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„Minsk“ in Potsdam eröffnet: Die ernüchterte Seite der Romantik

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Von: Ingeborg Ruthe

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DDR-Modernismus der siebziger Jahre: das neue „Minsk“ von außen. Foto: Patrick Pleul/dpa
DDR-Modernismus der siebziger Jahre: das neue „Minsk“ von außen. Foto: Patrick Pleul/dpa © dpa

Zur Eröffnung des neuen Potsdamer „Minsk“, in der DDR ein beliebtes Restaurant, nach der Wende existenzgefährdet, jetzt mit Aufwand und Zuneigung zum Ausstellungshaus umgebaut.

Was gab es nicht alles für Aufregungen, Zank und Streit um das jahrelang vom Abriss bedrohte, arg verfallende „Minsk“. Der Bau von 1977 trug den Namen der belarussischen Partnerstadt zu Sowjetzeiten. Er diente einst als populäres Nationalitätenrestaurant am Potsdamer Brauhausberg. 1990 begannen andere Zeiten. Rulka mit Gretschka? Piroggen, Blini, Soljanka? Hinterher einen Krambabulja-Likör? Das war vorbei! Denn nun konnten die Leute endlich italienisch, griechisch, spanisch oder asiatisch speisen.

Also Abriss für ein hippes Townhouse-Viertel? Hasso Plattner, nach der Wiedervereinigung zugezogener Potsdamer, Kopf der bald darauf ansässigen SAP-Software-Schmiede und 2017 bereits Gründer des grandiosen Kunstmuseums Barberini, hat das Minsk gerettet. Er erkannte den ikonischen Wert dieser Architektur, sah darin einen Ort für Kunst aus dem Osten. Und er ließ dem Haus den angestammten Namen – auch als politisches Statement, gerade weil der Machthaber und Putin-Vasall Lukaschenko so brutal mit seinem rebellischen Volk umgeht.

Plattner kaufte den Bau für 20 Millionen Euro von der Stadt und ließ ihn unter Federführung seiner Tochter Stefanie Plattner zum Museum umbauen. Mit neuesten Standards, dennoch ganz im Stile der DDR-Moderne. Und als offenen Begegnungsort, mit Café und Veranstaltungen für alle.

Zur Direktorin berief die Plattner-Foundation die Kunsthistorikerin Paola Malavassi, zuvor tätig am Kölner Museum Ludwig und daher vertraut mit Ost-Kunst. Denn der verstorbene Peter Ludwig war deren engagierter Sammler, mit einer Vorliebe für die Leipziger Schule und deren Rückgriff auf die biblische wie die griechische Mythologie. Dass der Protagonist dieser Bildsprache, Wolfgang Mattheuer (1927-2004) auch zu Hasso Plattners Favoriten gehörte, wurde offenbar, als der Mäzen den bronzenen „Jahrhundertschritt“, dieses ambivalente politische Epochen-Symbol, im Barberini-Garten aufstellen ließ. Und nun hat er Mattheuers bronzenen Maskenmann („Gesicht zeigen“) auf der Minsk- Terrasse postiert.

Drinnen hängen Mattheuers Landschaften, im Blickpunkt eines seiner politischen Hauptwerke: „Der Nachbar, der will fliegen“, 1984. Eine stärkere Metapher für die Freiheitssehnsucht der Leute im Mauerland ist kaum denkbar: Vor einem klotzigen Industriebau erstrecken sich sorgsam bestellte, üppig blühende Schrebergärten. In fünf Datschen sehen wir Laubenpieper. Zwei sind ganz in ihr Schachspiel vertieft, die anderen glotzen, staunen aufgeregt in den Himmel über der Szene. Da fliegt einer, der hat sich märchenhafte Flügel umgetan. Glaubt wohl, er sei Ikarus und könne so aus der Scheinidylle in die Freiheit gen Westen gelangen.

Aber nur, wenn er der Sonne nicht zu nahe kommt. So wie der tragische Held aus der griechischen Sage, dem das Wachs der Flügel schmolz und der dann abstürzte. Mattheuer gab dem antiken Drama beim Naturschauspiel eines lodernden Sonnenuntergangs etliche ironische Nuancen: Der naive Möchtegern-Ikarus trägt ein kindliches rosa Turnhemd, die gelben Kürbisse am Zaun eines der Selbstversorger versuchen wegzurollen wie Wagenräder, die Mutter hält krampfhaft das strampelnde Kind, das mitfliegen will.

