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Alles wird ja gut: „Der Einzug des Kaisers Franz I. in Wien nach dem Pariser Frieden am 16. Juni 1814“, 1826/28.
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Alles wird ja gut: „Der Einzug des Kaisers Franz I. in Wien nach dem Pariser Frieden am 16. Juni 1814“, 1826/28.

Ausstellung Peter Krafft

So instabil ist die Welt gar nicht

Der hiesige, dann Wiener Maler Johann Peter Krafft in Schloss Philippsruhe in Hanau.

Jetzt aber endlich zu Johann Peter Krafft, der 1760 in Hanau zur Welt kam und hochbetagt 1856 – am 28. Oktober vor 160 Jahren – in Wien starb, etabliert am Hof und in der besseren Gesellschaft, tätig bis zum Schluss. Sein letztes fertiggestelltes Bild zeigt Faust am Ostermorgen, ein Glasschälchen mit Gift in der Hand, aber nicht der suizidale Typus. Dass Goethe im wohlwollenden Vorübergehen die Arbeiten des Landsmanns aus der Nachbarstadt schätzte, erstaunt nicht.

Die Malerei des Johann Peter Krafft ist einerseits ungemein und unmittelbar zugänglich, auf eine strahlende Art, als seien die Bilder in den vergangenen zweihundert Jahren nicht weiter strapaziert worden – viele von ihnen haben in der Tat eine lange, dem Wohlbefinden eines Gemäldes zuträgliche Museumsgeschichte. Andererseits sind sie zum Teil ganz rätselhaft, breiten sie doch den Bildungshorizont auf, den ein gut informierter Betrachter im frühen 19. Jahrhundert überblicken konnte.

Dabei wird man für gewöhnlich an religiöse Motive denken und daran, dass schon vor 25 Jahren eine Studentengruppe durch die Frage, wer Jonas war und welches Tier mit ihm in engerer Verbindung steht, in einige Verlegenheit gebracht werden konnte. Bei Krafft sieht man außerdem aber Manfred und den Gemsenjäger in luftiger Berghöhe, und irre schweift Manfreds Blick in die Ferne, und sein Käppchen ist schon im freien Fall, aber der brave Naturmensch, Pfeil, Bogen und erjagtes Tier über der einen Schulter, kann mit dem anderen Arm noch einmal das Schlimmste verhindern.

Wer ist Manfred? Wer sind Arindal und Daura?

Auch Manfreds Sterbestunde, unheimlich umgeistert – denn es handelt sich um einen Faust-Verwandten –, wird das Publikum ohne Probleme wiedererkannt haben. Lord Byrons „Manfred“ gehört ebenso zur Lektüre wie Goethes „Werther“, über den die Interessierten wiederum mit einem der gepflegtesten Fälschungsskandale ihrer Zeit konfrontiert wurden: Dem „Ossian“, einer Art keltischen Nibelungenlied, das allerdings der Schotte James Macpherson soeben erst niedergeschrieben hatte. Goethe konnte das noch nicht wissen, als er im „Werther“ die Episode von Arindal und Daura Revue passieren ließ.

Auch diese beiden sind auf einem Krafftschen Gemälde zu sehen, dessen Figuren Erregung und Gefasstheit angesichts großen Leids zu einer eleganten Gesamtbewegung vereinen. Die Hunde, die bei ihnen sind und die man förmlich riecht, fühlt und hört, müssen Freunden der Jagd große Freude bereiten.

Das Krafftsche Werk ist dazu angetan, den Kenner seiner Zeit mit vertrauten, aber ausgesuchten Motiven zufriedenzustellen und diesem umgekehrt zu verdeutlichen, in welcher Welt er eigentlich lebt: Einer stabilen und gut eingerichteten und außerdem gut gekleideten – man ahnt die Akribie, mit der die Orden abgemalt werden mussten –, einer farbenfrohen und bei aller Bewegtheit nicht chaotischen. Süßlichkeiten meidet Krafft ebenso wie überbordende Larmoyanz, rote Wangen sind ein Zeichen von Gesundheit, nicht von Exaltiertheit. Für gewöhnlich gehen die Augen nicht gen Himmel, dafür gerade und hellwach zum Gegenüber.

