+
Eugène Carrières „Der Schlaf“ aus dem Städel.

Kunst

Impressionismus im Städel: Vorübergehendes

  • schließen

Frankfurts Städel öffnet wieder, endlich! Das Museum erlaubt eine erquickliche Promenade durch die Welt der impressionistische Skulptur.

Was der Künstler vor Augen hatte, war Wachs in seinen Händen. So war es bei der „Kleinen 14-jährigen Tänzerin“. Aber nicht nur bei ihr, als Edgar Degas, bekannt bis dahin als Maler, sie 1878 zu formen begann. Bis 1881 beschäftigte er sich mit ihr immer wieder, zeigte dabei wie schon in seiner Malerei den Körper einer Tänzerin, diesmal im Baumwollmieder, im Seidentutu, in Leinenschuhen. Vollkommen neu aber war das Material der Skulptur: der Leib einer Elevin im eingefärbten Bienenwachs.

So steht die Leihgabe aus der Washingtoner National Gallery of Art nun auch auf ihrem Holzpodest im Städel. Steht in ihrer Vitrine, steht da mit einem Seidenband im Haar, halb Kind noch. Auf der sechsten Impressionisten-Ausstellung in Paris, 1881, war die Figur ein Skandal. Nicht nur weil der Kunstkritiker Louis Leroy den Begriff Impressionisten aus purem Hohn eingeführt hatte. Mehr schlug ins Gewicht, dass die junge Ballettschülerin so ganz und gar den Projektionen einer bürgerlichen Welt entsprach, sobald sie an die Halbwelt der Pariser Theaterwelt dachte, weil sich offensichtlich auch diese Tänzerin als Prostituierte verkaufen musste. Aus diesem Milieu bezog Degas sein Sujet, ein zartes Wesen, eines von zähem Trotz. Hochnäsig? Oder feilgeboten? Ein Objekt von Künstlerhand, mit einem unnahbaren Geheimnis.

„En passant“ heißt die Ausstellung, mit der das Städel ab heute eine Promenade durch die impressionistische Skulptur bietet, indem sie fünf Großmeister präsentiert, neben Degas (1834-1917), August Rodin (1840-1917), Medardo Rosso (1858-1928), Paolo Troubetzkoy (1866 – 1938) sowie Rembrandt Bugatti (1884-1916). Am Ende ist es eine höchst erquickliche Promenade. Wiewohl am Anfang die Frage steht, wie man das verstehen darf: impressionistische Skulptur? Denn so sehr das Impressionistische für die Wiedergabe des Flüchtigen und Vorübergehenden steht, Degas’ Tänzerin verharrt, sie nimmt eine Ruheposition ein, die Hände vor dem Gesäß ineinandergelegt, das rechte Bein vorgerückt, der Fuß im rechten Winkel abgespreizt, das linke ist das Standbein – die Variation einer Ballett-Grundposition, alles andere als beiläufig.

Edgar Degas: „Kleine 14-jährige Tänzerin“

Auch die moderne Manier der Skulptur war heftig umstritten. Mit „Bildhauerei“, mit dem Meißeln aus Marmor oder anderem harten Stein, hatte das nicht mehr viel zu tun. Zudem einen Beitrag zur Verdammung der Skulptur hatte der rigorose Modernist Charles Baudelaire geliefert, ausgerechnet, wenn er 1846 meinte, anders als der Maler, der den Blickpunkt „ausschließlich despotisch“ bestimme, biete die Skulptur „zu viele Ansichten“.

Doch genau das ist ja das Schöne im Städel, dass man die Herrlichkeiten, Menschen, Tiere, Sensationen darunter, in vielen Ansichten umkreisen kann (für Baudelaire also ein Skandal! Was was heißt? Gehört die Städel-Schau also unbedingt abgebaut?) Einen „vernichtenden Schlag gegen die Bildhauerei im Allgemeinen“ nennen die beiden Kuratoren Alexander Eiling und Eva Mongi-Vollmer im Katalog das Verdammungsurteil Baudelaires. Das Verdikt ruft in Erinnerung, wie aggressiv die Moderne befehdet wurde, wie vehement wiederum andererseits der Impressionismus auf Abstand ging zu konventionellen Darstellungsformen.