Das Ikarus-Symbol war tief und zwiespältig verwurzelt in der DDR-Kunst, insbesondere in Mattheuers Bildern. Er malte ebenso grimmig-ironisch auch das vergebliche Tun des aus den Mühen der Ebene Steine bergauf rollenden Schichtarbeiters Sisyphus. Und den panisch aus dem Welttheater fliehenden intellektuellen Prometheus. Auch den gescheiterten Priester Laokoon mit seinen Söhnen, hoffnungslos erfroren unterm Schnee. In den siebziger Jahren, als die Politik von Honecker alle Illusionen ersterben ließ, die die Menschen nach der stalinistischen Ulbricht-Ära hatten, machte Mattheuer diese mythischen Gestalten zu seinem Bildpersonal.

In seinen menschenleeren Landschaften sind es die untergehenden Sonnen, der schwarze Nachthimmel mit dem gespenstischen Mond und jähen Blitzen, die düsteren Bäume, die dramatischen Wolken und Nebel. Meinte er das Mythische politisch? Aber ja! Und seherisch: Auf einem bemalten Paravent finden sich auf der Rückseite Zeitungsfotos vom jungen Putin und von Diktatoren der neunziger Jahre. Alles ist lesbar, Figuren wie Landschaften. Dieser desillusionierte, umso schärfere Beobachter malte Fakten, und er stellte Fragen zum Zustand der Gesellschaft, zum Verhältnis von Utopie und Realität, von Individuum und Gemeinschaft, von Natur und deren Vergewaltigung im Namen des Fortschritts. Und wenn Mattheuer das Thema Freiheit bildhaft machte, dann meistens auch das Scheitern dieses Traumes.

Mattheuer war kein dissidentischer Künstler. Er wollte nie in den Westen. Lieber stritt er im Geiste mit Caspar David Friedrich über Gott und die Welt. Er suchte Harmonie, aber er sah die Landschaften, die brutal zerstört wurden. Bei Leipzig und Halle, im erzgebirgischen und ostthüringischen Uran-Bergbau. Er malte auf den Stümpfen abgesägter Bäume die Vögelchen. Autobahn-Bänder durchziehen die Gegend, kein Baum, kein Strauch. Dafür Trabis, die in die Zukunft rollten. Mattheuer hinterließ gemalte Botschaften, keine ideologischen Abziehbilder, wie das Künstlern aus der DDR oft unterstellt wurde.

Gründungsdirektorin Paola Malavassi erklärt, was ihr Haus künftig leisten will: „Aus der Gegenwart heraus reflektieren wir die Vergangenheit, in der Überzeugung, dass das Heutige nicht ohne das Vergangene verstanden werden kann.“ Auch darum lud sie den 61-jährigen kanadischen Fotografen Stan Douglas ein. Und wir sehen: Da ist Wahlverwandtes, in der Sicht auf die Landschaft, in der Brechung des Romantischen.

Douglas fotografierte Potsdamer Schrebergärten: eingezäunte Natur, Landschaften, die in der Nachwendezeit Baustellen weichen mussten. Darüber hat er in den Babelsberger Studios sogar einen Film gedreht. Längst sind die Schrebergärten wieder begehrte Rückzugsorte, Nischen-Idyllen in verstörenden Zeiten von Krisen und Ukraine-Krieg, wo gerade die vor 32 Jahren neu gewonnenen Hoffnungen und Gewissheiten bröckeln.

Es knistert zwischen der Bildsprache des Kanadiers und der des Ostdeutschen. Zwei besondere Künstler der späten Moderne treffen aufeinander. Aber vielleicht auch zwei Zweifler dessen, was die Welt so Fortschritt nennt. Mögen Stan Douglas’ herbstlich bunt belaubte Schrebergärten kurz vorm Winterschlaf, mögen Mattheuers Ausblicke aus einer Dachluke auf die Landschaft seiner vogtländischen Heimat oder die Gartenmotive seines Spätwerks, das Hasso Plattner sammelte – mag das alles so friedlich und versöhnlich wirken: Etwas Beunruhigendes, Unheilvolles steckt in den Landschaften beider Künstler. Es sind auch Motive ernüchterter, dekonstruierender Romantiker, die eine gesellschaftliche Hybris ausdrücken. Wir können ihre ambivalenten Gleichnisse verstehen oder missverstehen, als zeitlose Betrachtung ohne Kontext zu den gesellschaftlichen, politischen Verhältnissen. Oder als Existenzfrage nach der Zukunft von Natur und Gesellschaft.

Minsk, Kunsthaus in Potsdam: Die Ausstellungen Mattheuer/Douglas bis 15. Januar 2023. dasminsk.de

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