1. Startseite
  2. Kultur
  3. Kunst

„Höllenschwarz und Sternenlicht“: Das Paradies lässt auf sich warten

Erstellt:

Von: Ingeborg Ruthe

Kommentare

Klaus Wrage: Blatt zu Purgatorio XV. Foto: Dr. Helgi u. Helga Wrage/SMB/Dietmar Katz
Klaus Wrage: Blatt zu Purgatorio XV. © Staatliche Museen zu Berlin - Kupferstichkabinett Fotograf: Dietmar Katz

„Höllenschwarz und Sternenlicht“: Dantes „Göttliche Komödie“ in Moderne und Gegenwart im Berliner Kupferstichkabinett.

Das Kupferstichkabinett in Berlin widmet Dante Alighieri und seiner „Göttlichen Komödie“ eine Sonderschau. Erzählt wird in Dantes Bestseller in drei Passagen einer Reise – Hölle (Inferno), Fegefeuer (Purgatorio), Paradies – eine Ewigkeitsgeschichte, die uns lehrt, dass Irren menschlich ist und die Komödie aus der Tragödie und die Tragödie aus der Komödie geboren wird. Und zwar immer wieder aufs Neue, seitdem der homo sapiens sich einbildet, die Krone der Schöpfung zu sein und in immer höherer Zivilisation zu leben.

1882 hatten sich Berlins Königliche Museen (seit 1918 Staatliche Museen) ein Pergament des Malers Botticelli angeschafft, eine Metallstift/Federzeichnung zu „Dante und Vergil im fünften Ring des Purgatoriums“, datiert auf 1492/1495. Auf dieses Blatt, auf dem Botticellis Linien nur palimpsestartig aufscheinen, bezieht sich die aktuelle Schau. Es geht darin ums Höllenschwarz und ums Sternenlicht – als Anspielung auf Dantes Jenseits-Trip. Und natürlich geht es in diesem Museum insbesondere um das alte Metier der Zeichnung und Druckgrafik.

Kurator Andreas Schalhorn lenkt den Blick bei dieser Zeitreise ins mystische Universum von Sünde, Verdammnis, Läuterung und Erlösung gleich im Zentrum der Schau auf Gegenwartskunst: auf die aus einzelnen Bildmodulen entwickelten Computer-Grafiken von Andreas Siekmann. Der Maler befasst sich seit Jahren mit der Ökonomisierung und Privatisierung des öffentlichen Stadtraums, hier explizit mit dem in Dresden nach der politischen Wende 1990.

Freiheit ist sein Thema. Aber diese Freiheit beginnt und endet auf den bunten Siekmann-Drucken in der „Hölle auf Erden“, beim Geld, das der eine hat und der andere nicht, was den einen das Leben gut leben lässt und dem anderen das Lebensnotwendigste nimmt. Darum nennt der Künstler seine Passagen durch die kapitalistische Unterwelt auch beredt „Die Exklusive. Zur Politik des ausgeschlossenen Vierten“. Dazu gehören etwa kühn gestapelte Schiffscontainer auf den Weltmeeren, Traumschiffe und Luxusautos. Oder ein buntes Karussell (Siekmann-Werk auf der Documenta 12), als Symbol der kolonialen Bildpolitik.

Um diesen Bild-Diskurs herum gibt es eine spannende künstlerische Auseinandersetzung seit Anbruch der Moderne. Da korrespondieren mit Dantes literarischer Hölle-Himmel-Exkursion die stilistisch disparaten Zeichnungen und Grafiken von Symbolisten wie Odilon Redon, Böcklin, von Bildhauern wie Lehmbruck und Thorwaldsen. Erstaunlich, welch ein Füllhorn die Sammlung des Kupferstichkabinetts zu Dantes mächtigem Werk bieten kann.

Zum ersten Mal sehe ich die Blätter der dänischen Grafikerin Ebba Holm (1889-1967). Von ihr besitzt das Kupferstichkabinett starke Illustrationen zur „Göttlichen Komödie“. Holm hatte in den 20er Jahren an der italienischen Gravurzeitschrift Xilografia mitgewirkt, in der die alte Holzschnittkunst, wie schon zuvor bei den Brücke-Expressionisten, eine Renaissance erlebte.

Ebba Holms Dante-Interpretationen zu Glaube und Aberglaube, mal in kontrasthartem Schwarz-Weiß-, mal im virtuosen Mehrfarbendruck, zeigen statuarische Figuren und aus klaren Linien und Flächen entwickelte Landschaften. Die Motive, so die „Himmelsleiter im Saturnhimmel und auch die „Himmelsrose“, changieren zwischen Sachlichkeit und Eleganz, während Szenen wie „Dante verirrt sich im Wald“ durch die zackenförmigen Bäume und Äste ins Bizarre gehen, was auch auf das alles verschlingende „Höllentor“ zutrifft. Das tragische Liebespaar Paolo und Francesca hingegen sucht vor seinem Mörder Schutz in einer zur Arabeske geformten Welle. Und im „Wald der Selbstmörder“ fressen sich die grellweiß gedruckten Flammen gleichsam durchs Papier.

Auch nicht besonders bekannt: die grandiosen Drucke des Holsteiners Klaus Wrage (1891-1984). Er gilt als der Erneuerer des Holzschnitts. Seine „Beatrice im irdischen Paradies“ gleicht einer der antiken Sibyllen (Prophetinnen), wie Michelangelo sie seinem Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle als Orakel hineingemalt hat. Meisterhaft widmete Wrage sich Dantes „100 Gesängen“, mal in symbolistischer Verzückung, mal als expressive Formenexplosion.

Und dann sieht Dante, der zuvor noch dem Teufel begegnet war, eine futuristische Himmelsleiter. Sie führt ins Paradies, und Wrage zeichnete den Dichter, erblindend im überhellen paradiesischen Licht.

All die künstlerisch umgesetzten Passagen sind so reich an Metaphorik, dass es ein Fest für Freundinnen und Freunde der Grafik ist. Und ein saalfüllender sinnlicher Bilderbogen, um in Dantes Sphären zu tauchen, zum Kennenlernen oder Wiedertreffen.

Kupferstichkabinett Berlin, Kulturforum: bis 8. Mai. smb.museum/

Ebba Holm: Blatt zu Inferno I. Foto: smb, Kupferstichkabinett/Dietmar Katz
Ebba Holm: Blatt zu Inferno I. © Staatliche Museen zu Berlin - Kupferstichkabinett Fotograf: Dietmar Katz

Auch interessant

Kommentare