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Hundert Tage Tiefenrausch – was bleibt von der Documenta?

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Von: Lisa Berins

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Nur noch bis Sonntag (25. September) läuft die documenta fifteen: Zeit für ein Resümee: Was schiefging – und was wir vielleicht gelernt haben.

Kassel – Es war die Kunst-Soap des Sommers, ein absurd-peinlicher Dauerbrenner – man konnte einfach nicht abschalten. Und gerade wenn man es wollte, wurde in Kassel schon wieder ein neuer Tiefpunkt serviert, dass man meinte, die Weltkunstausstellung nehme zuverlässig Kurs auf einen effektvollen Abbruch.

Auf den letzten Metern holte die documenta fifteen noch einmal zum großen Showdown aus, blieb dann aber doch geöffnet – bis zum offiziellen Ende. Einen emotionalen Schlusspunkt allerdings, den gibt es bisher nicht: Das Feld der Vorwürfe liegt brach, die Kommunikation ist gekappt, eine unausgefochtene Debatte schwelt weiter an der Oberfläche, und die enttäuschende Erkenntnis hat sich eingestellt, dass es für einen erfolgreichen Dialog mehr braucht als „Lumbung“ und den gut gemeinten Wunsch nach einer besseren Welt. Es braucht Willen zum Verständnis, und es braucht Verantwortung, und wenn eines wirklich auf der Documenta gefehlt hat, dann war es genau das: Menschen, die für etwas zuständig sind. Die Befugnisse haben und diese nutzen. Und im Fall von Ruangrupa: nutzen wollen.

Documenta fifteen in Kassel: Ruangrupa bereits 2019 eingeladen

Dabei fing alles so vielversprechend an: Im Februar 2019 wurde das Kunstkollektiv Ruangrupa – in Indonesien seit Jahrzehnten gefeiert, für Europäer:innen aus einer wenig bekannten Kultur stammend – eingeladen, eine der bedeutendsten Ausstellungen für Gegenwartskunst zu kuratieren. Das war gewagt, mutig, eine revolutionäre Entscheidung – und es traf den Nerv der Zeit.

In einer Welt, in der geografische Entfernungen immer weniger zählen, Schicksale näher rücken, globale Ungerechtigkeiten immer betroffener machen, ist es natürlich von großem Interesse, die emanzipatorischen Projekte von Marginalisierten und ihre Ideen zur Überwindung von ausbeuterischen Praktiken des Kapitalismus und des Kolonialismus kennenzulernen. Es ging um Visionen, auch ganz konkret für die bis heute weiß-männlich-geprägte Kunstwelt und den spekulativen Kunstmarkt.

Documenta fifteen: Das Prinzip Mitsprache funktionierte nur im Mikrokosmos der Ausstellung

Ruangrupa setzte das Kollektive dorthin, wo westlich Sozialisierte eine individualistische Gesellschaft und eine outputorientierte Entscheidungsmaschinerie kennen; es stellte uns ihr „Lumbung“ vor, eine Gemeinschaft, in der Ressourcen geteilt werden, eine hierarchiefreie Koexistenz von vielen Kollektiven, eine Basisdemokratie, in der aber leider alles auch ein wenig länger dauert. Ziemlich lange. So lange, dass das Kollektiv fast unbeweglich wirkte. Erstarrt in einer Umgebung, die Antworten und Bekenntnisse forderte und in der immer wieder neue Vorwürfe auf die künstlerische Leitung einprasselten.

Und da begann das Drama: Ruangrupa war gefangen im eigenen Konzept, hatte die Verantwortung für künstlerische Inhalte von Vornherein an die von ihnen eingeladenen Kollektive und Künstler:innen abgegeben, auf Vertrauensbasis sozusagen. Und das Prinzip der Mitsprache funktionierte auch nur im Mikrokosmos der Ausstellung, nicht aber über ihren Rand hinaus. Versuche, die Dinge zu klären, erzeugten aus Sicht von Ruangrupa noch mehr Gegenresonanz – die das Kollektiv als Rassismus deutete und sich massiv angefeindet fühlte.

Eklat hätte erahnt werden können

Der eigentliche Konflikt war aber schon lange vor diesen Entwicklungen da, und er wurde durch die konzeptionelle Entgegensetzung von „globalem Süden“ und „globalem Norden“ wahrscheinlich noch angeheizt. Wenn Marginalisierte ihre Visionen von einer besseren und gerechteren Welt mit uns teilen, ist es logisch, dass sie auch das benennen, was ungerecht ist und sie unterdrückt. Dass in dieser postkolonialen Sichtweise (aber natürlich nicht nur da) auch die Erzählung von einer jüdischen Verschwörung und der Hass auf Israel auftauchen könnten, hätte man eigentlich im Voraus ahnen können.

