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Indonesische Kunst unter Generalverdacht? Kuscheln mit Kuhleber

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Von: Sandra Danicke

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„Eins und Eins“, 2016 in Singapur.
„Eins und Eins“, 2016 in Singapur. Foto:Riki Zoelkarnain/Courtesy of the artist © Riki Zoelkarnain/Courtesy of the artist

Zeitgenössische indonesische Kunst steht unter Generalverdacht? Melati Suryodarmo zeigt in Maastricht, wie sich traditionelle Kultur und aktuelle Performancekunst bereichern können

Ihr Podest ist aus Butter. Sie trägt ein schwarzes Partykleid und hochhackige rote Lackschuhe. Sie spreizt die Arme, schwingt die Hüften sehr elegant. Sie gleitet im Takt der Trommeln, rutscht auf der Butter hin und her – und schlägt heftig auf dem Boden auf. Dann steht sie wieder auf, tanzt, tanzt, tanzt. Die Butter glitscht, klemmt unter ihren Hacken, sie gleitet, rutscht – fällt hin. Immer wieder stürzt Melati Suryodarmo hart auf den Boden, ihr Kleid ist verschmiert, das Gesicht hart und entschlossen. Man kann kaum hinsehen.

Die Videodokumentation „Exergie – Butter Dance“ von 2000 zeigt die wohl berühmteste Performance der indonesischen Künstlerin, wobei „berühmt“ natürlich relativ ist. In Europa kennt man sie kaum. Das dürfte sich jetzt ändern, denn Suryodarmo ist derzeit mit einer umfangreichen und sehr bemerkenswerten Ausstellung im Bonnefantenmuseum in Maastricht zu sehen. Ja: Sie ist zu sehen, denn ein Großteil der Werke sind Videos, die sie und andere beim Performen zeigen. „I'm a Ghost in My Own House“ heißt die Ausstellung, die von Philippe Pirotte kuratiert wurde. Der ehemalige Rektor der Frankfurter Städelschule, der auch zur Findungskommission der Documenta gehörte, ist Experte für indonesische Kunst, und die Schau kommt im richtigen Moment.

Gerade jetzt, wo zeitgenössische Künstler aus Indonesien unter dem Generalverdacht einer antisemitischen Gesinnung stehen, zeigt Suryodarmo, wie fantastisch beides zusammengehen kann: die Kultur und Geschichte Indonesiens und eine zeitgemäße europäische Kunstauffassung. Der Buttertanz zum Beispiel ist unmittelbar zu verstehen. Ein Mensch lässt sich nicht unterkriegen, fällt, steht auf, ist stark, selbstbewusst – und vor allem eindeutig eine Frau. Dass die Künstlerin sich auf die Bewegungen des traditionellen Pakarenatanzes der in Südsulawesi lebenden Bugis bezieht, dass der Trommelschlag von einer schamanistischen Trance-Zeremonie stammt, verleiht der Arbeit eine zusätzliche Bedeutungsebene. Aber das Wichtigste – und das gilt für alle ihre Arbeiten – ist, dass sie starke, eindrückliche Bilder schafft. Bilder, die im Kopf bleiben, dort nachhallen. Bilder, die berühren, ganz gleich, wo man herkommt.

Zum Beispiel „The Promise“ von 2002: Eine Frau – die Künstlerin –, gekleidet in einer roten Robe, ist in der klassischen Madonna-mit-Kind-Pose zu sehen. Ihr Haar schlängelt sich elf Meter lang über den weißen Boden. Es dauert einen Moment, bis man erschrocken bemerkt, dass die Frau, die so fürsorglich nach unten auf ihre Arme schaut, darin nicht etwa ein Baby wiegt, sondern eine blutige Kuhleber, groß wie ein Kopfkissen. Eine faszinierende Szene, die man in verschiedene Richtungen interpretieren kann, die jedoch kulturübergreifend als Schmerzensbild interpretiert wird.

Tatsächlich bezieht sich Suryodarmo auf Durga, eine indische Göttin aus dem Mahabharata Epos, und in Java symbolisiert die Leber, so erfährt man im Besucherheft, Selbstkontrolle. „Es ist das Organ, in dem man alles speichert, was man anderen gegenüber nicht offen äußert (daher der Ausdruck makan ati: ,iss deine eigene Leber‘ oder ,schlucke deinen eigenen Schmerz‘).“

Melati Suryodarmo, geboren 1969 in Surakarta, hat in Braunschweig Performancekunst studiert. Ihre Lehrer kamen aus unterschiedlichen Kontexten. So lernte sie bei dem japanischen Butohtänzer und Choreografen Anzu Furakawa unter anderem Entscheidendes über die Funktionen der inneren Organe. Die serbische Performancekünstlerin Marina Abramovic wiederum lehrte sie die Bedeutung von Dauer und Wiederholung, ein Konzept, das Suryodarmo in vielen ihrer Werke eingesetzt hat.

Die titelgebende Arbeit „I’m a Ghost in My Own House“ (2012), bei der sie in einem weißen Kleid inmitten einer Landschaft aus Kohle an einem Tisch steht und die matt glänzenden schwarzen Brocken mit einer Art Nudelholz pulverisiert, dauerte ganze zwölf Stunden und brachte die Künstlerin an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus. Das Kleid ist verschmutzt, das Gesicht verschwitzt, die Haare kleben. „Für Suryodarmo symbolisiert das Pulverisieren der Holzkohle ihre Müdigkeit und körperliche Erschöpfung, die mit ihrer Entwurzelung und ihrer Rückkehr nach Indonesien nach vielen Jahren in Deutschland zusammenhängen“, sagt Philippe Pirotte.

Noch drastischer wirkt „Eins und Eins“ von 2016. Die Künstlerin ist mit einer Schüssel voll schwarzer Tinte in einem weißen Raum. Sie taucht den Finger ein und schreibt damit konzentriert in die Luft. Später nimmt sie wieder und wieder Schlucke der Tinte in den Mund, prustet sie heftig aus, verächtlich, mit Verve. Der Raum wird so zum gesprenkelten Bild. Eindrücklich ist aber natürlich die heftige Aktion, die Verzweiflung, die daraus spricht und auch die Empörung und Wut. Melati, so heißt es im Text, vergleiche eine Nation mit dem menschlichen Körper und seinen Organen, „wo repressive Umstände dazu führen können, dass der Körper Aggressionen und Unbehagen festhält, bevor er diese Emotionen schließlich körperlich reinigt, in Form von Übelkeit, Erbrechen und Ausscheidung“.

Für Suryodarmo ist ihr Körper ein Medium, durch das sie sich ganz unmittelbar mitteilen kann. Ein wichtiger Aspekt in ihrem Werk ist darüber hinaus das Absurde. Für „Love Me Tender“ ließ sie 2001 zwanzig schwarze Luftballons zum Platzen bringen, während sie den gleichnamigen Elvis-Presley-Song sang. Für „Alé Lino“ stand sie 2003 drei Stunden lang auf einem Sockel und stützte sich in einem Winkel von 45 Grad mit dem Solarplexus auf einen langen Speer.

Man muss sich Zeit nehmen, sich fragen: Wie fühlt sich das wohl an? Scheußlich fühlt es sich an – es sei denn, man ist in der Lage, seinen Körper in einen meditativen Zustand zu versetzen, in dem man den Schmerz nicht spürt, in dem man darüber hinaus wächst.

Und weil jeder und jede einen Körper hat, kann man sich auch vorstellen, wie es sich anfühlt, mit einer klamm-kalten, nässenden Leber zu kuscheln, auf den Boden zu fallen, auf den Boden zu pinkeln, denn auch das tut die Künstlerin in einem der Filme: Sie pinkelt auf das Wort Prestige, das mit Zucker auf dem schwarz glänzenden Fußboden geschrieben steht und löscht es dadurch aus. Auch darunter kann sich jede und jeder etwas vorstellen. Dass das Urinieren in der modernen Kunst eine (männliche) Geschichte hat, auf die Suryodarmo hier anspielt, dass die Aktion darüber hinaus 1998 entstand, in dem Jahr, in dem der indonesische Diktator Suharto zurücktreten musste, fügt der Arbeit weitere Aspekte hinzu.

„Exergie – Butter Dance“, 2005 in Sao Paolo.
„Exergie – Butter Dance“, 2005 in Sao Paolo.Foto: I. Matthaeus/C ourtesy of the artist © I. Matthaeus/C ourtesy of the artist

Im Film „Memory of Water“ (2021) sieht man, wie die Künstlerin und zwei weitere Darsteller sich in Papierkostümen durch die Ruinen des Hauses von Suryodarmos Vater bewegen und eigenwillige rituelle Handlungen vollziehen. Sie tragen Eier in ihren Händen, füllen Wasser aus einer Kanne in eine andere, wieder zurück, immer hin und her. Sie zerreißen Papier, wieder und wieder und wieder. Alle Handlungen werden sehr sorgfältig ausgeführt, vorsichtig.

Vermutlich geht es auch um die Geister, die an diesem Ort zurückgeblieben sind, um eine animistische Weltsicht, die den Menschen nicht zum alleinigen Maßstab der Dinge macht. Diese Bedeutungen sind aber womöglich gar nicht so wichtig. Es geht vor allem um Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und eine starke Präsenz. Und es ist große Kunst, etwas zu schaffen, aus dem jede und jeder eine Erkenntnis ziehen kann.

Ihr Körper sei für Suryodarmo zugleich Archiv und Landschaft, heißt es im Ausstellungstext. „Wichtig ist dabei, wie dieses verkörperte Wissen, das durch die Interaktion mit der Umwelt, mit gesellschaftlichen Veränderungen und mit alten spirituellen Erinnerungen entstanden ist, traumatische Zeiten des Bruchs – Kolonialismus, Autoritarismus und Migration – überstanden hat. Melati Suryodarmo, die sowohl in Indonesien als auch in Deutschland gelebt hat und viel in der Welt herumgereist ist, hat entdeckt, dass ihre Verwurzelung eher in ihrem Körper existiert als in einer bestimmten physischen Umgebung. Ihr Körper ist ihr vertrauter Zufluchtsort, eine größere Konstante als jeder physische Raum.“ Es dürfte weltweit eine sehr große Zahl an Menschen geben, für die diese Erkenntnis von Bedeutung ist.

Suryodarmos Arbeiten handeln oft von Gefühlen der Distanz, Vertreibung und Entfremdung, Es geht um die eigene Identität. Künstlerisch greift sie auf verschiedene Traditionen zurück: Elemente der javanischen Spiritualität, des Buddhismus, des Islams, des Christentums. Universeller kann Kunst kaum sein.

Bonnefanten Museum, Maastricht: bis 30.Oktober. www.bonnefanten.nl

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