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ean-Luc Cornec, „TribuT,“ 1989, Museum für Kommunikation Frankfurt. Axel Schneider
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ean-Luc Cornec, „TribuT,“ 1989, Museum für Kommunikation Frankfurt. Axel Schneider

John Cage „Museumcircle“

Im Zollamt des MMK: Das geheime Potenzial des Schienenhülsenapparats

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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John Cages Museumcircle im Zollamt des Museums für Moderne Kunst.

Auf den ersten Blick wirkt das zugegebenermaßen ausgesprochen seltsam: Objekte stehen auf Podesten im Raum, Bilder hängen an der Wand, und man versteht nicht so recht, warum die Bilder gerade genau so hängen, die Podeste nicht anders platziert wurden. Die Zusammenstellung mutet auf irritierende Weise schräg an. Was hat eine Haarlocke von Johann Wolfgang von Goethe mit einem Werbeprospekt der Stadtsparkasse Frankfurt von 1955 zu tun? Vielleicht geht es um die üppige Frisur von Friedrich Stoltze, der in dem Heftchen abgebildet ist. Womöglich soll hier das Patriarchale, Altväterliche, das eine üppige Herrenhaarpracht oftmals ausstrahlt, herausgearbeitet werden, man denke nur an Thomas Gottschalk.

Oder dieser dreiteilige Tafelaufsatz aus Höchster Porzellan, der mit tanzenden Putten verziert ist und „Die vier Jahreszeiten und die vier Elemente“ (1785) darstellt. Was hat der neben einem „Schienenhülsenapparat“ aus den fünfziger Jahren zu suchen? Ein solches orthopädisches Gerät diente zur Stabilisierung des Beines zum Beispiel bei Kinderlähmung. Nun, beides hat mit Körperlichkeit zu tun, einmal idealisiert und einmal brutal real. Die Zusammenhänge sind also vorhanden, sobald man ein wenig nachdenkt, und dann kann man mit seinen Interpretationen natürlich noch viel weiter gehen. Steht der Schienenhülsenapparat nicht geradezu idealtypisch für unsere gesundheitlich so angeschlagene Gesellschaft? Dann wäre der Puttentanz vielleicht ein Verweis auf eine vergleichsweise unbeschwerte Welt, die wir für immer verloren haben.

Wer die Ausstellung „John Cage Museumcircle“ im Zollamt des Frankfurter Museums für Moderne Kunst betritt, hat zwei Möglichkeiten: Entweder man begibt sich direkt zu den Exponaten und erkundet ihr Potenzial, das unter anderem in der eigenwilligen Kombination liegt – oder man informiert sich über das Konzept. Beides ist reizvoll.

Die Idee wurde 1991 von dem US-amerikanischen Künstler und Komponisten John Cage entwickelt und geht so: „Im Museum (einer bestimmten Stadt) eine Ausstellung von Objekten aus anderen Museen (derselben Stadt) zu machen, die an zufällig bestimmten Positionen gehängt oder platziert werden. Um das zu erreichen, stellt jedes Museum etwa ein Dutzend Gegenstände zur Verfügung. Aus diesen potenziellen Quellen werden durch Zufallsoperationen die tatsächlich zu verwendenden Exponate ausgewählt.“

Cage, der bekanntlich auch in seinen Kompositionen und Theaterstücken mit dem Zufall operierte, ging es um eine Enthierarchisierung der Objekte. Jedes Ding – ob Stahlhelm, Fahrkartenautomat, Skuptur oder Gemälde – steht hier außerhalb seines üblichen Kontextes. Ein Relikt aus dem Verkehrsmuseum ist einem anderen aus dem Deutschen Apfelweinmuseum oder dem Liebieghaus gleichwertig. Worum es sich jeweils handelt und woher es stammt, kann man in einem Booklet nachlesen. So kommt es, dass man etwa ein gusseisernes Objekt aufgrund seines ausgefeilten Designs bewundert, darin irgendwann einen Geisterkopf erkennt – und schließlich einigermaßen verblüfft herausfindet, dass es sich um das Kugel-Rollen-Achslager eines Feldbahnwagens handelt, das um 1900 patentiert und hergestellt wurde – ein Beitrag des Frankfurter Feldbahnmuseums.

