heute als gesamtgesellschaftliche Aufgabe formuliert wird, das war in Preußen zu Beginn des 20. Jahrhunderts von bürgerschaftlichem Engagement getragen und durch das selbstverständliche Handeln und Wirken von Personen wie James Simon geprägt. Er war eben nicht nur der Mann, der seine Renaissance-Sammlung und Nofretete den Staatlichen Museen schenkte, sondern ein wohlhabender Industrieller mit sozialer Verantwortung. Für die Kinder der Großstadt ließ er Ferienkolonien und Kinderheime bauen, ermöglichte Schülerwanderungen und vieles mehr. Lange, zu lange Zeit hat in Berlin weder ein Platz noch eine Straße noch eine andere Art von Denkmal an diesen großen Mann erinnert. Das ist bitter und belegt zugleich, wie weitreichend selbst die Erinnerung an jüdische Mäzene durch das verheerende Wirken des Nationalsozialismus aus dem öffentlichen Bewusstsein in Deutschland verschwunden ist. Gegen dieses Vergessen will die SPK bewusst ein Zeichen setzen und hat das neue Haus auf der Museumsinsel nach James Simon benannt.

Wir sind dankbar, dass die Bundeskanzlerin das neue Haus eröffnet, weil es unterstreicht, wie sehr sich die Bundesregierung für die neue kulturelle Mitte Berlins bisher engagiert hat und weiterhin engagiert. Bei aller gerechtfertigten Kritik über gestiegene Baukosten und verschobene Eröffnungstermine, das öffentliches Bauen aus vielerlei Gründen inzwischen fast regelhaft zu begleiten scheint, was hier geschieht, ist eine Investition in die Zukunft, und diese Investition steht in einer langen Tradition: Nach dem Ende der napoleonischen Kriege lag Preußen am Boden, von Kriegen ausgezehrt und wirtschaftlich ruiniert, und dennoch ließ Friedrich Wilhelm III. das heutige Alte Museum erbauen und damit den Grundstein für die Museumsinsel legen, und zwar von einem der genialsten Architekten seiner Zeit: Karl Friedrich Schinkel. Es war eine folgenreiche Entscheidung, von der wir noch heute zehren, weil von jenem Moment an die Mitte Berlins von der Kultur her gedacht wurde. Das ist bis heute so, und hier definiert sich die deutsche Hauptstadt immer wieder aufs Neue.

Viel Geld ist seit 1990 investiert worden, um zu bewahren, was im 19. und frühen 20. Jahrhundert begründet worden ist: Sammlungen von Weltrang in Museen, die Architekturgeschichte schrieben! Bei aller Debatte um Berlin muss man sich immer auch die Geschichte dieser Stadt vergegenwärtigen, der gemeinsamen und der geteilten. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat Jahre gebraucht, um zusammenzubringen und neu zu ordnen, was Krieg und Mauer auseinandergerissen hatten, und dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Es sind Erblasten, denen sich die SPK in ihrer Verantwortung für ihre Sammlungen und Gebäude zu stellen hat, ob sie will oder nicht.

Insofern ist die Eröffnung der James-Simon-Galerie für uns ein weiterer wichtiger Meilenstein. In den neunziger Jahren wurde das schöne Wort der „Hauptstadtwerdung“ geprägt. Ein Prozess, der in meinen Augen noch immer nicht ganz abgeschlossen ist, der aber eines bewiesen hat: Die Kultur ist eine wichtige Taktgeberin dafür.

Zur Person

Hermann Parzinger, Jg. 1959, ist Prähistoriker und spezialisiert auf die Kultur der Skythen. Als Archäologe gelangen ihm einige Sensationsfunde, darunter die Entdeckung eines skythischen Fürstengrabes in Südsibirien. Seit 2008 leitet er als Präsident die Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

James Simon (1851-1932) war ein Unternehmer in Berlin, Förderer der Berliner Museen und Finanzier wohltätiger Einrichtungen. Sein Name ist eng verbunden mit der Plastik der Nofretete, die er dem Ägyptischen Museum in Berlin übereignete. Simon war einer der bedeutendsten Kunstmäzene seiner Zeit.  

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