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Eine Besucherin steht im Martin-Gropius-Bau in der Ausstellung „Down to Earth“ .

Kunst

Imminente Offenbarung

  • vonHanno Hauenstein
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Die Ausstellung „Down to Earth“ im Berliner Martin-Gropius-Bau thematisiert den Kunstbetrieb als Klimasünder.

Wer sich von Tino Seghal durch den Berliner Martin-Gropius-Bau führen lässt, stößt dabei auf Dinge, die man so hier wirklich noch nie gesehen hat: etwa die monumentale Klimaanlage im Erdgeschoss. Sie besteht aus einem laut vor sich hindröhnenden, mit Alufolie verkleideten Raum. Seghal, dessen Kunstwerke Choreografien an der Schnittstelle zwischen Tanz und konstruierter Situation sind, kniet neben einem Techniker vor einer kreisförmigen Kompressorschale aus Plastik. Darin, erklärt er, werde Wasser durch einen Tauchsieder erhitzt und anschließend „durchs Haus gejagt“.

Die Klimaanlage, sagt Seghal beim Rausgehen – im Hintergrund huscht oberkörperfrei eine feenhafte, mit glitzernden Pailletten bestückte Gestalt vorbei – mache zwei Drittel des Stromverbrauchs des Museums aus. In den letzten Jahrzehnten habe der Kunstbetrieb mit dem Klimathema gefremdelt, erklärt der Künstler und Kurator, der selbst nie fliege. Zu inhaltlich banal sei das Klimathema, zu wenig intellektuellen Glamour versprühe es in den Reihen des theorieverliebten Kunstbetriebs. Am Ende liefen Klimafragen eben auf die Verantwortung jedes Einzelnen hinaus. Das anzuerkennen ist für die nicht gerade klimafreundliche Kunstwelt nicht so sexy.

Aber, so lautet die Botschaft von „Down to Earth“, auch für die Kunst sei es an der Zeit, etwas zu ändern. Nicht zuletzt die Covid-19-Pandemie habe das notwendig gemacht. „Nur der 11. September und die osteuropäische Revolution 1989 haben in annähernder Weise alle erfasst, jeden mobilisiert“, heißt es im Text zur Ausstellung, die Seghal mit Thomas Oberender kuratiert hat. Die treibende Kraft der Schau ist jene „große Zeremonie der Verlangsamung“, eine neue Aufmerksamkeit für Fragen zwischen Natur und Kultur. Die Fragen lagen zwar schon vor Covid-19 in der Luft, sie seien der Menschheit durch das Virus jetzt aber hämmernd und neu aufgezwungen worden.

Der geistige Stichwortgeber hierfür ist der Philosoph Bruno Latour, der, zusammen mit der Wissenschaftlerin Frédérique Aït-Touatis, einen „Working Space“ eingerichtet hat. Besucher werden darin von Latours Mitarbeitern zur angeleiteten Selbstreflexion aufgefordert. Man kann malen, quatschen, Dinge, die einem essenziell erscheinen, aufschreiben – und davon ausgehend das eigene Dasein in der Welt und mit der Natur diskutieren. Auf einem Büchertisch liegen Bücher der Cyber-Philosophin Donna Haraway oder von Bruno Latour selbst.

Dass Latours Stimme so als wacher Grundton gegen Klimaskeptiker in Anschlag gebracht wird, ist nicht ohne eine gewisse Ironie: Immerhin behauptete Latour in seinen früheren Büchern aus den 1970er- und 1980er-Jahren, wissenschaftliche Fakten seien nicht, zumindest nicht unbedingt, Ausdruck inhärenter Wahrhaftigkeit, sondern vielmehr „vernetzte“ Produkte der Institutionen, die sie hervorbrächten. In Latours letztem Buch, „Das terrestrische Manifest“ (im Original: „Down to Earth“), klingt er weniger dekonstruktivistisch: Das 21. Jahrhundert, heißt es, sei „das Zeitalter der geo-sozialen Frage“. Natur, so könnte man mit Latour sagen, ist heute eben nicht mehr die zeitlose Bühne, auf der wir Fortschritt, Kunst und Kultur inszenieren. Im Gegenteil: Sie konfrontiert uns mit den ökologischen Bedingungen unserer Existenz – mit der bitteren Endlichkeit der Welt.

Die ästhetisch-politischen Topoi – Entschleunigung, Verzicht, analoge Erfahrung, Recycling, Freiheitslimitierung etc. – die „Down to Earth“ daraus ableitet, etwa in Form zweier zersägter Porsches, einem Raum voller wieder fruchtbar gemachter Berliner Erde, oder einer dreckigen, kaffeesatzartigen „Neuköllner Pfütze“, werden dabei konzeptuell unter dem Begriff der „Immersion“ gefasst.

Das wiederum ist merkwürdig: Noch in der (auch von Ober-ender und Seghal kuratierten) Ausstellung „Welt ohne Außen“ (2018), die ebenfalls Teil der Immersion-Programmreihe war, ging es um Subjekt-Objekt-Dualismen und deren Überschreitung – etwa durch 3D-Videokunst oder sprichwörtlich immersive, den Betrachter in digitale Räume zerrende VR-Technologie. Bei all der Klimaschutz-Euphorie fragt man sich also: Wurde der Digitalutopie der Immersion der Stecker gezogen? Oder ist der Begriff schlicht so deutungsoffen, so verwaschen, dass er quasi alles füllt, was irgendwie mit Kunst zu tun hat?

Diese konzeptuelle Unschärfe wird durch die Kunst in der Ausstellung aber haushoch wettgemacht: Ein Highlight ist Tino Seghals Situation, eine Gesprächsrunde mit wechselnden Teilnehmenden. Da geht es ums Klima, um Bitcoin-Ökonomie, Prepping-Ideologie, den Israel-Palästina-Konflikt. Ein Raum wie die griechische Agora. Man philosophiert frei drauf los: Rousseau oder Marx, Elon Musk oder Silicon Valley. Ideen mischen sich mit Anekdoten, und wenn Zuschauer den Raum betreten, werden sie durch punktiertes Atmen begrüßt, was die scheinbare Improvisation mit choreografischer Regelhaftigkeit kontrastiert.

Manchmal werden sie mit einbezogen: Das sind dann Momente theatraler Direktheit und grundhumanistischer Offenheit. Von Kader Attia sind außerdem Foto-Arbeiten zu sehen. Von hinten gezeigte Männer an der Küste Algeriens, deren Blicke aufs Meer schweifen, in Richtung Europa. Ein Ausdruck kollektiver Sehnsucht und ein Bruch mit der Innerlichkeit der deutschen Romantik à la Caspar David Friedrich. Alicia Kwades astronomische Arbeiten loten die Differenz von Natur und Skulptur aus. Und mit Helen und Newton Harrison sind sogar Pioniere der US-Ökokunst vertreten.

Das vielleicht Spannendste an „Down to Earth“ aber ist das „Unplugged“-Programm: Konzerte, Performances, Diskussionen – einen Monat lang und stromlos, versteht sich. Da wird etwa über Post-Covid-Clubkultur oder moderne Astrologie nachgedacht. In einem nur durch Sonne beleuchteten Raum singt der queere Barde mit den glitzernden Pailletten – in Anlehnung an Hildegard von Bingen, nur von einer Harfe begleitet – die „Symphonia Harmoniæ Cælestium Revelationum“. In der Tat eine Offenbarung.

Martin Gropius Bau , Berlin: bis zum 13. September. www. gropius-bau.de

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