Ein Reiter im goldbesetzten Gewand der Nachbarvölker.

Liebieghaus

Irregeleiteter Glaube

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Denn die Götter der Griechen und Römer waren nicht weiß, sie waren bunt, so zu sehen in Frankfurts Liebieghaus. Wo man erneut die Kunstgeschichtsschreibung revidiert.

Ein Mädchen in Sandalen, eine Griechin in einem aufwendigen Gewand, eine Lotusknospe in der Hand. Die Grabstatue wurde geschmückt und bekrönt, als sie um 540 v. Chr. entstand für eine Frau, die jung starb, so zu lesen durch das Epigramm auf der Basis der Statue, die ein gewisser Aristion schuf, ein Mann mit einem einst großen Namen. Ein Kunstwerk aus archaischer Zeit, die Rekonstruktion, wie sie jetzt zu sehen ist zum Auftakt der Promenade durch die Welt der „Bunten Götter“, entstand 2018/19 aus einem 3D-Drucker. Vergessen wir den Namen des Mädchens nicht, Phrasikleia. Um ihren Kopf steht ein Kranz von erhobenen Lotusblüten, eine rot-weiße Krone.

Im Kreis von Figuren der römischen und griechischen Götterwelt zählt die anmutige Griechin zu den über 100 Objekten, die aus internationalen Museen zusammengetragen wurden und jetzt in Frankfurts Liebieghaus präsentiert werden, darunter 60 Rekonstruktionen von Objekten, eine davon ist die junge, zugleich etwas puppenhaft wirkende Phrasikleia, die dennoch plausibel macht, dass es augenscheinlich Sitte war, dass das Gewand von einer Mädchen- oder Frauenhand gerafft wurde, um die Figur zu betonen. Und mehr als das, eine sehr bunt gekleidete Figur.

Auch deswegen darf man wohl sagen: Noch immer werden die falschen Götter angehimmelt. Wird doch nach wie vor vielfach geglaubt, die antike Götterwelt, wie sie von der Skulptur (und der Architektur) verkörpert wurde, sei weiß gewesen. Die Nachweise, die dagegensprechen, mögen unangenehm sein, man kann sich ihnen verweigern, sich womöglich sogar auflehnen – wie auch immer, aus der Welt schaffen kann man sie nicht. Schon der römische Historiker Plinius der. Ältere hinterließ die Anekdote, dass der Bildhauer Praxiteles, seinem Favoriten gefragt, eine weitere Größe nannte, Niklas, und das damit begründete, dass dieser seine Marmorskulpturen farblich gefasst habe. Das hat viele Kunsthistoriker regelrecht fassungslos gemacht.

Die Welt der Griechen und Römer war ein farbiger Kulturkosmos – es gab Zeiten, da brach ein zurechtgezimmertes Weltbild von Antike zusammen. Auch deshalb tauchte der Gedanke des Plinius schon einmal auf, um mit allem Nachdruck eines antiken und authentischen Zitats die Farbigkeit der griechischen und römischen Skulptur zu bekräftigen, so auch jetzt wieder, in einer Neuauflage der „Bunten Götter“ in Frankfurts Liebieghaus, einer Rückkehr nach über elf Jahren.

Die Grabstatue der Phrasikleia.

Zu diesem Zeitpunkt war die farbige Götterwelt bereits seit vier Jahren um die Welt geschickt worden und hat seitdem über drei Millionen Besucher fasziniert, von Istanbul über Athen bis Berlin, in London, San Francisco ebenso wie in Mexiko City. Nun also wieder das Liebieghaus an Frankfurts Mainufer. Erneut hat Vinzenz Brinkmann die Schau kuratiert, unterstützt von einem Team, vor allem seiner Frau. Brinkmann forscht zur Marmorskulptur seit vierzig Jahren, Ulrike Koch-Brinkmann und er begannen 1989 mit experimentellen Farbrekonstruktionen an Kopien von Originalen.

Erneut wurde eine Liebieghausschau durch das gesamte Haus geführt, als eine „Intervention“, bei der die Exponate einer Wechselausstellung unter die dauerhaft gezeigten Objekte gemischt werden – angefangen mit der ägyptischen Großplastik, an der sich Farbspuren ablesen lassen, so ein Hauch von Regenbogenfarben an einem Relief. Gegenüber leuchtend integriert in die ständige Sammlung die Farbrekonstruktion eines Reliefs aus dem Sonnentempel des Pharao Niussere, die Originalkalksteinansichten 4370 Jahre alt, die Farbrekonstruktionen, die die Jagdszenen mittels leuchtender Farben plastischer machen, entstanden 2010.

