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Johann Erdmann Hummel: „Das Schleifen der Granitschale“ für den Berliner Lustgarten, 1831, Öl auf Pappe. Foto: Jörg P. Anders/SMB, Nationalgalerie
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Johann Erdmann Hummel: „Das Schleifen der Granitschale“ für den Berliner Lustgarten, 1831, Öl auf Pappe.

Berliner Biedermeier

Hofmaler Hummel in der Alten Nationalgalerie Berlin: Ein Fanatiker der Perspektive und des Lichts

  • VonIngeborg Ruthe
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Die Alte Nationalgalerie Berlin nimmt erneut Anlauf, dem preußischen Biedermeier-Maler Johann Erdmann Hummel gerecht zu werden.

Spieglein, Spieglein ... Auf der polierten Außenhaut der riesigen Granitschale im Lustgarten tanzen die Strahlen der geizig gewordenen Herbstsonne. Die Wasserspiele und die Umrisse des nahen Doms spiegeln sich. Das vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. in Auftrag gegebene, die Naturphänomene Licht und Schatten einfangende 75-Tonnen-Gefäß entwarf Johann Erdmann Hummel, Professor an der Berliner Kunstakademie. Hof-Steinmetz Cantian schnitt es aus einem einzigen Steinbrocken, und 1831 wurde es vor Schinkels Altes Museum gesetzt.

Das einer Taufschale gleichende Monument ist als „Biedermeierweltwunder“ bezeichnet worden. Die Reflektionen des Lichtes hatte Hummel auf seinen Gemälden akribisch vorgegeben. Diesen Licht-Phänomenen ist jetzt in der Alten Nationalgalerie der erste Raum einer Schau über Johann Erdmann Hummel (1769–1852) gewidmet. In dieser führt der Maler uns zugleich die ingenieurtechnische Leistung samt Schleifen und Polieren der gigantischen Schale vor Augen. Hauptthema ist allerdings sein avantgardistischer Fanatismus der Reflexion.

Hummel-Forscherin Birgit Verwiebe hat diese Schau mit 45 Gemälden und 50 Zeichnungen, mit Werken aus der Nationalgalerie und Leihgaben aus Kassel, Erfurt, Hannover, München und Köln kuratiert. Gelungen ist ihr damit die mittlerweile dritte Wiederentdeckung des Malers, der seinerzeit den respektvollen Spitznamen „Perspektiv-Hummel“ bekam. Mit seinen magischen Spiegelungen und dem fast schon veristischen, also schneidend präzisen Porträt- und Detail-Stil war der aus Kassel stammende Wahlberliner seiner Zeit – dem nicht gerade als futuristisch bewerteten Biedermeier – weit voraus.

Zwei große Berliner Museumsmänner hatten das im Jahrhundert der Moderne früh erkannt: Hugo von Tschudi zeigte auf der Säkulums-Schau 1906 den Granitschalen-Zyklus. Zudem verwies er auf gewisse Verwandtschaften zu den Licht-Schatten-Spielen der Impressionisten und Ludwig Justi, auf den die „Schule des Sehens“ zurückgeht. Er entdeckte den Maler Hummel 1924 in einer Retrospektive als Vorreiter der kühnen Perspektiven und der Neuen Sachlichkeit, deren Hyper-Realität auch mit surrealen Elementen verbunden ist.

Johann Erdmann Hummel: „Die Schachpartie“ mit verschiedenen Spiegelungen und Schattenwürfen, um 1818/19.

Kein anderer Künstler seiner Zeit setzte optische Phänomene, Spiegelungen, räumliche Perspektiven und Beleuchtungs-Szenarien derart ins Bild. So werden wir einmal mehr mit der Nase auf die erhellende Tatsache gestoßen, dass Kunst aus Kunst kommt. Innovations-Absolutisten werden das möglicherweise zurückweisen. Keineswegs jedoch Olafur Eliasson. Der in Berlin lebende isländische Däne hat sich für seine Spiegelungen tief sowohl in die Kunst- als auch in die Wissenschafts-Geschichte versenkt. Damit fand er zu einer neuartigen Alchemie prismatischer Brechungen. Eine dieser Arbeiten hängt gegenüber Hummels Granitschalen-Zyklus – und verbindet einstige und heutige Sehweisen.

Im nächsten Raum schauen uns Hummels gestochen scharfe Bildnisse von Männern, Frauen, Kindern mit unverwandten Blicken an. Dazwischen hängen stilistisch frappierend wahlverwandte Porträts neusachlicher Maler wie Georg Schrimpf, Carlo Mense und Christian Schadt.

Der Biedermeier-Zeit weit voraus sind auch Hummels Figuren-Szenen. Sie gleichen Schattenrissen. Mitunter ließ er in Bildentwürfen Körperdetails ganz ohne Farbe, so dass der blanke Papiergrund den Anschein einer Collage hat. Frappierend sind seine beiden Varianten des Gemäldes „Schachpartie“, die in dieser Ausstellung erstmals nebeneinander zu sehen sind. Hummel lenkt die Aufmerksamkeit auf eine zentrale Männergruppe, die sich um einen Schachtisch gruppiert. Erst der umherschweifende Blick lässt dann auch andere Perspektiven auf die Szene und die Raumsituation zu, die in Spiegeln und Fenstern reflektiert, jeweils andere Ausschnitte sichtbar machen. Sie ermöglichen somit neue Eindrücke.

Und auch in Hummels Landschaften spielen Licht und Schatten eine aus der klassischen Tradition ausscherende Rolle. Etliche Motive mit Regenbogen um 1840 könnte man mit dem kühlen Pathos der Komposition und der Lichtverhältnisse „neusachlich“ nennen. Obwohl, dieser Begriff kam eigentlich erst nach 1920 auf, zusammen mit dem „Neuen Sehen“ in der Fotografie.

Alte Nationalgalerie, Museumsinsel Berlin: bis 20. Februar 2022. www.smb.museum/

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