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Im Jahr 1658 ist Rembrandt 52 Jahre alt, als er sich in die Augen schaut.

Kunst

Rembrandt: Ein früher Meister der Selfies

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Rembrandt war nicht nur ein genialer Künstler, sondern auch ein herausragender Selbstdarsteller. Eine Würdigung zum 350. Todestag

Der Welt ist nicht entgangen, dass Rembrandt zuweilen in Gedanken war. Dann ging ihm etwas durch den Kopf. So dass aus den Gedanken ein erstauntes Gesicht entstand oder ein übermütiges oder auch ein erschrockenes. Rembrandt mit stechendem Blick, grollend, greinend, gedankenschwer oder beschwingt, keck, kühn oder abgeklärt.

Er setzte Gesichter auf. Selbst wenn er sich überrascht zeigte, gar wie überrumpelt, ging dem der Gedanke voraus, sich so zu zeigen, überrascht oder überrumpelt. Da er sich bereits mit Anfang 20 gut kannte, zeigte er sich mit offenem Mund, mit aufgerissenen Augen, mehr verwundert als verstört. Ein Unterschied, unbedingt. Und weil er sich mit 23 besser kannte als Gleichaltrige in diesem Alter sich kennen, zeigte er sich selbstironisch auch. Was für ein außerordentliches Bewusstsein seiner selbst. Wobei er sich nicht so sehr erklären wollte als sich zeigen. Und da der Mensch nicht mehr, wie noch während der Renaissance, einfach nur abgemalt werden konnte, zeigte sich dieser 23-Jährige in sehr unterschiedlichen – ja was: Posen? So auch, aber nennen wir es anders: in sehr unterschiedlicher Gestalt.

Rembrandt im Hermelin, Rembrandt als Winzling

Das „Selbstbildnis mit Saskia“ entstand 1636.

Kein Künstler vor ihm hat sein eigenes Gesicht so häufig festgehalten auf Leinwand, auf Holztafel oder Papier wie er. Mit dem Pinsel, mit Tuschfeder oder Radiernadel – Rembrandt van Rijn, heute vor 350 Jahren gestorben. Zeit seiner Künstlerexistenz war dieser Maler ein Selfie-Star und wurde einer der größten Selbstbildnis-Superstars, ever.

Dieser Rembrandt zeigte den Rembrandt im Hermelin oder den Künstler als Winzling vor seiner Staffelei. Er malte sich, lachend, als jungen Soldaten, er malte damit eines der bestürzendsten heiteren Bilder der Kunstgeschichte überhaupt. Malte, ach, malte, ja, auch seine Familie, den Sohn Titus. Malte aber erst recht sich, als heiteren Menschen oder deprimiert (wie wir heute sagen würden). Führte sich auf als Bürger oder als Künstlernatur mit Barrett. Gab sich wieder als Zeitgenossen, als Offizier. Steckte sich, malend, ins Outfit eines Orientalen, die wenigen Barthaare keck gezwirbelt. Nicht nur sich kostümierend, setzte er sich in Szene. Der Mann mit den vielen Gesichtern. Ungeheuer verletzlich, dann wieder ungebärdig, sogar eine Spur brutal. Der ungemeine Menschenkenner sah sich in seinen Selbstbildnissen nicht einmal nachsichtig; aber wie auch in seinem Gesamtwerk waren die Selbstporträts von einer tiefen Humanität grundiert.

Rembrandt malte sich selbst mehr als 80 Mal

Bis zu seinem Tod hielt er die „eigenen charakteristischen Züge mehr als 80 Mal in Gemälden fest“, schreiben die Rembrandtspezialisten Volker Manuth und Marieke de Winkel ja nicht nur – sie dokumentieren es in ihrem Buch „Rembrandt. Die Selbstporträts“. Auf dem Buchdeckel aufgebracht ein Hologramm, den Buchdeckel bewegend, sieht man den Künstler als jungen oder alten Mann, durch die sich bewegend-abwägenden Hände erscheint das Künstlerbild im changierenden Hologramm als Kippfigur.