Eingerichtet haben Mongi-Vollmer und Eiling eine Schau, bei der dem Flüchtigen und Vergänglichen nachgespürt wird. nicht von ungefähr fixiert mit so neuen Materialien wie Wachs oder Plastilin. Das, was festgehalten wurde, etwa durch Medardo Rosso, war der Augenblick, in dem er seine Portiersfrau wahrnahm, bei jeder Gelegenheit, wenn er an ihr vorbei eilte, flüchtig. Ihr Kopf von seiner Hand wie verwischt zum verschwommenen Objekt, unscharf, en passant, grandios.

Die impressionistische Skulptur war ein Affront, so wie auch Monets „Mittagessen“. Eines der Meisterwerke aus dem Städel wird gerahmt von zwei Skulpturen August-Louis-Marie Ottins (1811-1890), es sind neoklassizistische Arbeiten. Oder womöglich impressionistische? Sie wurden auch als gotisch oder romantisch bezeichnet, wie auch immer, sie gehören einer anderen Zeit an, angefangen damit, dass Ottin (noch) ein Bildhauer war. Dazu ging die impressionistische Plastik nun wahrhaftig auf Abstand, da sie ihre Objekte nicht aus dem Stein oder Marmor meißelte, sondern mit den Händen formte. Die Spuren auf den Oberflächen der Körper, von Fingern und Fingernägeln, irritierten die an Makellosigkeit gewöhnten Betrachter nicht nur, sondern echauffierten und empörten. Es war nicht die einzige Reaktion, die der ungewöhnlich anders gestalteten Plastik entgegenschlug.

Nach den Anfeindungen, die Degas durch die Öffentlichkeit der Ausstellung erlebte, zog er sich mit seinen Skulpturen in die eigenen vier Wände seines Ateliers zurück. Unter erregende Studien von Tänzerinnen. Die Serien hochgradig heikler, extrem angespannter Arabesken findet der Städelbesucher ebenso vor wie Figuren in gar nicht exakt vorgeschriebenen Positionen. Wie schaut man sich unter die Fußsohle, wie streckt der Mensch Oberschenkel, wie stretcht er Unterschenkel? Was Degas da eingefroren hat, dürfte bei Teilen der Bevölkerung, die nicht so beweglich sind, zu Provokationen führen. Ist Degas also (politisch noch) tragbar?

Was die impressionistische Skulptur zur impressionistischen Skulptur machte, wird im Städel im Kontext charakteristischer Merkmale der impressionistischen Malerei gezeigt. Licht, Farbe, Stimmung. Im Kontrast zu Gemälden und Zeichnungen bekommen die Plastiken einen zusätzlichen Reiz, ob die flirrenden Bilder aus dem Pariser Theaterleben, die Aktbilder, das stupende Porträt der Formvollendung, „Lady Agnew of Lochnow“ von John Singer Sargent. Oder die verschwommene Selbstversunkenheit schlechthin. Eugène Carrières „Der Schlaf“ (aus dem Städel).

Ob als Torso oder in einem erzählerischen Kontext: Degas veränderte den Blickwinkel. Auf eine Badende in einer flachen Wanne ließ lässt er von oben (herab) blicken. Degas studierte zeitgenössische Fotosequenzen, um zu verfolgen, ob eine so wunderbare Kreatur wie das Pferd im Trab schwebt, mit allen Vieren sich für einen Moment vom Boden löst. Im Galopp schon! So modellierte er es dann auch, prächtig.

Wie ja auch, nebenan dann, der große Tierplastiker in der Schau vertreten ist, Rembrandt Bugatti, mit ungemein geschmeidigen Panterplastiken, robusten Rindern, oder einer Ziege, gemalt auch von Giovanni Segantini, dem Onkel. Bugatti sah den Tieren im Zoo von Antwerpen, einem der aufregendsten Tiergärten bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs, dermaßen intensiv zu, dass er es nicht verwinden konnte, dass sie wegen des Krieges getötet wurden. Bugatti schied deswegen aus dem Leben.

Auch ist da Paolo Troubetzkoy, der es nicht nötig hatte, Geld zu verdienen, der aber mit seinen ungemein vibrierenden Skulpturen in den Salons der High-Society enorm erfolgreich war, mit Faltenwürfen wie Kaskaden, vielleicht eine Spur dekorativ auch. Wenn er Gussnähte und Spuren von Gusskanälen als Gestaltungselemente in seinen Bronzegüssen zeigte, dann führte er vor, wie sehr er es draufhatte. Wie man übrigens auch beachte, dass Troubetzkoy bereits auf den klassischen Sockel zu verzichten schien.

