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Nebenwirkungen der Malaria-Prophylaxe können Halluzinationen sein: Filmstill aus „Sector IX B“.
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Nebenwirkungen der Malaria-Prophylaxe können Halluzinationen sein: Filmstill aus „Sector IX B“.

MMK Frankfurt

Insomnia in Afrika

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Mathieu Kleyebe Abonnenc setzt sich im MMK 1 mit kolonialer und postkolonialer Geschichte auseinander.

Sie kauft bloß Zigaretten an der Tankstelle, doch die Musik suggeriert, dass hier gleich etwas Schlimmes geschieht. Sie läuft die Straße entlang, der Sound ist schwelend, unangenehm, doch es passiert nichts. Das Bedrohliche befindet sich ausschließlich in ihrem Kopf. Sie, das ist Betty, die Hauptprotagonistin in Mathieu Kleyebe Abonnencs Film „Sector IX B“, der derzeit im Frankfurter Museum für Moderne Kunst gezeigt wird. Er handelt von einer jungen französischen Anthropologin, die auf den Spuren des Ethnologen Michel Leiris (1901-1990) nach Dakar reist, um dort am IFAN Museum of African Arts zu forschen, jedoch von einem seltsamen Unwohlsein ergriffen wird. Sie kann nächtelang nicht schlafen, wenn doch, hat sie wirre Träume und ist nach dem Aufwachen desorientiert. Außerdem ist sie ängstlich, kann den Sinn ihrer eigenen Forschung nicht mehr nachvollziehen.

Grund dafür ist offenbar ein Medikament, das sie regelmäßig einnimmt: die Malaria-Prophylaxe Mefloquin, zu deren Nebenwirkungen psycho-vegetative Veränderungen, psychotische Störungen, Koordinationsstörungen, Angst, Depression und Halluzinationen zählen. Ob Betty das Medikament nimmt, um sich zu schützen oder ob es ihr darum geht, zu spüren, was seinerzeit Michel Leiris vor Ort empfunden hat, ist nicht ganz klar. Vieles bleibt in diesem mysteriösen Film in der Schwebe.

„Solche Tabletten erschaffen den Kontinent für dich“, sagt Mathieu Kleyebe Abonnenc (Jahrgang 1977) und meint damit, dass die Wahrnehmung und das Erleben eines Europäers in Afrika durch solche Prophylaxen massiv beeinflusst wurde und wird. Ein interessanter Gedanke. Was der Atmosphäre vor Ort geschuldet ist, und was man selbst mitbringt (ob durch psychoaktive Substanzen oder negative Erwartungen, die wiederum daher rühren, dass frühere Besucher ebensolche Substanzen konsumiert haben), wäre demnach kaum mehr herauszufinden, ein ungetrübtes, objektives Erleben vor Ort schlichtweg nicht möglich.

„Mefloquin Dreams“ ist auch der Titel der Ausstellung, deren Anlass die Verleihung des 17. Baloise-Kunstpreises an Abonnenc ist. Die kleine Schau zeigt Arbeiten, für die sich der Künstler, der derzeit in Rom lebt, mit Artefakten kolonialer und postkolonialer Geschichte auseinandergesetzt hat.

Der Hintergrund für sein Interesse ist die Biografie seine Großvaters Émile Abonnenc, der 1931 im zentralafrikanischen Gabun und im südamerikanischen Französisch-Guyana als Gesundheitsbeauftragter tätig war und dort zugleich ethnologische Objekte sammelte – kultische Dinge, die er Jahrzehnte später im Stile von Walker Evans vor schlichtem Stoffhintergrund fotografieren ließ und nummerierte. Neutral sollte das wirken, doch was bedeutet schon neutral, wenn man die Dinge aus ihrem Kontext löst? Reproduktionen dieser Fotografien sind derzeit ebenfalls im MMK 1 ausgestellt – neben wissenschaftlichen Zeichnungen des Großvaters, der als Entomologe untersucht hat, wie Milben Krankheiten mittels Insekten übertragen, die ihnen als Wirt dienen.

Das Nebeneinander der rätselhaften Zeichnungen, auf denen stark vergrößerte Teile von Moskitos zu sehen sind, und der rituellen Objekte – darunter Masken und Amulette –, über deren genaue Herkunft und Zweck wir nichts erfahren, führt dazu, dass man Verbindungen konstruiert. Nur, wer infiziert hier wen? Sind es die Objekte aus fernen Ländern, die die Ausrichtung europäischer Museen neu konfigurieren, wie auch der Film nahelegt?

Der zweite Teil von „Sector IX B“, der 2015 bereits auf der Biennale in Venedig gezeigt wurde und nun als Schenkung der Baloise Group zur Sammlung des MMK gehört, spielt im Pariser „Musée de l’Homme“. Betty, die Forscherin, zweifelt die Grundlagen ihrer Disziplin an: Unter welchen Voraussetzungen gelangten die kolonialen Objekte nach Europa? Wie geht man heute mit ihnen um? Wie präsentiert man sie? „Sector IX B“ beschäftigt sich mit den Strategien kultureller Aneignung, von Orten und Arten der Wissensproduktion und damit, wie wir das wissenschaftliche Erbe hinterfragen können“, erklärt Abonnenc. Ein Thema, das noch lange nicht zu Ende diskutiert ist.

Museum für Moderne Kunst , Frankfurt: bis 8. Januar.

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