Auch ist es ein Buch mit Goldschnitt, die 176 Seiten selbst auf goldfarbenem Grund, denn ja, mit Rembrandt erlebte die niederländische Kunst, mag das in den Niederlanden heute auch kritisch gesehen werden, ihr goldenes Zeitalter, golden großgeschrieben: Goldenes Zeitalter, denn es gibt dafür Belege. Darunter einen Rembrandt, der den Schmutz zeigte, die Gemeinheit, das Elend.

Drei Bände zu Rembrandt legt der Taschen Verlag auf

Es gibt Gründe dafür, dass man sich für Textseiten auf goldenem Fond entschieden hat, auch wenn es irritierend ist. Zumal bei den Abbildungen. Färbt da etwas ab? Etwa, um ein besonders berühmtes Beispiel zu nehmen, beim „Selbstbildnis mit Saskia“?

Zum Vergleich kommen also die Rembrandts auf den größten Tisch im Haus, rund ein Dutzend Selbstbildnisse aus anderen Veröffentlichungen, Katalogen oder Monografien. Gleich drei Bände legt der Taschen Verlag zum Jubiläum daneben auf eine stabile Grundlage, neben sämtlichen Selbstporträts auch Sämtliche Gemälde, die Manuth, de Winkel und Rudie van Leeuwen herausgegeben haben. Für den ebenso wahrhaftig gewichtigen Band sämtlicher Zeichnungen und Radierungen sind Peter Schatborn und Erik Hinterding verantwortlich. Eine fulminante verlegerische Tat.

Rembrandt und die Wirkung seiner Farben

Es leuchten die Farben tatsächlich intensiver, die Gelbtönung des Kleides, der Rotton des Ärmels, der Metallton des Degengriffs. Der Alkohol steht nicht verführerisch im Glas, sondern ungemein schal und, Rembrandt’scher Realismus, trübe. Weil das Gemälde restauriert wurde – oder die Abbildung optimiert? Auf Goldgrund, darauf weist die Veröffentlichung ausdrücklich hin, wollte Rembrandt die Wirkung seiner Farben steigern. Wie zu sehen. Der Vergleich, einerseits in der „Galerie“ der Porträts, wie sie in der jetzt erschienenen Publikation zu sehen ist, andererseits in den gleichzeitig herausgegebenen „Sämtlichen Gemälden“, und hier schwarz gerahmt, zeigt keine Unterschiede.

Der Verlag hat offenbar weder Kosten noch Mühen gescheut, wenn er sämtliche Rembrandts neu fotografieren, wo es möglich war, sogar aus dem Rahmen nehmen ließ. Bei dem jetzt vorliegenden Resultat wirkt die Haut der Saskia geglätteter. Ihr Ohrring wirft tatsächlich einen Schatten, der Halsschmuck ist tatsächlich gläsern-transparent, das Messer hat tatsächlich einen Perlmuttgriff. Tatsächlich eine Neuentdeckung. Zum Abgleich müsste man aufbrechen in die Kunstsammlungen Dresdens, mit mehreren Kilo Rembrandtliteratur in den Taschen.

Auch dieser Rembrandt mit Saskia war eine Selbstauskunft des Malers, ein kaum verhohlenes Outing. Mit Sicherheit dachte seine Umgebung, sobald sie Rembrandt sah, nicht an ein Selfie. Aber es ist vielleicht nicht vollkommen ausgeschlossen, dass das Amsterdam des 17. Jahrhunderts, sobald es einen Rembrandt, einen von dutzenden Rembrandts, sah, auch an einen Selbstdarsteller dachte. Davon war Rembrandt sein ganzes Künstlerleben lang nicht abzubringen.

