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Aus: „I would prefer not to“. 

Kunst

„How to Make a Paradise“ im Frankfurter Kunstverein: Soziale Distanzierung

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Der Frankfurter Kunstverein erinnert an das nicht nur japanische Hikikomori-Phänomen.

Es sei, sagt Ael, „eine Art von Protest“. Protest gegen die Eltern, gegen die Arbeit, gegen die Gesellschaft – und schließlich gegen die ganze Welt. Aels Widerstand besteht darin, zu Hause zu bleiben. Seit dreizehn Jahren hat der junge Mann sein Zimmer so gut wie gar nicht mehr verlassen. Seither verbringt er sein Leben in einer Holzhütte im Garten seines Elternhauses. Nur dort fühlt er sich sicher.

Dauerhaft eingekapselt

Hikikomori nennt man jemanden, der sich dauerhaft einkapselt. Das Phänomen kennt man vor allem in Japan, wo es mehr als eine Million Menschen betrifft, größtenteils Männer. Es sind aber auch diverse Fälle aus Europa bekannt. Das Künstlerduo Fleuryfontaine hat einen Hikikomori in Frankreich aufgespürt und mit ihm – auf eine indirekte – Weise kommuniziert. So entstand ein Video mit dem Titel „I would prefer not to“ , das derzeit im Frankfurter Kunstverein ausgestellt ist. Dass man es vorläufig nicht sehen kann, weil der Kunstverein geschlossen hat und man selbst zu Hause bleiben soll, erscheint wie eine seltsame Ironie des Schicksals. „How to Make a Paradise“ heißt die Schau, die sich mit „Sehnsucht und Abhängigkeit in generierten Welten“ beschäftigt und vor allem von Menschen handelt, die ihre Freiheit im virtuellen Raum suchen. Frappierend, wie dieses Thema gerade jetzt in unsere Zeit passt.

Aber zurück zu den Hikikomori, denen es vermutlich eher suspekt erscheint, dass sie derzeit eine Art Vorbildcharakter haben. Schließlich wollen sie mit der Gesellschaft so wenig wie möglich zu tun haben, sei es, weil sie sich schlichtweg von den Anforderungen des alltäglichen Lebens überfordert fühlen, sei es aufgrund eines Traumas. Ael geht allenfalls raus, um sich Zigaretten zu besorgen oder wenn er zum Arzt muss, erzählt er, ansonsten bleibe er in seinem Kokon. Und während viele von uns bereits nach wenigen Wochen Kontaktsperre kurz vor dem Lagerkoller stehen, weil sie so viel Zeit in ihrer eigenen Wohnung zubringen müssen, wollen Hikikomori gar keinen persönlichen Kontakt. Andere Menschen bedeuten für sie Stress, Erwartungsdruck, Versagensangst. Die Welt da draußen ist für Hikikomori eine einzige große Bedrohung.

Kontakte nach draußen führen bei Ael über den Computer. Er schaut Anime, chattet, spielt Spiele. Die Kommunikation mit Fleuryfontaine, einem französischen Duo, das aus Galdric Fleury und Antoine Fontaine besteht, verlief ebenfalls über diesen Umweg. Aus dem, was Ael den Künstlern über seine Welt erzählt hat, haben die beiden eine computergenerierte Umgebung konstruiert, wie man sie aus Videospielen kennt. Das Setting wirkt zunächst noch sehr diffus, hell und neblig, erscheint dann jedoch, durch die Reaktionen und Erläuterungen Aels, die man als Zuschauer unmittelbar miterlebt, immer konkreter: ein Schreibtisch mit vier Bildschirmen und Aschenbecher, eine Klimaanlage, ein Hängeregal, ein Bett – alles auf kleinstem Raum.

Für Ael bedeutet dieser Raum keine Einschränkung, sondern ein Schutz. Zugleich ist er der Ort, der seinen Zustand zementiert. Je länger seine Isolation dauert, desto unwahrscheinlicher erscheint es, dass Ael aus seiner selbst gewählten Quarantäne wieder hinaus findet. Warum Ael ist, wie er ist? Wir erfahren, dass er Medikamente nimmt, die ihn „völlig fertig“ machen. Dass er über den Sinn des Lebens nachdenkt. Mehr erfahren wir nicht. Tatsächlich sind die Gründe dafür, dass Menschen sich einigeln, nicht allein bei den Individuen zu suchen. Dass das Problem – vor allem in Japan – ein strukturelles ist, verrät die hohe Anzahl der Betroffenen. Ob das Corona-Virus und die damit verbundenen Maßnahmen die Zahl jener erhöht, die an Angststörungen leiden, wird sich zeigen, ist aber durchaus anzunehmen.

Das Video endet mit einem nächtlichen Ausflugsversuch Aels, den dieser mit seinem Smartphone filmt. Er läuft über eine menschenleere Straße, ein Stück Rasen. Weiter kommt er nicht.

Frankfurter Kunstverein:bis 16. August, derzeit geschlossen. www.fkv.de

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