Das umstrittene Großbanner „People’s Justice“ wurde abgehängt, die Ausstellung ging weiter. Foto: Uwe Zucchi/dpa.
Das umstrittene Großbanner „People’s Justice“ wurde abgehängt, die Ausstellung ging weiter. © Uwe Zucchi/dpa

Ganz offensichtlich hat das aber entweder niemanden gestört, oder die Documenta-Macherinnen und -Macher waren tatsächlich derart unsensibel, dass man beim Nachdenken darüber doppelt schockiert ist: Wenn diese studierten Leute das Problem von antisemitischen Denkweisen nicht auf dem Schirm haben, wie sieht es dann in der Breite der Gesellschaft aus?

Documenta fifteen: Ein halbes Jahr vor Eröffnung kamen die ersten Bedenken

Im Januar, ein halbes Jahr vor Eröffnung der Documenta, kamen die ersten Bedenken eines Kasseler Bündnisses. Und dann nahm das Versagen seinen Lauf. Die Diskussionsreihe „We need to talk“ wurde noch vor Beginn der Ausstellung kurzfristig von Ruangrupa und der Documenta-Leitung angekündigt und ebenso kurzfristig wieder abgesagt. Vor der Eröffnung der Schau wurde in die Ausstellungsräume des WH 22, in denen auch das in der Kritik stehende palästinensische Kollektiv The Question of Funding ausstellte, eingebrochen, offensichtlich islamophobe und rassistische Parolen wurden an die Wände geschmiert.

Bis zur Eröffnung beteuerte die Documenta-Leitung ihre „Ablehnung gegen Antisemitismus“ und wies alle Vorwürfe „entschieden zurück“ (der Bundespräsident klang in seiner Rede zur Eröffnung hingegen durchaus kritisch und mahnend). Und kurz nach der Eröffnung kam die große Empörung: Auf dem Banner „People’s Justice“ des indonesischen Kollektivs Taring Padi wurden antisemitische Motive entdeckt. Das Banner wurde erst verhängt und dann abgebaut. Die Diskussion wurde heftig, der Bundeskanzler sagte seinen Besuch bei der Documenta ab, Ruangrupa und Taring Padi entschuldigten sich.

Das Banner war weg, Steyerls Arbeit war weg, aber sonst?

Eine Aufklärung, eine Erforschung, woher die Motive kamen, gibt es bis heute nicht. Meron Mendel, Direktor der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, schaltete sich in die Debatte ein und plädierte trotz des Skandals für einen Dialog. Auf einer von ihm ins Leben gerufenen Podiumsdiskussion trauten sich aber weder Ruangrupa noch die damalige Generaldirektorin Sabine Schormann auf die Bühne. Mendel, der außerdem bei der Erforschung von antisemitischen Motiven auf der documenta fifteen helfen sollte, warf nach kurzer Zeit hin. Hito Steyerl ließ als Reaktion darauf ihr Kunstwerk abbauen.

Und während sich über Wochen die Diskussion um Antisemitismus aufheizte, während massive Kritik von Politiker:innen bis auf Bundesebene, dem Zentralrat der Juden, Antisemitismusbeauftragten, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und vielen anderen laut wurde, während Forderungen nach personellen Konsequenzen und sogar nach der Schließung der Documenta fielen, im Hessischen Landtag und im Bundestag über die als „Antisemita“ gelabelte Schau beraten wurde, passierte auf der Documenta selbst: nicht viel.

Besuch in Kassel: Auf der documenta bekam man den Eklat allenfalls am Rande mit

Das Banner war weg, Steyerls Arbeit war weg, aber sonst? Wer in Kassel die Ausstellung besuchte, bekam von der Debatte höchstens am Rande etwas mit. Vor Ort unterhielten sich Besucherinnen und Besucher mit den Künstlerinnen und Künstlern, die über 100 Tage durchgehend anwesend waren, sie versuchten sich in Workshops, versammelten sich in Gemeinschaftsküchen und nahmen generell sehr bereitwillig und offen am Kunstgeschehen teil.

Voneinander lernen und gemeinsam kreativ sein, gehörte zum Konzept. Foto: Lisa Berins.
Voneinander lernen und gemeinsam kreativ sein, gehörte zum Konzept. Foto: Lisa Berins. © Lisa Berins

Die meisten Kollektive hatten ja auch nichts mit dem Antisemitismusskandal zu tun. Trotz aller tatsächlich vorhandenen, positiven Vibrations: Wirkte es nicht befremdlich, wie sich eine Bubble formte, die sich gegen jegliche Kritik abschottete und in der man offensichtlich meinte, sich gegen Angriffe „von außen“ wehren zu müssen? Das war die Schizophrenie der documenta fifteen.