Die farbige Tempel- und Götterwelt Ägyptens bildet den Auftakt für die nicht weniger farbige der Griechen und Römer, für die nicht anders als farbige des Mittelalters, zum Zeichen einer Kontinuität, wie Brinkmann sagt, während er Halt macht, einen Scheinwerfer zur Hand nimmt, sich bückt, ein Kabel in eine Bodensteckdose steckt, um mit einem UV-Strahler einen Hauch von Bemalung auf einer griechischen Grabstele aus Marmor sichtbar zu machen, einen Schatten, für das bloße Auge unsichtbar. Im Licht hervorgehoben Mäanderband oder auch der Umriss einer Figur. UV-Fluoreszenz oder Stereomikroskopie oder Röntgenanalyse oder Pigmentanalyse sind wahrhaftig eine Wissenschaft für sich, die einer unmittelbar anschaulichen Darstellung emsig vorausgeht. Brinkmann löscht das Speziallicht, er lächelt - so seine Art, Genugtuung verschwiegen anzudeuten in einer Schau, die durchaus auch quietschbunt daherkommt. Die Promenade führt vorbei an Figuren, die nicht nur farbig sind, sondern auch poppig-bunt à la Jeff Koons.

Die Ausstellung
Liebieghaus, Frankfurt: bis 30. August. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Prestel Verlag (280 Seiten, 34,90 Euro) erschienen. www.liebieghaus.de

Eigenwillig die geradezu ornamentale Gestaltung der Brustwarzen, manches kaum zu glauben, doch durch hartes Streiflicht wird auf der Originalskulptur das aufgemalte Schamhaar über einem abgebrochenen Penis nachgewiesen. Gerne gab man ihm zusätzlich zur Hautfarbe etwas mehr Farbe dazu. Auch die Ausstellung bedient sich suggestiver Mittel, wenn sie vier, fünf kleine Skulpturen aufreiht, von links nach rechts wurden sie mehr bemalt, stärker eingekleidet. Das funktioniert folgendermaßen: Stadium für Stadium kann man auf einem Druckknopf das Licht auf einem Projektor abrufen, der die fast lebensgroße Skulptur gegenüber verändert – eine herrliche Muse, 2200 Jahre alt, eine Kostbarkeit aus dem Liebieghaus, eingehüllt durch Licht, eingekleidet durch raffiniert gestreutes buntes Licht aus einem Beamer.

Das alles wie auch ein jedes Detail widerspricht massiv einem Frankfurter. Denn es war der größte Sohn der Stadt, der vom griechischen Skulpturenkosmos eine Ansicht makelloser Schönheit verbreitete, das Ideal einer weißen Antike, womit er die Darstellung einer anderen Kapazität missverstand, missdeutete, wie Brinkmann erläutert. Goethe habe Johann Joachim Winckelmanns Ansichten zum „Alterthum“ verfälscht, denn dieser war sich der Polychromie der antiken Götterwelt bewusst. Winckelmanns Traum von einem schönen Körper, der dem Enthusiasten „desto schöner“ schien, „je weißer er ist“, ist von Generationen von Kunstbeflissenen missverstanden worden, auch noch von einer Großmacht der Kunstgeschichtsschreibung, Aby Warburg, der 1899 bissig meinte, Winckelmanns Sentenz von der „edlen Einfalt und stillen Größe“ der griechischen Kunst, verdanke sich der Kenntnis über „die stille Größe der Gipsabgüsse“.

Abgüsse bevölkern jetzt auch den Liebieghaus-Parcours der Bunten Götter, die technischen Möglichkeiten sind in den letzten Jahrzehnten ungemein perfektioniert wurden, so dass Objekte aus dem 3D-Drucker stammen, Kore oder Kuros, nackter Jüngling oder geschmücktes Mädchen. Dass die Athena von der Athener Akropolis ebenso eine Annäherung an das Original darstellt wie der sogenannte Perserreiter ist evident, wird dieser doch als Fragment darstellt, nur mit dem Unterleib auf dem Pferderücken, rechter und linker Schenkel bewusst unterschiedlich gestaltet. Und wer sagt, dass der Reiter ein Reiter ist und nicht womöglich eine Amazone?

