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J. F. F. nach Andries Beeckman: Der Markt von Batavia, nach 1688.
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J. F. F. nach Andries Beeckman: Der Markt von Batavia, nach 1688.

Rembrandt

Im Museum Barberini: Die Sehnsucht nach der Fremde

  • VonIngeborg Ruthe
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„Rembrandts Orient“ und die Kargheit des Protestantismus: Das Potsdamer Museum Barberini präsentiert west-östliche Begegnungen in der niederländischen Kunst des Goldenen Zeitalters.

Exotik war Zeitgeist, und Exotik war repräsentativ, gar Statussymbol. Auf den Tischen der Amsterdamer und Rotterdamer Kaufleute, der Reeder, Ratsherren, Staalmeesters und anderer Gilde-Vorsteher liegen schwere Gobelindecken mit orientalischer Ornamentik. Alte und junge Männer tragen prächtige Turbane, seidene Kaftane mit Troddeln und imposanten Krummsäbeln an den Gürteln, dazu flache, strumpfartig schmiegsame Satinschuhe. Die Damen sind angetan mit schimmernder Seide und kostbarem orientalischem Schmuck. Auf den Tafeln prangen Gewürz-Gefäße und Gerätschaften mit feinsten Mustern wie aus Tausendundeiner Nacht, Porzellane, auch Muscheln, Korallen, monströses Getier. Und auf dem Gemälde vom Markt von Batavia (heute Jakarta), so jedenfalls mutet es an, verneigen sich gleich die hohen Kokos-Palmen vor den Seefahrern vom nördlichen Atlantik.

All die Pracht wurde im 17. Jahrhundert, der Rembrandt-Zeit, importiert, per Karawanen aus der Levante und Ostasien, dann als Schiffsladungen nach Rotterdam, Amsterdam, zu den Hafenstädtchen Enkhuizen und Hoorn. Die Schifffahrt brachte das Goldene Zeitalter der Niederlande hervor. Handel und Wandel blühten. Die Republik der Vereinigten Niederlande war damals eine weltumspannende See- und Handelsmacht, mit kolonialen Tendenzen, denn der Reichtum der niederländischen Oberschicht kam auch durch Gewalt und Unterdrückung, durch Sklaverei und Handelskriege zustande und die west-östliche Begegnung war keinesfalls ein gleichberechtigter Austausch mit der fremden Kultur der Perser, der Osmanen, der Mogul-Reiche, vielmehr reizvoller Kontrast zur eigenen.

Zugleich boten die Niederlande Religionsfreiheit und Arbeit und lösten damit eine Welle der Zuwanderung aus, quasi eine frühe Globalisierung. Kunstschaffende und Gelehrte kamen, um frei arbeiten, publizieren, lehren zu können. Mit der Gründung der Universität in Leiden, Rembrandts Geburtsstadt, wurde das Land auch zu einem bedeutenden Zentrum des Wissens.

Die es sich leisten konnten, begeisterten sich am Fremden, an der Schönheit der orientalischen Farben und Stoffe, an der Vollkommenheit der Handwerkskunst, am Geschmack und verlockenden Duft der Gewürze und Gewächse. Rund hundert Jahre dauerte die wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit der Niederlande an. Auf dem Höhepunkt, so um 1650, hatte die Nation 700 Maler, die pro Jahr an die 70 000 Bilder produzierten. Das ergibt einen heute in der ganzen Museumswelt verstreuten Bilderberg von mehreren Millionen Motiven.

Diese Zahl ist beispiellos in der Kunstgeschichte und nicht einmal die Gemälde-Statistiken der italienischen Renaissance und auch nicht des französischen Impressionismus können da mithalten. Allerdings reiste kaum einer der niederländischen Maler in jene Länder, deren Exotik sie auf Holztafeln, Leinwände und Papier bannten. Und so waren die berückenden Motive eher ein Konstrukt aus Stereotypen, Versatzstücken und natürlich jeder Menge Imagination.

Diese zwiespältige Geschichte wird im – nun wieder geöffneten – Potsdamer Barberini erzählt. Dargeboten von den Kuratoren Michael Philipp und Gary Schwartz als üppige Kunstgeschichte über die Rembrandt-Zeit und den Orient. Dem Museumsteam von Mäzen Hasso Plattner gelang es, Leihgaben etwa aus dem Rijksmuseum Amsterdam, dem Prado Madrid, der National-Galerien London und Washington, dem Kunsthistorischen Museum Wien und Dresdens Gemäldegalerie zu bekommen.

Rembrandt van Rijn ist selbstverständlich das Zentralgestirn der Schau mit 110 Gemälden sowohl des Meisters wie seiner Zeitgenossen. In den sieben Kapiteln auf zwei Etagen des Hauses tun sich die biblischen Landschaften und Figurenszenen auf. Geheimnisschwangere Stätten in spärlich beleuchteten Gewölben und Innenräumen, effektvoll die Lichtregie, die ganze Inszenierung des Mystischen. Wohl keiner verstand sich darauf so wie Rembrandt, dieser Magier des „Lichts auf dunklem Grund“.

Wir stehen vor Rembrandt-Inkunabeln wie „David übergibt das Haupt von Goliath an König Saul“, „Simson, an der Hochzeitstafel das Rätsel aufgebend“ und „Büste eines alten Mannes mit Turban“, bald darauf auch „Die Beschneidung Christi“. An anderer Stelle können wir zwei Szenen aus dem alttestamentarischen Geschlechterkampf vergleichen: Rembrandts „Judah und Tamar“ zeigt eine sanfte, zärtliche Annäherung des um etliches älteren Mannes an die ängstliche kindfrauliche Braut, derweil Malerkollege Arent de Gelder einen zudringlichen Alten mit derbem Zugriff auf die verstörte Jungfrau in den Blick rückt und unseren MeToo-Nerv reizt.

Die Anverwandlung des Orients, egal ob bei Rembrandt oder anderen in Potsdam ausgestellten Malern seiner Epoche, wirkt auf uns Heutige wie Rollenspiele, vorgeführt nicht etwa allein durch namentlich Porträtierte. Eher sind alle diese in üppiger Kleiderpracht samt Preziosen ausgestatteten Männer, Frauen, Kinder der Zeit gemäße „Typen“. In ihnen manifestiert sich die Sehnsucht, der Wille zum Außergewöhnlichen.

In der strengen Kargheit des Calvinismus wuchsen unbändig die Lust und Begierden auf das „Andere“, das „Fremde“. Und das war damals in den protestantischen Niederlanden der ferne Orient. Das rationalistische Weltbild des Abendlandes produzierte eine Projektionsfläche als Abstraktum der ungeahnten Möglichkeiten.

Museum Barberini, Potsdam: inzwischen verlängert bis 18. Juli. Eintritt mit Zeitfenster-Tickets (immer erst ein paar Tage vorab zu bestellen, ein Test ist in Brandenburg derzeit nicht notwendig). www.museum-barberini.de

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