Das erste Bild von sich malte Rembrandt 1625

Der erste Auftritt 1625. Noch bevor er sich um 1628 in einer Folge von Radierungen mit krausem Haar zeigte, oder mit breiter Nase, oder lauschend oder erstaunt, brachte sich drei Jahre zuvor der 19-Jährige ins Bild, versteckte er sich in einem Historienbild, in der „Steinigung des hl. Stephanus“. Bereits mit diesem ersten Gemälde tut er 1625 das, was er später so gerne immer wieder tun wird. Er integriert sich in das von ihm geschaffene Bild – zugleich in eine historische oder biblische Szene, hier in eine grausige Gewalthandlung, die Marter eines Heiligen, der sich, so die Überlieferung, als Freigeist unter den Nachfolgern der Apostel verstand. Darin bringt der Maler ein Porträt seiner selbst unter, zu sehen hinter dem Rücken des Peinigers. Rembrandt, hinter dem Steinigenden hervorlugend, alles andere als erschrocken oder angewidert, vielmehr selbstbewusst, dreist gar. Ein Augenzeuge drängt aus dem Hintergrund bereits nach vorne.

Ein echter Rembrandt, strotzend vor Selbstbewusstsein, auch draufgängerisch, nicht zuletzt strategisch angelegt. In der Rembrandtliteratur ein vollkommen klarer Fall. Den Pascal Bonafoux in seinem zum Rembrandt-Gedächtnisjahr erschienenen Buch so erklärt: „Die Geschichte zu malen, ist schließlich das probateste Mittel, um sich einen Platz in den Reihen der bedeutendsten Künstler zu sichern.“ Ein echter Rembrandt zudem, wo doch das Gemälde seit 1968 nicht mehr als ein authentischer Rembrandt angezweifelt wird.

Rembrandt sieht sich selbstständig, autonom

In der Rembrandt-Galerie des Taschen-Verlags wird auf der linken Seite ein Porträt vollständig wiedergegeben, einige darunter in Originalgröße, etwa die kaum streichholzschachtelgroßen Radierungen, auf der rechten wird zusätzlich auf den Kopf gezoomt – umso stupender tritt bei den Gemälden die zum Teil ungestüme, auf jeden Fall unkonventionelle Pinselführung hervor.

Handlich das Format des Buchs aus dem Verlag Schirmer/Mosel. Man hat an ihm eine Bestandsaufnahme in 52 kurzen Kapiteln. Im Anfang war kein autonomes Selbstbildnis, sondern die Integration in eine biblische Szenerie. Davon hat sich Rembrandt frei gemacht. Er hat sich selbstständig gesehen - autonom in einem neuen Sinne. Er hat sich ein Künstlerleben lang porträtiert, es gab Phasen intensiver Darstellungen, als Rembrandt 1652 wieder ein Porträt von sich anfertigte, war es das erste nach sieben Jahren. Als er sich 1658 lebensgroß und frontal malte, sich im Bild triumphal gab, Rembrandt der Malerfürst, war der Bürger bankrott, gezwungen, sein Haus zu verkaufen, seine Möbel, seine exquisite graphische Sammlung. Finanziell kam der zwischenzeitlich enorm erfolgreiche Künstler überhaupt nicht gut durch sein Bürgerleben. Durch die Galerie der Selbstporträts blätternd, verbietet sich der Gedanke, es handele sich bei Rembrandts Porträts um so etwas wie eine Autobiografie.

Um sich selbst zu sehen, wird er mit einem Spiegel gearbeitet haben. Der immense Menschenkenner hat dabei immens viel gesehen, wobei Bonafoux vehement widerspricht, in Rembrandts Gesicht spiegele sich die Psyche und Seele des Malenden wider. Erst recht für „hohles Geschwätz“ hält der Pariser Kunsthistoriker die Behauptung, die Lichtführung in den Bildern sei eine „Offenbarung der Seele“, das Geheimnis des Chiaroscuro sei Seelenmalerei. „Dummes Zeug“, so Bonafoux, der gelegentlich ein wenig ruppig reagiert, auch auf die Schlussfolgerung, das intensive Chiaroscuro, die Hell-Dunkel-Malerei, die artistische Verschattung, die geheimnisvollen Verschleierungen, habe Rembrandt von Caravaggio.

