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Nofretete, 2014.
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Nofretete, 2014.

Isa Genzken

In den Höllengarten der Lüste

  • VonIngeborg Ruthe
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Was ist Schönheit? Isa Genzken breitet im Berliner Gropius-Bau ihren knallhart glitzernden Bilderkosmos aus.

Sie will das. Sie muss das. Sie darf das. Isa Genzken, Deutschlands derzeit eigensinnigste, abenteuerlichste, innovativste, damit aber wohl auch erfolgreichste Künstlerin, vergreift sich dreist an der Stadtheiligen von Berlin. Ausgerechnet an der gipsernen, vor 3000 Jahren berückend bemalten Inkarnation des Schönheitsbegriffes schlechthin.

Nofretete, was aus dem Altägyptischen übersetzt heißt: Die Schöne ist gekommen, mit Panzerglas und Hightech-Alarm gesicherter Superstar der Berliner Museumsinsel, steht in einem Saal des Gropius-Baus als multiple Reihe, wohl nach dem Motto „Sieben auf einen Streich“. Hölzerne Sockel, Sonnenbrille, Skibrille, kaputte Brille, so dass die angebetete Amarna-Pharaonin einäugig dreinschaut. Absolute Schönheit? Was ist das? – scheint diese Installation aus perfekten Kopien – gefertigt in der Gipsformerei der Staatlichen Museen – ketzerisch zu fragen. Und die Antwort könnte lauten: Eine Chimäre, ein Mythos, ein Schein, eine Illusion. Weil doch irgendwann alles Irdische, Materielle dem Verfall anheimfällt, ihm preisgegeben ist.

Das ironisch-verwirrende Subjekt-Objekt-Spiel zwischen Kunstwerk und Betrachter nimmt also seinen Lauf. Und die Irritation steigert sich in einem nächsten Saal. Hier macht Genzken aus der Kunstgeschichte eine Art Ramschladen: Fotos von Mittelalter-Gemälden, Altären, Heiligen und Leonardos Mona Lisa liegen zwischen mit bunten Aquariums-Bildchen und Glitzerfolie bezogenen Türmen sowie unter Glas auf dem Museumsboden. Nofretete verpasst die Künstlerin knallroten Lippenstift. Atemmasken und bunte Perücken, eine gar in patriotischem Schwarz-Rot-Gold – als müsse die Königin gleich zum einem Spiel von Jogi Löws Nationalmannschaft.

„Ich wollte schon immer den Mut haben, total verrückte, unmögliche und auch falsche Dinge zu tun“, so kündigte Genzken, Jahrgang 1948, einstige Schülerin und (von 1982-1993) Ehefrau des heute unumschränkten Malerstars Gerhard Richter schon 1994 ihre erfindungsreiche Karriere an. Das war nach ihrer ersten Documenta-Teilnahme 1992, danach warben die großen Biennalen- und Weltausstellungen um sie, 2007 bespielte sie in Venedig den deutschen Pavillon.

Ihre Werkschau „Mach dich hüsch!“, die im Stedelijk Amsterdam konzipiert wurde, breitet nun und erstmals in Berlin das ganze rückhaltlos unbequeme, nicht lukullische und sich immer wieder neu erfindende Bilderuniversum der Rastlosen aus: Sie macht Installationen, Montagen, Collagen, malt, filmt, fotografiert. Vor allem aber denkt, fühlt, formt sie kontrastierend bildhauerisch – in Maßstäben, im Volumen, in den Verhältnissen der Formen zueinander.

Genzken verzichtet bei ihrem Berliner Auftritt auf Chronologie, vielmehr ist der halbe Umlauf um den Lichthof herum gebaut wie eine Montage. So werden von den achtziger Jahren bis heute Kontinuitäten, Verbindungen, ebenso Brüche sichtbar. Da sind zum einen die vielen Anspielungen, ironisch-lustvolle Kommentare zur sexuellen Identität wie die aus lauter Haushaltsgerätschaften gebauten, mit schrillen Farben besprühten Gebilde namens „Schwules Baby“. Oder die lasziven, travestieartigen und nuttigen Schaufensterpuppen und die deutlich als gefährdet und schutzbedürftig ausgewiesenen halbnackten Kinder-Puppen aus der Werkgruppe „Schauspieler“.

Auf Flugzeugfenster malte Genzken absurde Heiligenbilder und Züge der Mona Lisa. Oder sie klebt darauf ein Selbstporträt und eines ihres Ex-Lehrers und Ex-Gatten Gerhard Richter. Das eigene Skelett als Röntgenaufnahmen widmet sie dem Dada-Surrealisten Man Ray.

Was also ist hübsch? Schön? Was ist wahr und was nur Schein? Die Antwort überlässt Genzken dem Publikum. Es ist, als sei sie von ihrer frühen Leidenschaft für die minimalistische Strenge der Bauhaus-Ästhetik geradewegs in einen trash-kulturellen Höllengarten der Lüste geraten, vor 500 Jahren schon von Hieronymus Bosch kreiert. Erinnern frühe abstrahierte Gips- und Betonmodelle, die Genzken auf hohe Stahlgestelle stellt, noch an Architekturabgüsse von Rachel Whiteread, so bricht sich in späteren Jahren eine fast obsessive Vorliebe für Abfall-, Klamotten, Deko-Materialien und spiegelnde oder holografische Klebefolien Bahn. Für die „New Buildings for Berlin“ nahm sie strukturierte Farbglasscheiben, in der Serie „Fuck the Bauhaus“ bringt sie buntes Plexiglas, Krimskrams, Blumenfotos, leere Pizzakartons zum Einsatz.

Man darf das alles, woraus diese Frau ihren knallhart glitzernden Bilderkosmos baut, formt, montiert und drapiert, sehr wohl überaus privat nennen, die eigene Biografie als starke Quelle benennen, aus der sie sich nährt und sich ästhetisch ins schier Unmögliche dehnt. Überdeutlich ist Genzkens Affinität zur Großstadtkultur, zum Verhältnis Fenster und Fassade, konkret in New York, wo sie lange lebte, und in Berlin, wo sie heute zu Hause ist. Auch zu Architektur- und Designentwürfen der Bauhauszeit wie des Minimalismus der sechziger Jahre. Fast schneidet man sich optisch an ihren aus Metall, Spiegel-und Farbglas gepuzzelten Fassadenbildern, doppeldeutig „Soziale Fassaden“ genannt. Abrupte Lichtreflexionen machen die Arbeiten zu dreidimensionalen, überwirklichen Bühnen, die sich öffnen und verschließen.

Und für den Wettbewerb um eine neue Bebauung des Ground Zero, als „Memorial“ für den unfassbaren New Yorker Terroranschlag vom 11. September 2001, entwarf sie ein mit Papierblumen verziertes Ensemble von Tower, Parkhaus, Shopping-Mall, Kirche und Disco. Das Gedenken nimmt eine unerwartete, krasse Wendung. Typisch Genzken, denn abermals geht es ihr wohl in dieser antipathetischen, kreischig-trashigen, provisorischen Ästhetik auch um Konsumkritik, um die fatalen Strukturen des Kapitalismus. Und die sind manchmal auch nur betongrau, wie die Skulpturengruppe „Weltempfänger“, lauter mit steilen Antennen versehene Betonklötze. In einer solchen Architektur, das macht Genzken deutlich, möchte man nicht tot überm Zaun hängen.

Martin-Gropius-Bau, Berlin: bis 26. Juni. Das Künstlerbuch, herausgekommen bei der Buchhandlung Walther König, kostet 49,80 Euro.

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