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Giovanni Segantini, Mezzogiorno sulle Alpi, 1891, Mittag in den Alpen aus dem Segantini Museum in St. Moritz.
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Giovanni Segantini, Mezzogiorno sulle Alpi, 1891, Mittag in den Alpen aus dem Segantini Museum in St. Moritz.

Giovanni Segantini

Im irdischen Paradies

  • VonPeter Iden
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Patriotische Zuneigung: Segantini-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen zieht das Publikum in seinen Bann.

Dieser Maler ist für viele Schweizer ein Idol. Ein Gottfried Keller der Bilder. Sie lieben ihn wie die schneebedeckten Berge ihres Landes, zu deren Gipfeln Giovanni Segantini in seinem Leben immer höher hinaufgestiegen ist und die noch einmal zu sehen auf dem Totenbett sein letzter Wunsch gewesen sein soll. An dem Gedränge des eidgenössischen Publikums vor seinen Bildern in der umfänglichen Ausstellung, die Segantini jetzt in der Fondation Beyeler in Riehen eingerichtet worden ist, wird eine patriotische Zuneigung spürbar wie sie für die Kunst der Moderne anderswo sehr selten ist.

Woher rührt das? Segantini hat, nach der Periode seiner frühen Bilder, die den Studenten an der Mailänder Kunstakademie Brera als eine Begabung ohne allzu großes Versprechen zeigen, Szenen aus dem bäuerischen Leben in bergiger Landschaft so in Bilder gefasst, dass sie wie Erinnerungen an ein irdisches Paradies scheinen: Viel Sehnsucht ist darin, ein Verlangen nach Befreiung aus der Enge der Täler, nach ausgreifender Weite und dem einfachen, langsamen Leben in hochgelegenen Landschaften, dem Himmel nahe. Das ist schon zu seiner Zeit, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, auch eine Reaktion gewesen auf eine sich mit der Industrialisierung in hohem Tempo verändernde Welt.

Hinzu kommt der Stolz, mit Segantini, obwohl er ein Staatenloser war, für die Kultur der Schweiz einen Künstler reklamieren zu können, der wie Monet, van Gogh, Cézanne und die Pariser Fauves als ein Erneuerer der Malerei gilt. 1885 in Arco am Gardasee in ärmlichen Verhältnissen geboren, zog es den Maler nach den Studienjahren an der Brera zunächst in die (später von Carlo Emilio Gadda in „Die Erkenntnis des Schmerzes“ eindrucksvoll beschriebene) Landschaft der Brianza-Ebene nördlich von Mailand, für das letzte Jahrzehnt seines Lebens aber in das schweizerische Graubünden und das Hochgebirge des Oberengadin. Dort ließ er sich im Dorf Maloja nieder und malte einige der großformatigen Hauptstücke seines Werks.

Dazu gehört vor allem das im Todesjahr 1899 vollendete „Alpentriptychon“, das von dem Segantini gewidmeten Museum in St. Moritz nicht ausgeliehen wurde und darum in Riehen nun nur in Vorstudien zu sehen ist: in drei mächtigen Quer-Formaten der Versuch, Inbilder für Leben, Natur und Tod zu schaffen, und zwar mit den Ausdrucksmitteln des Realismus, der erst für den Himmel über der Todeslandschaft aufgegeben wird zugunsten einer Art von abstraktem Mystizismus. Während der gleichen Werkphase entsteht „Frühling in den Alpen“ (1897). Diagonal führt eine junge Frau auf einem Hochplateau zwei Pferde über eine Wiese. Alles atmet hier Frühlingsluft, die Stimmung ist eine der Zuversicht, Aufbruchslaune bestimmt das Bild im Cinemascope-Format. Es ist dasjenige Gemälde (aus New Yorker Privatbesitz), das in der Ausstellung zusammenbringt, was Segantini zuvor in vielen Einzelszenen aus dem Alltag bäuerischer Lebenspraxis in den Alpen geschildert hatte: von den Tieren an der Tränke, der Schur der Schafe, der Verarbeitung der Wolle bis zur abendlichen Rückkehr mit den Tieren in den Stall.

Man spürt vor solchen Bildern, dass sie von einer Suche nach Heimat bestimmt sind, die allerdings nicht nur als Idylle vorgestellt wird. Der Gesichtsausdruck der Menschen ist vielmehr auffällig freudlos, ihre Haltung bestimmt von der harten Arbeit auf schwierigem Terrain. Heimat bedeutet hier zwar Nähe zur Natur, aber auch Mühsal: Das Paradies bleibt letztlich unerfüllte Verheißung. Eine Erfahrung, die auch die Selbstporträts des Malers bezeugen: Während der Zwanzigjährige sich noch darstellt mit offenem Blick, voller Zuversicht, sieht er sich in späteren Selbstbildnissen zunehmend als Leidenden, am Ende fast als düsteren Schmerzensmann.

Segantini entwickelte für seine Malerei das Verfahren des „Divisionismus“, eine Form des Pointillismus, wie man ihn bei Signac und Seurat findet. Dabei werden die Farbflächen aufgelöst in schmale Bänder der Grundfarben, erst aus einem gewissen Abstand wahrgenommen, schließen sich die Streifen flächig zusammen. Die Methode verhilft den Gemälden zu einer lichtvollen Frische. Das verhindert mitunter nicht ein Abgleiten mancher der allegorischen Darstellungen an die Ränder frömmelnder Überhöhungen. Das schon zu Lebzeiten des Malers als religiöses Motiv vielfach reproduzierte „Ave Maria bei der Überfahrt“ (1886) ist dafür ein Beispiel: In einem Kahn mit Schafen treiben ein Mann und eine Frau mit Kind selbstversunken auf einer Wasserfläche, unter einem Himmel, dessen Licht, verstärkt durch zwei hölzerne Bögen, die den Kahn überspannen, die Szene umfängt wie ein Heiligenschein. Es fällt schwer, das nicht ein Kitschbild zu nennen.

Kann Segantini dennoch als ein Erneuerer der Malerei gelten? In unmittelbarer Nachbarschaft zu den etwa siebzig Werken von ihm sind in Riehen van Goghs präsent. Dem Vergleich hält Segantini kaum stand. Aber ein bedeutender Landschaftler ist er doch. Die Alpen der Schweiz haben ihn zu Bildern inspiriert, die kein anderer erreicht – nicht einmal die Alpen selber.

Fondation Beyeler, Riehen bei Basel: bis 25. April. www.fondationbeyeler.ch

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