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Hortensia Mi Kafchin: „Self“, 2020.

Kunst

Hortensia Mi Kafchin: Malend auf dem Weg zu sich selber

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Die rumänische Künstlerin Hortensia Mi Kafchin setzt ihre Umwandlung vom Mann zur Frau ins Bild.

Fünf Tage lang stand sie auf der Leiter vor der riesigen weißen Wand in der Berliner Galerie Judin. Ein paar hundert Kohlestifte hat sie verbraucht für diese autobiografischen Episoden, Fragmente, kryptischen Zeichen. Etliche Spiegel sind dabei.

Jetzt ist sie Hortensia Mi Kafchin, eine junge Frau mit krausem, im Nacken zusammengesteckten Haar. Den Mann, der sie einst war – Mihut Boscu Kafchin aus dem rumänischen Galati – hat sie in ihrem anderen Leben gelassen. Das endete vor fünf Jahren.

Da begann eine neues, sie war noch keine 30, aber der Entschluss stand fest, unumkehrbar mit aller Konsequenz. Sie hatte schon mit fünf Jahren gemerkt, dass sie sich als Junge nicht wohlfühlte in ihrer Haut, lieber Mädchensachen machte. Sie erzählt, sie habe während der Pubertät in einem Karussell verstörender Gefühle gesteckt, sich aber immer angepasst an die traditionelle rumänische Gesellschaft. Aber sie hat schon seit damals manisch gezeichnet und gemalt, das gab ihr etwas Balance.

„Ich las Dostojewski, die griechischen Mythologien, alles über den Tod – aber meine Rolle als Kerl war gespielt“, sagt sie. Eine Geschlechtsumwandlung war damals unvorstellbar. „Es ging mir immer schlechter, jeder Haarwuchs an meinem Körper brachte mich zur Verzweiflung, zum Selbsthass.“ Auch beim Kunststudium an der Akademie im Siebenbürgischen Cluj-Napola, unter vielen „schrägen Künstlervögeln“. „Ich trug Bart, versuchte es mit Frauen, aber ich wurde immer unglücklicher – denn ich war immer nur die allerbeste Freundin meiner damaligen Girlfriends.“ Sie fühlte sich immer einsamer. Die rumänische Gesellschaft habe sie wie gelähmt. „Auch an der Kunstakademie waren die Strukturen patriarchalisch, nur die Eltern und einige Freundinnen wussten, was los ist mit mir und stehen mir bis heute bei.“

Vor fünf Jahren begann das neue Kapitel. Sie wollte nicht mehr länger im falschen Körper leben, ging zum Therapeuten. Und danach ins Atelier: malen, malen, malen. „Die Kunst ist ein Vehikel, um dem Herr zu werden, was in einem tobt, um das verstörende emotionale Chaos zu zeigen und Klärung zu suchen. Malen ist eine Möglichkeit, den Rumor des Hirns und des Herzens zu Farbe und Form werden zu lassen.“

Der Berliner Galerist Juerg Judin entdeckte diese kaleidoskopischen, collagehaften Motive, Hybride aus Kunstgeschichte und Popkultur. Kafchin zog 2015 nach Berlin, hier lässt sie sich auf eigene Kosten behandeln, Schritt für Schritt, mit langen Pausen, wird sie die, die sie sein möchte. Hier sagt keiner verächtlich „Transe“. In Berlin ist sie Hortensia.

Ihre emotionale Achterbahnfahrt machte sie bildhaft in metaphorischen, surrealen Motiven. Die Nebenwirkungen der Hormone und ersten Operationen gerinnen zu rätselhaften Motiven: Albträume, Ängste, anderen und sich selbst nicht zu genügen, ausgegrenzt zu werden. „Mein schlimmster Feind bin ich selber“, sagt sie. Aber das Malen, diese Bildwelten aus virtuosem Handwerk und entgrenzten kunsthistorischen Referenzsystemen, sind die Rettung.

An den Galeriewänden hängt das Resümee der letzten Jahre. Höllen-Paradies-Labore, okkulte Hexenkessel mit Hightech-Mikroskop. In Rundkolben köcheln rote, grüne, gelbe Flüssigkeiten, baumeln Infusionsschläuche. Eine der Frankenstein’schen Szenen zeigt die rumänische Arztlegende Ana Aslan, die um 1970 angeblich ein Mittel gegen das Altern erfand. Von ihr ließen sich Marlene Dietrich, Salvador Dalí, Indira Gandhi, auch Mao Zedong behandeln.

„Es ist ein Glück, den Weg zu mir selber malen zu können, diese Allegorien, die Sehnsucht und die Verstörung, das Auf und Ab der Gefühle“, so Hortensia. Den Vornamen nahm sie sich von der rumänischen Dichterin Hortensia Papadat Bengescu (1876-1955). Deren Roman „Bachkonzert“ ist eine Geschichte über die Kraft der Musik, der Kunst an sich.

Ohne die Malerei, sagt Hortensia Mi Kafchin, wäre „meine zweite Jugend“ nicht gekommen. Im Kopf ist sie gereift, in der Malerei ebenso. Selbstbewusst stellt sie im jüngsten Gemälde ein Regenbogenpferd und den Wagenlenker Hierocles im Circus Maximus dar, einen Sklaven, in den sich der römische Kaiser Elagabalus verliebte. „Vermutlich war er die erste Transgender-Person, die einen Staat lenkte“, so Kafchin und setzt ironisch hinzu, ihr Körper sei – nach Hormonen und ersten OPs – wie der einer 14-Jährigen in der Pubertät. Aber diesmal sind es andere, bewusstere Amplituden und Fragen „Wie wohl die anderen mich sehen?“

Also deshalb die vielen Spiegel auf den Bildern, Symbole der Sehnsucht nach Vervollkommnung! Aber sie weiß auch, „wenn der lange Weg zu Ende ist, ist nichts vollkommen“.

Galerie Judin,Berlin: bis 11. April. www.galeriejudin.com

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