Medardo Rossos „Das goldene Zeitalter“ entstand 1902 und befindet sich im Besitz des Städel.

Ebenfalls ist da Medardo Rosso, wie schon erwähnt. Neben einer Folge von vier Köpfen, in denen er seine Könnerschaft als Porträtist vorführte, neben weiteren Demonstrationen von unverschämt lässiger Beiläufigkeit ist sein 1886 entstandenes „Goldenes Zeitalter“ zu sehen. Als hätte er Baudelaire, der sich über die Polyperspektive der Skulptur negativ äußerte, recht geben wollen, schuf er eine bewegende Mutter-Kind-Szene, die nur aus einer frontalen Ansicht zu erkennen ist. Gleichwohl bleibt es ein Motiv an der Grenze der Lesbarkeit. Nur noch reliefartig treten die Körperkonturen aus einer flächigen Umgebung, eine dennoch berührend intime Szene.

Am Anfang Degas – zum Abschluss Rodin. Am Anfang Wachs in den Händen, schließlich doch wieder Bronze, auch Marmor. Der Rodin-Raum, mit Abstand das größte Kabinett, deutet durch die Vielzahl der versammelten und zusammengerückten Skulpturen an, wie sehr Rodin es verstand, seine immense Könnerschaft höchst merkantil zu nutzen. In einem Umraum, einer Art von Kreuzgang, halten Fotos an den Wänden fest, wie geschickt Rodin die Fotografie als Medium nutzte, um von seinen Plastiken suggestive Fotos anzufertigen. So brachte er kommerzielle Argumente in Umlauf, durch die Fotos eines Edward Steichen Dokumente einer kultischen Verehrung.

Eine Kleingruppe der weltberühmten „Bürger von Calais“ – mit ihnen ist Rodin als Friedensmahner in Erinnerung geblieben. Die leidenschaftliche Liebe mit der nicht minder begabten Camille Claudel wird durch einige ekstatisch verschlungene Körper vor Augen geführt, diese Figuren in heikler Diagonale finden sich diagonal gegenüber der Balzac-Figur Rodins. Aufgefordert, von dem Realisten eine Plastik anzufertigen, brüskierte Rodin, weil er eine realistische Figur verweigerte, eine zudem stark zurückgelehnte Gestalt anfertigte. Keine Überhöhung, sondern ein komplexer Charakter. Die Kunst mochte sich nicht zur Magd der Nationalliteratur degradieren lassen.

Wie Rodin überhaupt am Anfang einer neuen Entwicklung stand. Vielleicht gar nicht einmal so sehr, weil sein Johannes der Täufer dem Ebenbild eines derben Bauern entsprach, worauf auch eine grandiose Vorstudie verweist (eine Leihgabe aus der Kunsthalle Karlsruhe).

Ein besonderer Coup Rodins war es allerdings, dass er 1899 seine „Eva (vor dem Höllentor)“ ohne Sockel inszenierte, vielmehr die lebensgroße in Sand eingrub - so auch jetzt nachempfunden im Städel: eine Nackte nach dem Sündenfall, von Scham und Reue gebeugt.

En passant – welch einnehmender Titel für diese Promenade. Ein in Corona-Zeiten zudem emblematischer Titel für etwas, was nicht kalt lässt. Weil nämlich die Begegnung mit diesen Skulpturen, die keine Berührung mit ihnen ist und keine sein darf, niemals, bis in alle Ewigkeit, zeigt, wie sehr empfindsam sie auf ihre Umwelt reagieren, angefangen mit dem Licht, das ihre Körper modelliert. Sollte man sich eines Tages an sie erinnern, dann auch daran, wie sehr diese besondere Schau die impressionistische Plastik im Raum anzuordnen wusste. Abgesehen von wenigen Beispielen zueinander auf Distanz. In einem Miteinander von Konzentration auf sich selbst.

Städel MuseumFrankfurt: bis zum 25. Oktober. Ein Katalog ist im Prestel Verlag erschienen (328 S., im Museum 39,90 Euro) .

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion