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Maria hinter der Nationalflagge in der Basilika von Mexiko-Stadt. 

Mexiko

Huitzilopochtli mit Madonna

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Kulturen führen Kriege gegeneinander. Aber auch dabei vermischen sie sich manchmal so sehr, dass die Kontrahenten sich auflösen können in etwas gänzlich Neuem.

Das Foto auf dieser Seite wurde aufgenommen in Mexiko City, in der 2005 erbauten Basilika „Unserer Lieben Frau von Guadalupe“. Oben ist leider nur sehr schwach zu sehen das Gnadenbild der Madonna. Darunter die mexikanische Nationalflagge.

Die neue Basilika musste erbaut werden, um dem Ansturm von jährlich 20 Millionen Pilgern gewachsen zu sein. Damit sich vor dem Gnadenbild keine blockierenden Staus bilden, wurden Rollbänder installiert, die die Besucher zweimal an der Madonna vorbeifahren. Als wir – ein halbes Dutzend Touristen – an einem Tag Ende September auf dem riesigen Platz vor der Kathedrale standen, taten das mit uns vielleicht gerade mal noch fünfzig andere Menschen.

Hier soll 1531 dem Azteken Juan Diego die Jungfrau Maria – als Indianerin – erschienen sein und ihn gebeten haben, ihr hier eine Kapelle errichten zu lassen. Der Bischof glaubte ihm nicht. Drei Tage später kam Juan Diego zurück. Die Madonna war ihm wieder erschienen und auf seinem Mantel war, unter einem Meer von Blumen, ein Bild der Muttergottes. Jetzt, so die erst einhundert Jahre später belegte Legende, glaubte ihm der Bischof.

Der Ort des Geschehens ist nicht unwichtig. Auf diesem Hügel war vor Cortés’ Invasion Tonantzin verehrt worden, die mütterliche Göttin des Getreides. Womöglich geschah das auch noch 1531. Hinzu kommt: Tepeyac gehört heute zu Mexiko-City. Als Hernán Cortés 1521 sich Tenochtitlán unterwarf, hatte sich ihm Tepeyac beim Kampf gegen die Azteken angeschlossen. Juan Diegos indianischer Name ist Cuauhtlatoatzin. 2002 wurde er als erster Indio von Johannes Paul II. heilig gesprochen.

Die Jungfrau von Guadalupe genoss schon lange davor den Status einer Nationalheiligen. Nicht nur bei den Indios. Der Kampf gegen die spanische Kolonialherrschaft wurde 1810 unter der Parole geführt: „Tod den Spaniern – es lebe die Jungfrau von Guadalupe!“ Die Aufständischen kämpften unter der Standarte der Jungfrau von Guadalupe.

Grün-Weiß-Rot war erst die Fahne des unabhängigen Mexiko. Erst 1823 kam das Wappen auf die Fahne. Das Wappen erinnert an die Verheißung des Aztekengottes Huitzilopochtli. („Kolibri des Südens“). Der hatte seinem Volk aufgetragen, nach einem Ort zu suchen, an dem ein Adler auf einem Kaktus sitzen und eine Schlange im Schnabel und zwischen den Krallen halten würde. Das Volk suchte zweihundert Jahre und fand Kaktus, Adler und Schlange dann auf einer Insel in einem See auf der mexikanischen Hochebene. Dort gründete es seine Hauptstadt Tenochtitlán. Der Kriegs- und Sonnengott Huitzilopochtli erlangte in Europa Berühmtheit vor allem wegen der von ihm verlangten Menschenopfer. Vier Priester hielten den gefangenen Krieger an Händen und Füßen, und ein fünfter schnitt ihm mit einem scharfen Obsidianmesser den Körper auf und entnahm ihm das Herz. Ob Huitzilopochtli jährlich hunderte, tausende oder gar zehntausende Menschen geopfert wurden, darüber wird heftig gestritten. Gegenüber den Zahlen der spanischen Eroberer ist Misstrauen angebracht. Viele von ihnen wollten die aztekischen Gräuel besonders stark darstellen, um die eigenen plausibler erscheinen zu lassen.

Ich schreibe hier von den Azteken. Der Codex berichtet von der Wanderung der Mexica. Die heißen, als sie von ihrem unbekannten Ursprungsort Aztlán aufbrechen, Azteken. Als sich ihrer Wanderung andere Stämme anschließen, erklärt Huitzilopochtli sie zu seinem auserwählten Volk, was einschließt, dass sie sich von den Stämmen, die sich ihnen angeschlossen hatten, trennen, ihrem Gott Menschenopfer bringen und sich von nun an Mexica nennen. Bis heute.

Der mexikanische Unabhängigkeitskrieg dauerte von 1810 bis 1821. Mexiko nennt sich „die Vereinigten Mexikanischen Staaten“. Im Artikel 2 seiner Verfassung von 2016 heißt es unter der Überschrift „Die mexikanische Nation ist einig und unteilbar“: „Die Nation ist plurikulturell zusammengesetzt, ursprünglich getragen von ihren indigenen Stämmen...“ Man tut immer gut daran, zwischen Verfassungstext und Verfassungswirklichkeit zu unterscheiden. Mexiko ist da keine Ausnahme. Die Wirtschaft wird von einer winzigen weißen Oberschicht beherrscht. Die bei weitem überwiegende Masse der indigenen Bevölkerung gehört zu den Allerärmsten des Landes. So sieht es heute aus. Ein paar Zahlen der Vergangenheit und ein paar aktuelle muss man sich vor Augen halten: Zwischen der Eroberung 1521 und dem Ende des 16. Jahrhunderts sank die Bevölkerung im Tal von Mexico von 1,5 Millionen Indios auf 70 000. Natürlich sind das Schätzungen. Natürlich war das in erster Linie das Werk von Epidemien. Aber auch die Zerstörung der alten Bewässerungssysteme und die Zwangsarbeit haben ihren Teil dazu beigetragen. Das Vernichtungswerk ist niemals abgeschlossen. Es setzt immer wieder ein. Derzeit herrscht Krieg in Mexiko. Den keiner so nennt. Aber Human Rights Watch berichtet, dass zwischen 2006 und 2017 in Mexiko 32 000 Menschen „verschwunden“ sein sollen. „Verschwunden“ heißt: Sie wurden umgebracht und ihre Leichen so beseitigt, dass sie nicht aufgefunden wurden. Und noch eine Zahl: Achtzig Prozent der Morde, über die ermittelt wird, werden nicht aufgeklärt.

Dass ein Volk seinen Ursprung in eine ferne Vergangenheit und an einen entlegenen Ort verlegt, dass es erst im Laufe dieser Wanderung zu einem von Gott auserwählten Volk wurde, ist uns aus den Geschichten des Alten Testaments nur zu vertraut. Vor gar zu schnellen Rückschlüssen auf die Mosesgeschichte muss freilich gewarnt werden. Denn solche Wanderungslegenden gibt es überall auf der Welt.

Huitzilopochtli, der die Azteken führt, wählt dazu die Gestalt eines Kolibris. Die Sabiner folgten dem Gott Picus, also einem Specht, die Kreter einem Delphin, in dem ihres Erachtens Apollon sich zeigte, andere einer Schlange. Götter nehmen die unterschiedlichsten Gestalten an. Manchmal sogar die des Menschen. Das kennen wir. Unserem Anthropozentrismus kommt das ganz vernünftig vor. Die mexikanischen Götter dagegen sehen anders aus. Wikipedia beschreibt unseren Huitzilopochtli so: „Dargestellt wird diese Figur mit einem Jaguarkopf, der durch Hörner oder einen Federbusch geschmückt ist. In der linken Hand hält das Gottwesen einen Schild und einen Lorbeerzweig und in der anderen Hand einen Stab. Die Füße haben gespaltene Klauen, den Ziegenfüßen nachempfunden. Auf dem Rücken sind den Fledermausflügeln ähnliche Flügel und bauchseitig ein hässliches Gesicht mit aufgerissenem Rachen, das scharfe Zähne zeigt.“ Ein Gott ist einer, der alle Gestalten in sich einschließt. Nichts als ein Mensch zu sein, wäre eine armselige Gottheit.

Zurück zu unserem Foto. Hier erst begreift man Multikulti. Wer Arte-Dokus schaut, weiß, dass die Darstellung der christlichen Muttergottes mit dem Jesuskind auf dem Arm zurück geht auf die altägyptische Göttin Isis, die den Horusknaben ebenso hielt. Aber niemand denkt heute oder dachte vor tausend Jahren daran. Als aber die Madonna von Guadalupe installiert wurde, lebte, man gestatte mir diesen Ausdruck, Tonantzin noch. Übersetzt man ihren Nahuatl-Namen ins Deutsche, so lautet er „unsere verehrte Mutter“. Auch sie eine Muttergottes, Erleichtert wurde diese feindliche (?) Übernahme dadurch, dass es von Tonantzin selbst keine Bildnisse gibt. Sie zeigt sich stets in anderen Verkörperungen. Seit 1531 ist auch die Madonna eine davon. Kulturen, Religionen bekriegen einander, aber dann plötzlich verschmelzen sie in einem einzigen Bild.

Ist der Gründungsmythos – Kaktus, Adler, Schlange auf einem Felsen im Wasser – wirklich nur Vergangenheit? Oder erinnert das mexikanische Wappen, das diese Vision abbildet – auch auf dieser Fahne vor der Jungfrau von Guadalupe – nicht doch jede Generation daran, dass man sich wieder aufmachen kann in eine andere Zukunft? Aus dem einstigen Einwanderungsland Mexiko ist ein Auswanderungsland geworden. Zehn Prozent der US-Bevölkerung kommen aus Mexiko oder sind Nachkommen mexikanischer Einwanderer. Da sind die Bewohner der Mexiko abgenommenen Territorien noch nicht mitgezählt.

Ich weiß von keinem anderen Land, dessen nationale Symbolik aus so disparaten Elementen zusammengesetzt wurde. Die Azteken, die in Wahrheit Mexika sind, stehen jedem Mexikaner überall vor Augen. Nicht als Opfer. Sondern als die, die ein Ziel haben, die einen Ausweg wissen. So wird der Traum wachgehalten nicht an ein jenseitiges Glück wie bei der Madonna von Guadalupe, sondern an die Wiedererrichtung einer ganz und gar diesseitigen mexikanischen Großmachtstellung.

Wer jetzt an die Doppeldeutigkeit des Begriffs Messias – er ist nationaler und religiöser Erlöser – denkt, der denkt richtig. In den mexikanischen Revolutionen gingen Politisches und Religiöses immer wieder die interessantesten Verbindungen ein. Das begann schon bei der Eroberung der neuen Welt. Und endete noch lange nicht bei den Priestern, die den Nationalstaat Mexiko zu errichten halfen.

Das ist keine mexikanische Besonderheit. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie lebt von diesem Verlangen nach einem irdischen Messianismus. Manche Beobachter kamen auf die Idee, eingekapselt im strengsten spanischen Katholizismus, hätten die Träume der jüdischen Zwangsgetauften von einem sie endlich befreienden Messias überlebt, und als sie hier mit denen der Indios zusammenstießen, seien sie aufgeplatzt, wie Samenkapseln von Windblütlern das tun.

Aber vielleicht ist ja auch etwas aus Amerika nach Europa gegangen. Womöglich der Totenkult der Azteken. Man denke nur an jene Holzgestelle, auf die die Konquistadoren überall stießen: Schädel aneinandergereiht an Hölzern hängend, die man durch sie hindurch geschlagen hatte. Waren sie Zeichen des Triumphes über die feindlichen Krieger oder aber sollten sie den jedes Jahr heimkehrenden Seelen ein Zuhause bieten? Ist es wirklich ganz und gar abwegig, sich den barocken Totenkult, seine Skelettbegeisterung, auch als aztekisch inspiriert vorzustellen?

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