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„Ich habe gesprochen. Ich werde weiterhin gehört werden.“ Eine Nachfahrin von Chief Joseph wirbt für die Volkszählung. 

Weltkulturen Museum

Gewalt in Familien gehört nicht zu unserer Tradition

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Eine Plakat-Ausstellung im Frankfurter Weltkulturen Museum blickt auf die Situation indigener Gruppen in Nordamerika.

Kann man mit Plakaten die Welt erklären? Die Ausstellung „Plakatiert“, die in Kooperation mit dem Frankfurter Weltkulturen Museum und dem Institut für Ethnologie der Goethe-Universität entstanden ist, setzt sich genau das zum Ziel: Mit Plakaten der indigenen Bevölkerung von der Arktis bis in den US-amerikanischen Süden und Südwesten liefert sie einen umfassenden Einblick in die Welt der „Native Americans“ und macht deutlich, dass Plakate durchaus als Zeugnisse gesellschaftlicher Veränderungen betrachtet werden können.

Indigene Bevölkerungsgruppen sind weltweit von den Folgen des Kapitalismus und der fortwährenden Vertreibung aus ihren Lebensräumen betroffen. Das Bild vom alkoholisierten „Indianer“ mit der ausgeprägten Affinität zum Glücksspiel ist nicht bloß ein Stereotyp, es dokumentiert, wie sich eine Politik der Diskriminierung und zugleich Zwangsassimilierung auf die Identität von Menschen auswirkt.

Plakate von indigenen Menschen mit Botschaften für indigene Menschen

Die meisten der Exponate stammen aus der Sammlung des Ethnologen Christian Feest, der in 30 Jahren etwa 320 Plakate gesammelt hat. Mona Suhrbier ist Kustodin der Amerika-Sammlung im Weltkulturen Museum und hat das am Projekt beteiligte Team aus Ethik-Studenten beraten und bei der Auswahl der Exponate aus der museumseigenen Sammlung geholfen. „Die Ausstellung“, sagt Suhrbier, „ist wie die Ethnologie. Die Ausstellung möchte jedes Plakat für sich sprechen lassen.“

Die Themenauswahl ist ausbalanciert, im Zentrum: Plakate von indigenen Menschen mit Botschaften für indigene Menschen. Zunächst fallen die Powwow- Plakate in der ersten Etage ins Auge: Großformatige Ankündigungen in bunten Farben und mit verschnörkelten Schriftzügen laden zu Tanz- oder Kulturveranstaltungen ein. Traditionelle Kleidung und aufwendiger Federschmuck signalisieren einen hohen Unterhaltungswert und sind zugleich identitätsstiftend.

Weltkulturen Museum,Frankfurt: bis 1. Dezember. Der Katalog kostet 15 Euro. www.weltkulturenmuseum.de

Dann wird es etwas politischer. „I have spoken. I will continue to be heard – The Census is my voice.“ Mit diesem Slogan wurde im Jahr 2000 erfolgreich für die 22. Volkszählung in den USA geworben. Die Plakate zeigen Porträts historischer Figuren des Widerstands gegen die Regierungspolitik: Sitting Bull, Geronimo oder Chief Joseph. Deren Nachfahren lassen sich nun vor den Bildern fotografieren, um – jetzt sozusagen auf Regierungsseite – für die Teilnahme an der Zählung zu werben.

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Ein düsteres Bild vermitteln die Ausstellungsstücke in der zweiten Etage: Da geht es um Alkohol- und Drogenkonsum in den Reservationsgebieten. Die grundlegenden Präventionskampagnen – etwa eine kanadische Plakataktion mit der Aufschrift „Trink nicht, wenn du schwanger bist“ – dokumentieren die dramatische Lage. Im letzten Raum geht es um Kriminalität und Gewalt innerhalb indigener Familien: „Family violence is not our tradition“, heißt es in einem in die Ausstellung integrierten Auszug aus dem gleichnamigen Katalog „Plakatiert!“, herausgegeben von Kurator Markus H. Lindner. Die Invasion der Europäer habe das ausgeglichene Geschlechterverhältnis aus vorkolonialer Zeit durcheinander gebracht und sei als Ursache für den schwerwiegenden Identitätsverlust indigener Bevölkerungsgruppen zu begreifen, betont Kustodin Suhrbier. Durch den immensen Alkoholkonsum sei Gewalt in vielen Familien weiterhin ein ernstzunehmendes Problem.

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