Brinkmann spricht immer wieder von Annäherungen. Dazu schicken er und sein Team den Besucher durch angedeutete antike Szenerien. Skulpturen markieren eine Nekropole, ein in die Räume exklusiv eingebauter Giebel weist einen Tempelbezirk aus, darin an der Stirnwand eine Artemis, unter einem mächtigen Gebälk. Darauf und darunter zwei Bogenschützen. Sie liefern den Beweis, dass die Griechen lebhafte Kontakte in fremde Reiche pflegten, und zur Außenhandelsbilanz gehört die Bewunderung der Skythen, denn sie verfügten über Gold.

Goldpailletten legten sie auch ein in ihre Kleidung, bei der Rekonstruktion des Schützen finden sie sich auf den Extremitäten wieder. Womöglich auf Armen und Beinen, weil die Licht- und Schattenspiele auf mit Gold bestickten Ärmeln und Leggings, auf den beweglichen Körperteilen also, umso lebhafter zur Wirkung kamen? Vinzenz Brinkmann lächelt.

Die „Kleine Herkulanerin“.

Dem Tempel den Rücken kehrend, bleibt das Tempelmotiv dennoch präsent, taucht schließlich auch am anderen Ende der Ausstellungswelt im Liebieghaus auf, wenn dort fantastische Blätter gezeigt werden, Aufrisse des Parthenon, eine kolorierte Lithografie Gottfried Sempers aus den 1830er Jahren. Da steckt der Besucher also mitten im 19. Jahrhundert, einem ja nicht nur tintenklecksenden Saeculum, sondern einem, das von der bunten Welt der Griechen eine unbedingt polychrome Vorstellung hatte, vor allem in Paris, dafür gibt es an den Wänden monumentale Nachweise. Sowie unter Glas aufgeschlagen ein Standardwerk der Farbigkeitsforschung zur griechischen und römischen Skulptur, 1814 veröffentlicht von Antoine Chrysostôme Quatremère de Quincy in Paris. Etwa so etwas wie ein Anti-Goethe? Brinkmann lächelt nicht, denn „unangenehm“ nennt er das, was der Autor der Farbenlehre für sein weißes, ein ideales, sein intaktes Antikenbild unternahm.

Goethe ging, so Brinkmann, fehl, nahm fatalerweise auch noch auf die Winckelmann-Rezeption Einfluss, die heute noch im Argen liege, womit die Liebieghaus-Schau, neben den Ergebnissen der Rekonstruktion, die sie vorlegt, auch eine Korrektur der kanonisierten Kunstgeschichtsschreibung vornehmen möchte, denn die Fehlentwicklung sei offensichtlich, die Fehlinterpretationen Winckelmanns heute noch, so Brinkmann im Katalog. Die Missverständnisse ein Drama, die Verwechslungen geradezu eine Farce.

Dabei war es bereits der Tragödiendichter Euripides, der die Farbigkeit der ihm vertrauten, auch durch die Skulptur immer wieder nahegebrachten Götterwelt verehrte, so zu sehen als Zitat im Rotundenrund, hoch oben. „Bunte Götter“, nachdrücklich durch einen Dichter beglaubigt, auch wenn es für uns, heute, nicht so ohne weiteres leicht ist, unter all dem strahlenden Blau, Rot und Gelb ausgerechnet auch die Hautfarben zu akzeptieren, wiewohl gerade die hellenistische Herkulanerin, zumal auf die Distanz von sechs, acht Schritten, besonders raffiniert wirkt. Unter dem grünen Stoff durchschimmernde Körperpartien, Unterschenkel, Knie, Oberschenkel, Bauch, Gesäß, Ellenbogen, all diejenigen Körperteile, über die das Tuch nicht locker fällt, sondern die der rechte Arm strafft, so dass das transparente Tuch den Körper fest umspannt, ihn weniger verschleiert als vielmehr modelliert – das spätklassische Bild einer Frau, ein Idealbild.

Die archaische Epoche, um 650 v. Chr. beginnend, die klassische seit etwa 480, sowie der Hellenismus von 330 an: Die drei griechischen Perioden durchstreift der Besucher, um seine Ausstellungspromenade fortzusetzen vor einigen römischen Schätzen, darunter dem „Treu-Kopf“ aus dem British Museum. Die Kostbarkeiten des Mittelalters sind wiederum schon deswegen interessant, weil dazu auch Arbeiten Tilman Riemenschneiders gehören, in diesem Ausstellungszusammenhang gar hochinteressant, weil er doch daranging, seinen geschnitzten Holzfiguren im Naturton zu belassen.