Eine Ausstellung in Schloss Philippsruhe in Hanau gibt Gelegenheit, sich Werdegang und Spektrum Kraffts anzuschauen. Der Sohn eines seinerzeit erfolgreichen, aus Straßburg zugezogenen Emaille-Malers – auch von dieser vergessenen Kunst sind schmucke Beispiele zu sehen –, bekam eine solide Ausbildung inklusive einer Pariser Lehrzeit um 1800. Diese war nicht zuletzt deshalb so wichtig, lernt der Besucher, weil man hier einmal nicht nur nach Gliederpuppen und Gipsfiguren, sondern lebenden Aktmodellen lernen konnte. Mithanauer Moritz Daniel Oppenheim erinnert sich an seine Verlegenheit, „doch sagte ich mir: ,so gut die anderen lebens- und liebeslustigen jungen Leute ruhig dasitzen und arbeiten, werde ich auch aushalten und malen können‘ – und so war es auch“.

Der Anfang in Wien, durch Verwandte erleichtert, ist schon vorher gemacht, nach der Paris-Zeit gelingt es Krafft rasch, sich in der Metropole als Historien- und Porträtmaler zu etablieren. Napoleon hat Europa mächtig aufgemischt. Kaiser Franz I. von Österreich ist eben noch als Franz II. der letzte Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewesen. Noch vor seiner Abdankung (1806) als zweiterer setzt er sich als österreichischer Kaiser ein (1804). Jetzt sind die Habsburger in einer Selbstfindungsphase, Krafft wird dem alten neuen Land seine Bilderwelt liefern. „Maler eines neuen Österreich“ hieß so auch die Ausstellung, als sie zuerst im Wiener Belvedere zu sehen war. „Wiener Welten“ heißt sie jetzt in ihrer etwas modifizierten Version für Hanau.

Man flaniert jedoch auch in Schloss Philippsruhe eindeutig an jenem „neuen Österreich“ vorbei. Der Kaiser, mehrfach porträtiert, ein interessantes, modernes Gesicht, pflegt einen bescheidenen Amtsstil. Aufsehenerregend ist für Auswärtige sein schlicht eingerichtetes Arbeitszimmer. Kriegsmüde und bescheiden soll er – wie vermutlich viele seiner Zeitgenossen – gesagt haben: „Wenn alles verloren geht, geh’ i’ nach Amerika“. Es wendet sich aber alles zum Guten, und Krafft kann nun aufmerksame Österreicher in komplizierten Uniformen, aber mit unpompösem Gebaren malen. Er schönt wohl nicht, aber seinen Blick darf man menschenfreundlich nennen.

Die Porträts sind insgesamt der Höhepunkt der Ausstellung, die letzten Meter einer Kunst, die schon bald von der Fotografie eingeholt werden wird – wie überhaupt Kraffts langes Leben ihn beim Malen zwar nicht im raschen Wandel, aber doch auf dem Stand der Dinge zeigt. Er ist und bleibt Klassizist, seine späten Porträts, vor allem die Zeichnungen, lockern sich aber auf, ohnehin haftet ihnen nichts Enges an, auch wenn er gewiss ein zuverlässiger Auftragsnehmer war. Berühmt wurden Kraffts personenreiche Großformate. Heute beeindruckt eine auf den ersten Blick unerwartet zivile Stimmung, die selbst ein Schlachtengetümmel während des Tiroler Volksaufstandes prägt.

Kraffts erste Tochter kam zur Welt, bevor ihre Eltern ein paar Jahre später heirateten. Marie Krafft machte ihrerseits Karriere als Malerin einer bürgerlich-familiären Welt. Auch sie wird in der Ausstellung vorgestellt, so dass das Bild einer kleinen, aber effizienten Dynastie entsteht.

Schloss Philippsruhe, Hanau: bis 9. Oktober. Katalog im Museum für 29 Euro.

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