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Charlotte Salomon, links: „Die deutschen Juden, von denen jeder so mit sich selbst beschäftigt ist.“
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Charlotte Salomon, links: „Die deutschen Juden, von denen jeder so mit sich selbst beschäftigt ist.“

Ausstellung „Erinnerung – Bild – Wort“

„Ich hab genug von diesem Leben“

Bilder und Worte gegen das Vergessen der Deportation und Ermordung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland: Eine Austellung zeigt Bilder von Charlotte Salomon und Arnold Daghani im Jüdischen Museum Frankfurt.

Von Michael Grus

Es gibt nur wenige Künstler, die in ihrem Werk im ganz wörtlichen Sinn über eine so eigene „Handschrift“ verfügen wie Charlotte Salomon und Arnold Daghani. Der Kontext ihrer Bilder, die jetzt in der Ausstellung „Erinnerung – Bild – Wort“ im Jüdischen Museum in Frankfurt gezeigt werden, ist die Deportation und Ermordung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland. Der 1909 in der damals österreichisch-ungarischen, später rumänischen Bukowina geborene Arnold Daghani hat überlebt, die aus Berlin stammende, acht Jahre jüngere Charlotte Salomon wurde 1943, wahrscheinlich unmittelbar nach ihrer Ankunft, in Auschwitz ermordet. Beide haben das Grauen nicht bloß illustriert, sondern ihren Bildern mit hinzugefügten Texte eingeschrieben.

Das künstlerische Werk von Charlotte Salomon wurde in der gerade zu Ende gegangenen Documenta an prominenter Stelle, im Fridericianum, gewürdigt, als ein „Tagebuch in Bildern“ war es gleichwohl schon seit den frühen 60ern präsent. Wegen ihres autobiographischen Charakters glaubte man damals, in den in einem holländischen Versteck überlieferten Arbeiten ein Pendant zum Tagebuch der Anne Frank entdeckt zu haben. Diese Einschätzung greift aus Sicht der Kuratoren Deborah Schultz und Erik Riedel jedoch zu kurz, wird der experimentellen Form nicht gerecht.

Durch ihr Elternhaus kam Charlotte früh mit dem Berliner Kulturleben in Berührung. Nach zunächst privatem Kunstunterricht konnte sie noch bis 1937 die staatliche Kunsthochschule besuchen. Im französischen Exil, zwischen 1940 und 1942 entstand ihr etwa 1300 Gouachen umfassendes Werk „Leben? oder Theater?“. Der Untertitel „Ein Singspiel“ mag angesichts der ungeschönt deutlichen Bildinhalte wie Pogrom, Erniedrigung durch Zwangsarbeit oder Selbstmord aus Verzweiflung befremden. Indem sie den dargestellten Personen aus ihrem familiären Umkreis Rollennamen zuteilte, versuchte sie eine Distanz zu dem Geschilderten aufrechtzuerhalten, anstelle der hilflosen Pathosformeln vom „unfassbaren Grauen“ eine durchdachte, konsequent durchgeführte künstlerische Fassung zu wahren.

Eigentlich fällt es schwer, eine geläufige Kategorie für diese in Mischungen aus den drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau gehaltenen Bildfolgen zu finden. Die in großen Lettern geschriebenen Texte umgeben die Figuren, vor allem die Künstlerin selbst. Auch wenn viele Dialoge, (Selbst-)Gespräche und Gedanken mitgeteilt werden, es gibt keine „Sprechblasen“, und eine Bezeichnung der häufig als Bildfolgen angelegten Erzählungen als „Comicstrip“ wäre ohnehin deplatziert. Es ist ein vielstimmiger Gesang gegen das Verstummen. „Ich hab genug von diesem Leben ich hab genug von dieser Zeit“, steht auf einem Selbstporträt der jungen Frau, die sich erschrocken die Hände vor den Mund hält. Von der Arbeit gegen das Verschweigen legt ihr Werk ein beredtes Zeugnis ab.

In einer eher dokumentarischen Form ist das Arnold Daghani (1909-1985) gelungen. Nachdem er 1960, also ungefähr zeitgleich mit der Wiederentdeckung Charlotte Salomons, seine schon kurz nach dem Krieg in Rumänien publizierten Erinnerungen aus dem Zwangsarbeitslager Michailowka auch hierzulande veröffentlichte, nahm die deutsche Justiz Ermittlungen zu den geschilderten Verbrechen auf. Dass er, ähnlich wie der ermordete Bruno Schulz, vom Wachpersonal und deutschen Ingenieuren aus der industriellen Umgebung der Lager für Porträtaufträge oder Schildermalerei herangezogen wurde, sicherte ihm indirekt das Überleben. 1943 gelang ihm gemeinsam mit seiner Frau die Flucht.

In der Zeit der Verfolgung und sogar während der Inhaftierung fertigte er heimlich Zeichnungen und Aquarelle an, die einen überaus authentischen Grundstock für die nach dem Krieg angefertigten Alben und Bücher bildeten. Zahlreiche Blätter aus diesen großformatigen Unikat-Sammlungen sind in der Ausstellung zu sehen. Mit ihren Inhalten dehnen sie den Gattungsbegriff „Künstlerbuch“ geradezu schmerzhaft aus.

Überraschend ist auch hier die Form, die der Künstler zu wahren versucht. Die Bilder werden umrahmt von tagebuchartigen Protokollen und Anklagetexten in sorgfältig kalligraphisch ausgeführter Schrift. Wie in der mittelalterlichen Buchkunst verwendet Daghani ausgemalte Initialen, die Namen der Täter erscheinen in roter Schrift. Den Opfern hingegen gibt er ein Gesicht. Das „Porträt einer Deportierten“ berührt um so mehr, da im Titel die Grabstelle angegeben wird: „in einem Kirschgarten, irgendwo“.

Jüdisches Museum Frankfurt: bis 3. Februar. www.juedischesmuseum.de

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