Die Ausstellung lädt ein zu einer Revision, und sie macht dazu das Angebot, sich einzufühlen. Wenn sie auf einer Station so etwas wie Labor andeutet, dann macht sie obendrein den Vorschlag, sich auch unter nicht unmittelbar anschaulichen Entdeckungen umzuschauen, sondern eine immerhin vierzigjährige Forschungsgeschichte zu würdigen. Vinzenz Brinkmann nickt.

Er weiß, dass er mit seinem Laboratorium der Kunstgeschichte Beweisstücke vorgelegt hat, dass die Welt der Griechen und Römer von einer bisher anders gesehenen Vitalität beseelt war. Auch für die Kulturgeschichtsschreibung dürfte das immense Auswirkungen haben, denn es ist ein Unterschied, ob man sich in einer bunten Welt bewegt oder mit einer weißen ausstattet. Es war der Römer Pausanias, der um 120 bis um 180 n. Chr. lebte, und in seiner „Führung durch Griechenland“ schwärmte, „dass die Statue der Athena bläuliche Augen hat“. Ja, woher wohl? Brinkmann betont, dass er nicht nur die Skulpturen untersucht, sondern die Schriften der Klassiker neu gelesen habe. Er lässt unausgesprochen, dass zum Apollinischen immer auch das Dionysische gehört, wie auch umgekehrt, es sei denn, man wollte den ganzen schöpferischen Menschen vereinseitigen, versimpeln. Abgesehen von dieser vielleicht etwas ollen Erkenntnis ist nicht zuletzt die Farbigkeit auch antiker Bronzen, der Großplastiken wie den Riace-Kriegern, wahrhaftig Riesen von 2,03 Metern Größe, eine neue.

Die Mehrzahl der formgetreuen Kopien sind aus Gips, einige sind gar aus Kunststoffen, die die kristalline Marmoroberfläche imitieren, dass man sich glatt täuscht. Die Techniken stehen im Dienst der Illusion, ohne dass sie die Aura eines Originals erreichen. Brustwarzen, in Kupfer eingelegt, Zähne durch Silberblech, noch schwieriger sind nackte Haut und Fleischfarben zu imitieren. Die weiße Welt der Götter war, bei aller Körperhaftigkeit und trotz strotzender Lebendigkeit, auch eine der Abstraktion. Die bunte Welt der Götter führte in den Götterkosmos einen offensichtlichen Nachahmungseffekt ein, der die Illusion zu einem Dilemma werden ließ. Steinlagen in den Augen, rosa Krapplack für den Lippenzwischenraum oder die Augenwinkel. Der rosige Realismus der bunten Götter tendierte zu einem Naturalismus, zu dem sich die weiße Skulptur, der blasse Teint der Athena oder des Apoll, vielleicht vielschichtiger verhielt?

Farbig oder nur weiß, das war stets auch eine Geschmacksfrage – also ein umso verbiesterter geführter Streit, denn wann schon sind Geschmacksfragen Argumenten zugänglich? Mögen auch einige Objekte wegen ihrer forcierten Farbigkeit oder Hautfarben irritieren, unausgesprochen formuliert die Ausstellung noch einen anderen Einspruch, nämlich gegen das Erbe der klassischen Moderne, der makellos weißen Moderne, die das Kunstverständnis der letzten rund einhundert Jahre entscheidend geprägt hat.

Die Entdeckung der Farbigkeit ist alles andere als neu. „Die sechste angezeigte Statue in Marmor, die Diana, im Laufen vorgestellet, ist halb Lebensgröße, das ist, an fünf Palme hoch, bekleidet und bemalet.“ Und Winckelmann fuhr 1764 fort: „Um die Haare liegt ein Diadem, wie ein Ring, auf welchem acht erhobene rothe Rosen stehen.“ Sowohl die Farbigkeit, die ja mehr ist als nur eine Fassung von Figuren, sondern ein vielfältig-buntes Vitalitätsprinzip verkörpert, wurde verdrängt. Stilbildend wurde durch die weiße Moderne eine Askese, paradox formuliert, könnte man von einer ausgeblichenen Verblendung sprechen.

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