Eine ausgestopfte Taube, die man vielleicht im Senckenberg- Museum vermutet hätte, entpuppt sich als „Charly“ aus der Kriminaltechnischen Lehrmittelsammlung des Polizeipräsidiums. Die Taube war 1999 ein wichtiger Hinweisgeber bei einer Straftat. Sie überführte den „Thomy-Erpresser“, der in Deutschlands Supermärkten zwei Jahre lang vergiftete Lebensmittel ausgelegt hatte. Das Lösegeld sollte in Form von Edelsteinen übergeben werden, die in kleine Brustbeutel gefüllt werden sollten. Diese hatte der Erpresser einer Reihe von Tauben umgehängt. Die Polizei hatte Charly mit einem Peilsender ausgestattet und konnte so den Aufenthaltsort des Verbrechers ermitteln. Natürlich hätte man jetzt auch noch gerne die Brustbeutel gesehen.

Fast sämtliche der insgesamt 40 Museen seien recht schnell von der Idee begeistert gewesen, erzählt Kurator Mario Kramer – wenngleich nicht jeder und jede gewusst habe, um wen es sich bei John Cage handele. Was keine Schande ist, kommen doch zahlreiche Häuser aus einem völlig anderen Kontext. Apropos: Das Eintracht Frankfurt Museum steuerte einen Anzug bei, den Niko Kovac 2018 während des Pokalfinales getragen hat. Nicht jeder Museumsbesucher wird wissen, dass es dabei zu einem 3:1-Sieg gegen den FC Bayern kam und Kovac anschließend mit Bier übergossen wurde.

Dass der Anzug direkt hinter und über einer Statue für Dea Candida aus dem 3. Jahrhundert nach Christi hängt (der Beitrag des Archäologischen Museums) und man auf diese Weise einerseits das Gefühl hat, der Anzug könne der Statue passen, andererseits auch einen inhaltlichen Bezug herstellen kann, erscheint fast zu perfekt, um Zufall zu sein: Dea Candida ist eine ursprünglich in Ostgallien beheimatete Glücksgöttin.

Kunstaffine Besucherinnen werden sich bei dem Kleidungsstück vielleicht eher an den Filzanzug von Joseph Beuys erinnert fühlen, und genau darin liegt der Reiz dieser Ausstellung: Sie knüpft Verbindungen und fördert Assoziationen zutage. Man bewegt sich jenseits des gewohnten Zusammenhangs und erfährt nebenbei zum Beispiel, dass es in Frankfurt ein Fastnachtsmuseum gibt, wie ein Aussaatgerät aus den sechziger Jahren funktioniert, und dass in Frankfurt im 17. Jahrhundert wichtige Bibelausgaben gedruckt wurden.

Im Booklet kann man übrigens auch nachlesen, welche Stücke (jeweils zehn) ihrer Sammlungen die Museen zur Auswahl angeboten haben. Das Senckenberg Naturmuseum hatte „Erbrochenes“ aus der Grube Messel auf der Liste; fast schade, dass der Zufall stattdessen für eine Marmorbüste Ernst Haeckels entschieden hat. Auch die „Hasenhaarschneidescheren“ aus dem Heimatmuseum Niederrad hätte man gerne mal gesehen. Und was es wohl mit den „Gummistiefeln“ auf der Liste des Palmengartens auf sich hat? Gummistiefel? Echt jetzt?

Bei dem, was aus dem Museum für Kommunikation zur Ausstellung kam, hätte es allerdings gar nicht besser laufen können. Die 1989 entstandenen Schafe des französischen Künstlers Jean-Luc Cornec, die aus alten Telefonapparaten und Spiralschnüren kreiert sind, kommen im Zollamt besser zur Geltung denn je.

MMK Zollamt, Frankfurt: Bis 20. März. www.mmk.art

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