Documenta fifteen: Ruangrupa fühlte sich bevormundet und zensiert

Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte sich endlich der Aufsichtsrat der Documenta zu einer Krisensitzung zusammengefunden, die Generaldirektorin legte ihr Amt nieder. Ein Interimsgeschäftsführer und eine Expertenkommission sollten eingesetzt werden, was aber wieder eine Weile dauerte. Die Expert:innen sollten Empfehlungen zu antisemitismusverdächtigen Werken geben. Die Weichen waren neu gestellt. Jetzt konnte doch alles gut werden?

Nicht wirklich. Von Ruangrupa war die Kommission nicht erwünscht. Das Kollektiv fühlte sich mehr denn je bevormundet und zensiert. Und so stritten auf der einen Seite diejenigen, die der Kunst – und der künstlerischen Leitung – unbegrenzt alles zugestehen wollten, und auf der anderen Seite jene, die politische Agitation im Deckmantel der Kunstfreiheit vermuteten. Und dann wurde es bizarr.

Diskussion über die documenta: Antisemitismus oder „Propagandakunst der damaligen Zeit“?

Erneut tauchten antisemitische Motive auf, diesmal waren es Zeichnungen in einer Broschüre eines feministischen, algerischen Kollektivs aus den 80ern, die im Fridericianum präsentiert wurden. Ruangrupa wies die Vorwürfe zurück, sprach von „Propagandakunst der damaligen Zeit“ und legte dem Werk eine mehrseitige Erklärung bei. Wenig später eine weitere Entdeckung: Taring Padi hatte, offensichtlich um Kritik zu vermeiden, einer Figur auf einem Werk mit Geldsäcken und langer Nase vorsorglich die Kopfbedeckung abgeklebt, die Kritiker:innen als Kippa identifiziert hatten – laut Kollektiv handelte es sich aber um eine indonesische Kopiah.

Dann beschimpfte der britische Künstler Hamja Ahsan Bundeskanzler Scholz auf Facebook mit derben Worten, er durfte auf der Documenta nicht mehr öffentlich auftreten, seine Arbeiten blieben aber hängen. Nun meldete sich auch die Expertenkommission: Das schon lange in der Kritik stehende Werk „Tokyo Reels“ des Kollektivs Subversive Film, das propalästinensische Propagandafilme zeigte, sollte gestoppt werden. Ruangrupa und die Geschäftsführung nahmen dies „zur Kenntnis“, mochten der Forderung aber nicht nachkommen …

Eine Laissez-faire-Ausstellung wie dieses Jahr wird es sicher nicht mehr geben

Und so stolperte die Documenta von einer bösen Überraschung zur nächsten, ohne jemals Schritt halten, Entwicklungen vorhersehen oder Probleme klären zu können. Genauso „überraschend“, wie die antisemitischen Motive auftauchten, so unerwartet kam die Erkenntnis, dass jetzt wirklich etwas an den Strukturen der Documenta gGmbH – die sich als fatal intransparenter und chaotischer Haufen entpuppt hatte – verbessert werden müsste (was aber natürlich auch schon seit Jahren Thema ist).

Ob es in Zukunft besser definierte Zuständigkeiten geben wird, mehr Kunstkompetenz, einen größeren Einfluss des Bundes? Es ist zu vermuten, aber lassen wir uns mal überraschen. Welche Freiheiten man der künstlerischen Leitung zugestehen wird? Eine Laissez-faire-Ausstellung wie dieses Jahr wird’s sicher nicht mehr geben. Was aber auch bedeutet: Ein Wagnis vom diesjährigen Ausmaß wird es nicht mehr geben.

Freiheit existiert nicht im luftleeren Raum

Man sagt zwar: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber das ist bei der documenta fifteen mitnichten der Fall. Erstens, weil es noch gar kein Nachhinein gibt, wir sind noch mittendrin. Und zweitens, weil es bisher keinen fruchtbaren Diskurs gegeben hat – wie auch, wenn die Grundlage fehlt. Als Zwischenfazit könnte man zumindest das mitnehmen: Dass jede Freiheit, auch die der Kunst, nicht im luftleeren Raum existiert.

Dass man um Dialog kämpfen muss, wenn man in einer Welt zusammenleben will, die unausweichlich eine gemeinsame Zukunft hat. Dass Hass, egal auf welche Bevölkerungsgruppe, nicht akzeptabel ist. Und genau diesem Statement Taten folgen zu lassen, das wäre von einem reflektierten Bessere-Welt-Kollektiv doch zu erwarten gewesen? Die documenta fifteen war mit Sicherheit ein Wendepunkt. Sie hat auch einen nicht allzu kleinen Schock hinterlassen. (Lisa Berins)

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