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Nadja Bournonville, "Onus Probandi".

Fotografie-Forum

In der Honigfalle der Bilder

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Das Fotografie Forum Frankfurt zeigt die vielfach trickreichen und verfremdeten Arbeiten dreier Stipendiaten.

Was bei Lilly Lulay von der Fotografie übrig bleibt: ein zartes Geflecht mit reichlich Durchblick. Wobei der Durchblick – aktuell im und auf den Ausstellungsraum des Fotografie Forums Frankfurt – konkurriert mit dem Draufblick, der seinerseits Rätsel aufgibt: Schaut da eine junge Frau auf die Betrachterin, ist das Umrisshafte da ein junger Mann im einem Trench, handelt es sich bei dem durchlöcherten Mann mit Hut tatsächlich um Joseph Beuys, warum ist hier, ganz klein, ein Eichhörnchen zu erkennen und dort eine Fernbedienung?

Das Fotogafie Forum Frankfurt (FFF) stellt derzeit und noch bis zum 10. Februar drei Stipendiaten vor, die für das im vergangenen Jahr ins Leben gerufene „Recommended Olympus Fellowship“ ausgewählt wurden. Beteiligt sind daran das Fotoforum, das Haus der Photographie in Hamburg und das Foam Fotografiemuseum Amsterdam – aus diesen Häusern heraus werden die drei Stipendiaten auch betreut. Bei der Frankfurterin Lilly Lulay, die an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und der Ècole des Beaux-Arts de Bordeaux studierte, war das Celina Lunsford, künstlerische Leiterin des FFF.

„Our Writing Tools Take Part in the Forming of Our Thoughts“, unser Schreibwerkzeug beeinflusst die Entstehung unserer Gedanken, nennt Lilly Lulay ihre Serie von mittels eines Lasercutters entstandenen filigranen Arbeiten, die irgendwo zwischen Scherenschnitt, Schaltkreis, Gehirnwindung liegen. Sicherlich funktioniert das Gedächtnis ähnlich; ähnlich bruchstückhaft, andeutungsweise, überraschend in seinen Auslassungen oder auch gleichsam in Farbe aufscheinenden Gewissheiten.

In einer weiteren Serie nimmt die 1985 geborene Frankfurterin die englische Redewendung „How to Get In Touch“ zum Teil auch wörtlich, indem sie Fotografien – zum Beispiel einen Kaktus, eine alte Karte des amerikanischen Kontinents – auf hauchfeine Stoffe druckt und diese in Installationen aushängt, indem sie Porzellan bedruckt, Abdrücke aus Modelliermasse herstellt, sogenannte Papierabzüge von Fotografien zerknüllt und auslegt. Oder indem sie auf einem Bild die ein Handy haltenden Hände groß in den Mittelpunkt stellt: Auch was für den virtuellen Raum gedacht ist, benötigt zunächst den haptischen Zugriff, den Einsatz der Finger.

Die Schwedin Nadja Bournonville, Jahrgang 1983, die in Glasgow und Leipzig studierte, hat ihre Serie von Arbeiten „Intercepted“, abgefangen, genannt. Sie hat dafür ausführlich in ihrer eigenen Familiengeschichte recherchiert, denn „abgefangen“ wurde im Ersten Weltkrieg die Tante ihrer Großmutter, die sich entschieden hatte, für die Deutschen zu spionieren. Bereits nach zwei Wochen wurde sie enttarnt und verhaftet. Nadja Bournonville sieht sich mit ihrer Verwandten nicht nur familiär, sondern auch durch ihre Tätigkeit verbunden: „Eine Fotografin ist immer auch eine Zeugin, eine Spionin und Erzeugerin alternativer Realitäten“, so hat sie im Rahmen ihres von Ingo Taubhorn, Kurator am Haus der Photographie, betreuten Stipendiums ihr Anliegen formuliert.

Auch sie zeigt nun im Fotografie Forum rätselhafte, hinterlistige, oft umfangreich bearbeitete Bilder. Ein großes, schwarzweißes Ohr etwa („Careless Talk“), einen toten Nachtschmetterling, der keinen Kopf mehr zu haben, aber trotzdem starten zu wollen scheint („Flight to Light“), eine Ansammlung kleiner Kartoffeln, unterschiedlich eingefärbt („Potato Diet“). „Onus Probandi“ zeigt, vielleicht, die Möchtegern-Spionin vier Mal im Profil, immer mehr ist das Gesicht mit Farbe bedeckt, immer unkenntlicher wird es („Everything Here Seems to Vanish“).

Eine von der Decke zum Boden reichende Papierbahn ist dicht mit krakeliger Mini-Schrift bedeckt. Eine Frau tanzt mit einem Skelett auf ominös blutrotem Grund. „Honey-Trap“, Honigfalle, wird eine Agentin genannt, die mit Verführung arbeitet, Nadja Bournonville zeigt auf dem so betitelten Bild nicht ohne Ironie eine Imkerin mit einem Smoker, einem Räuchergerät. Die Fotokünstlerin denkt gern um die Ecke und animiert den Betrachter ebenfalls dazu.

Der 1982 geborene Österreicher Thomas Albdorf, er studierte in Wien, ist der dritte recommended-Stipendiat. Auch er fotografiert nicht einfach, sondern trickst und täuscht, nutzt frei zugängliche Bilder aus dem Internet, zudem Photoshop. „We Went to a Crater“ zum Beispiel: Von fern könnte man glauben, aus einem Felsenkrater – am Meer? – dampft es heiß oder spritzt die Gischt, von nah sieht man, dass das poröse Material auf dem Bild keinesfalls natürlich entstanden ist, es wirkt wie Metallgeflecht.

Auch Software zur automatischen Bilderzeugung sowie -erkennung kommt zum Einsatz in Installationen, in denen zum Beispiel Vasen ihre Gestalt schnell und fließend verändern, in denen das Abgebildete also fürs Auge nicht mehr recht fassbar wird, da es sich immer in einem Durchgangsstadium zu befinden scheint. Dabei entscheidet sich Thomas Albdorf für Alltagsgegenstände und Kunsthandwerk, kleine Statuen, wie sie an Touristen verkauft werden, Kristallvasen, vergoldete Pokale. „Very Beautiful Stuff at the Local Giftshop“, sehr schönes Zeug im örtlichen Andenkenladen, lautet der Titel, oder: „The Flawed Ones Were Cheaper“, mit Fehler waren sie billiger.

Genügt sich Fotografie heute selbst?, so lautete eine Fragestellung an diesen ersten Stipendiaten-Jahrgang. Bei den drei ausgewählten Fotokünstlern tut sie das ganz offensichtlich nicht mehr. Die Realität wird mittels eines Spiels mit Klischees auf die Spitze getrieben, sie wird hinterfragt oder zum geheimnisvollen Zeichen. Einerseits fordert diese Ausstellung den genauen, konzentrierten Blick, andererseits stößt sie uns darauf, wie unbedacht wir die Bilderfülle unserer Welt hinnehmen und abhaken.

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