Heimtückischer Vorwurf: Rembrand soll Caravaggio plagiiert haben

Die Lebensdaten scheinen das zu bestätigen, als Caravaggio 1610 starb, „war Rembrandt in Leiden noch ein vierjähriger Knirps“. Und so wurde gelegentlich „heimtückischerweise insinuiert, dass Rembrandt Caravaggio schamlos plagiiert hätte.“ Gewiss ist Bonafoux nicht der erste, der darauf hinweist, dass der Niederländer „niemals auch nur ein einziges Werk Caravaggios gesehen“ hat – aber er stößt die Leser und Betrachter geradezu auf diese Erkenntnis, indem er den Gedanken in seinem Text wiederholt.

Zeitlebens ein Augenzeuge seiner selbst, dieser Rembrandt. Wie er sich selbst sah, vor allem in den „autonomen“ Selbstporträts, führt die Veröffentlichung des Taschen-Verlags prachtvoll vor Augen. Man schlägt das Buch auf und sieht ein vergrößertes Detail: Rembrandt mit roten Lippen, mit geöffnetem Mund, geweiteten Nasenflügeln – wie zum Beleg für den (unvergessenen) Satz John Bergers: „Kunstkritiker haben oft die ,Innigkeit‘ der Bilder Rembrandts hervorgehoben. Doch sie sind das Gegenteil von Ikonen. Es sind fleischliche Bilder.“

Strotzende Sinnlichkeit, auch dann, wenn wir uns, wie hier, auf die Selbstporträts beschränken. Und wo sie (die Sinnlichkeit) dem alten Mann abhandengekommen ist, zeigen die Porträts den Verfall des Fleisches, hängende Augenlider, gerötete Augen. „Aufgedunsen von der Fäulnis der Zeit, die ihm die Haut zerfressen, zerknittert, aufgekratzt, verkrumpelt hat“, sieht Bonafoux den Istzustand, der rasanter Verfall ist. Das macht den Zustand so realistisch wie drastisch. Ja, Rembrandt war Anfang 60, er war ein alter weißer Mann. Er nahm die objektiv desillusionierende Entwicklung seiner selbst subjektiv illusionslos an, wenn man so will Selfie für Selfie.

Mürrisch soll er gewesen sein, der Rembrandt

Rembrandt also. Denn Rembrandt! sagte sich womöglich nicht nur einmal in seinem Leben Rembrandt, als er vor einen Spiegel trat, wieder mal. Müsse man ihm nicht sagen, murrte möglicherweise Rembrandt. Denn manchmal war er wohl, wie man weiß, mürrisch. Ganz abgesehen davon, dass er ein selbstbewusster Mensch war. Deshalb könnte die Situation so gewesen sein, die man sich, wenn man sich die Szene auch nur eine Spur ausmalt, so vorstellen kann. Denn dass der Menschenkenner Rembrandt sich äußerst gut kannte, zeigen seine Porträts. Aber war er ausschließlich ein vor Selbstbewusstsein strotzender Mensch?

Rembrandt hat sich zum Augenzeugen seiner selbst gemacht. Um sich selbst in die Augen zu sehen, um seiner Jugend ins Gesicht zu schauen, verblüfft oder skeptisch oder stutzend. Er posierte, er lachte, er versank in Verwirrung oder Verzweiflung. Er war sich selbst Modell, er war Bettler, König, Edelmann. Was er nicht war: ein zweiter Jesus (zu dem sich etwa ein Dürer stilisierte). Er war sterblich, und wie, schließlich unübersehbar die Spuren seiner 63 Lebensjahre. Rembrandt Harmenszoon van Rijn, 1606 in der Stadt Leiden unter recht glücklichen Umständen geboren, am 4. Oktober 1669 gestorben in Amsterdam, zum Glück nicht an der Pest.

In seinen letzten Selbstporträts sah er offenen Auges seinem Tod entgegen. Kein Rollenspiel mehr, keine Pose, nur noch ein Blick (in den Spiegel).

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