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René Magritte: „So lebt der Mensch“, 1933.
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René Magritte: „So lebt der Mensch“, 1933.

Staatsgalerie Stuttgart

Irrwege und ein Triumph

Giorgio de Chirico und René Magritte in der Staatsgalerie Stuttgart: Der eine verrätselt die Welt, der andere stellt Lebensfragen.

Von Peter Iden

Glücklicherweise nur unter anderem führt der kurvenreiche Abstecher, der zur Zeit in Stuttgart den Besuchern der Staatsgalerie vorgeschlagen wird, auch in ein entlegenes Tollhaus der europäischen Kunst während des Ersten Weltkriegs. Die Hauptmieter sind vor allem drei Italiener, der 1888 in Griechenland geborene Maler Giorgio de Chirico, sein als Dichter und Komponist dilettierender jüngerer Bruder, der sich den Namen Alberto Savinio gibt, und Carlo Carrà, etwas älter als die beiden, dessen Oeuvre als Maler über die Jahre eines von der stilistisch schwankenden Art ist.

Von dem Furor der DADAisten, die sich zur gleichen Zeit in Zürich so fabelhaft irrwitzig ins Zeug legen, haben die drei Italiener, die für eine kurze, aber höchst produktive Zeit zwischen 1917 und 1919 im schönen Ferrara zusammen sind, allerdings wenig: Eher Schwermütige sind es vielmehr, tief verbohrt in obskure, wirre Vorstellungen von der Welt und der Kunst, besonders de Chirico hat verständnislos zu viel Nietzsche gelesen, wenn er sich sprachlich äußert, ist das ein Raunen, es wabert auch in seinen Bildern. Kein Wunder, hat er doch tatsächlich schon früh in seinem Leben Erscheinungen. Offenbarungen, die ihm nahelegen, was er ins Bild zu setzen habe.

Was soll das sein? Ehe de Chirico 1915 nach Ferrara kam – die Periode, auf die sich die Ausstellung in Stuttgart leider zu sehr konzentriert – hatte er nach Aufenthalten in München, Mailand, Florenz, Turin in Paris Bilder von bis heute unverwechselbarer Originalität geschaffen. Sie zeigen weite, menschenleere Räume mit tiefer Perspektive, seitlich und im Hintergrund eingegrenzt von Architektur-Elementen, vor allem von Türmen und Bogengängen, die sich ausnehmen wie Kulissen einer Theaterbühne. Diese Bauten wirken entrückt – und sind doch zugleich intensiv präsent. In Ferrara aber, nur wenige Jahre später, verfällt der Maler dem Wahn, die Welt bildnerisch bis zur Unkenntlichkeit zu verrätseln. „Metaphysik!“ heißt jetzt die Parole und „pittura metafisica“ die gemalte Praxis.

Es ist einer der eklatantesten Irrwege der Kunst im 20. Jahrhundert. So eigenwillig wie unglücklich versteht de Chirico Metaphysik als Herausforderung, mit Hilfe der „gewöhnlichen Dinge“ den „großen Wahnsinn der Welt“ zur Darstellung zu bringen. Was dabei indes nur herauskommt, sind als Bilder getarnte Rätsel, hinsichtlich der Farbgebung dürftig, in Betracht der Inhalte intellektuell strapazierend sinnlos, als Ratespiele vollends unergiebig.

Denn wie soll einer auflösen, um welche verschlüsselte Auskunft es sich handelt, wenn de Chirico etwa in „Die Pläne eines jungen Mädchens“ (von 1915) jede Menge „gewöhnlicher Dinge“, wie einen riesig vergrößerten Handschuh, Garnrollen, eine grüne Schachtel und dazu in einem gewissen Abstand einen rostbraunen Turm willkürlich zusammentut, in „Melancholie der Abreise“ (1916) die Bildfläche auffüllt mit allerhand Winkelmaßen und einem streng eingefassten Naturzitat oder in „Die heiligen Fische“ (1918) zwei tote Fische in Kreuzform auslegt, umgeben von einem Seestern auf Kerzenhalter und Bauklötzchen?

Das forciert Sonderbare dieser Collagen, angestrengt bemüht um Auffälligkeit, ist gelegentlich gedeutet worden als subjektiver Ausdruck einer Weltflucht in schlimmen Zeiten des Krieges. Eskapismus und Selbstbehauptung ineinander verschränkt. Für Roberto Longhi, den damals einflussreichsten Kunsthistoriker und Kritiker allerdings war das „verquaster Illustrationismus“, der Lust mache zu fragen, „aus welcher Gnade heraus Giorgio de Chirico malt“. Heute in ein Museum geholt, zeigen solche abgelebten Bilder, dass sich nicht in allen entlegenen Winkeln der Kunstgeschichte Schatzhäuser finden, sondern manchmal auch bloß eine Rumpelkammer.

Nach der Zeit in Ferrara tut sich bis zu seinem Tod in Rom 1978 im Werk de Chiricos nur noch was Longhi resümiert als „eigenartige Geschichten erzählen, aber malen wie tout le monde“. Allerweltskunst. Die Stuttgarter Kuratoren, Paolo Baldacci und Gerd Roos, unterstützt von Archiven in Ferrara, Mailand und Berlin, haben die Defizite der „pittura metafisica“, nach den erstaunlichen frühen Bildfindungen de Chiricos, bemerkt und mit einer großzügigen Erweiterung des Blickfelds reagiert. Hinzugenommen zur Schau „Giorgio de Chirico. Magie der Moderne“ wurden Werke von Künstlern, die etwa gleichzeitig mit ihm und Carrà den Surrealismus als Kunststil zwar nicht begründet – der Anfang liegt länger zurück –, aber doch weiterentwickelt haben.

Durch diese Umgebung gewinnt die Ausstellung deutlich an Format und rechtfertigt sich der erhebliche Aufwand. Es geht dabei sowohl um Verwandtschaften, etwa zwischen Max Ernst, Raoul Hausmann und Kurt Schwitters, als auch um heterogene Ansätze, die Salvador Dalís exaltiert ausgreifende Phantasien der Konzentration auf eine den Dingen eigene Aura in den Stillleben Giorgio Morandis entgegensetzen. Betont werden auch die Übergänge zwischen surrealen Bildfindungen und der damals vor allem in Süddeutschland aufkommenden „Neuen Sachlichkeit“, für die Alexander Kanoldt einsteht. Ohne allerdings in seinen Arrangements Dichte und Dringlichkeit Morandis zu erreichen. „Valori plastici“, 1918 gegründet zunächst als Zeitschrift, nannte sich, mit einer gezielt auf vaterländische Akzente bedachten Tendenz, die neue Richtung in Italien. Die „Werte des Plastischen“ wollte als Bewegung aus den Abenteuern der Abstraktion zu Beginn des Jahrhunderts zurück zu Traditionen der gegenständlichen Kunst. Jedoch, wir wissen es heute: So wie das gefallen hätte, ging es nicht mehr.

An der Ausstellung, so sehr sie sich merklich schwertut mit de Chirico, nicht hoch genug wertzuschätzen ist das Ereignis, das in Wahrheit ihr Zentrum ist: Die Präsenz von fünf Hauptwerken René Magrittes aus den Jahren 1926 bis 1933, drei entliehen dem Bestand von Museen in Washington, Zürich und Brügge, eines aus der deutschen Sammlung Würth in Künzelsau, ein weiteres aus Privatbesitz. Dass das möglich werden konnte, darf man einen Glücksfall nennen. Weit überragen die fünf Bilder beinahe alles um sie herum. Die Ansprüche auf die eine Lehre und Position oder auf irgendeine andere, ebenso wie die Vorgabe des Themas, den ganzen „metaphysischen“ Budenzauber: Wirkliche Größe braucht weder Ableitungen, noch den Zusammenhang mit anderem.

„So lebt der Mensch“ hat Magritte 1933 das Bild aus der National Gallery in Washington genannt. Ein Fenster, gerahmt von braunen Vorhängen, durch eine transparente Folie, am Boden gehalten von drei Stützen, zu sehen unter einem blauen Himmel mit treibenden hellen Wolken ein einzelner Baum auf einer Wiese, noch ein Wald weiter hinten, Natur. Ausgeträumt träumerisch. Hätten wir wirklich vor Augen, was wir zu erblicken vielleicht doch nur meinen? Wer also sind wir? Lebensfragen.

Staatsgalerie Stuttgart: bis 3. Juli.

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