Max Beckmann: Selbstbildnis in der Bar, 1942.
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Max Beckmann: Selbstbildnis in der Bar, 1942.

Max Beckmann

Hitlers bestgehasster Maler

  • vonIngeborg Ruthe
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Die Staatlichen Museen zu Berlin erhalten Gemälde und Grafiken Max Beckmanns ? aus dem Nachlass des NS-Kunsthändlers Göpel.

Melancholie pur. Schwarz die Konturen, dunkel die Verschattung, tiefe Augenringe, ungesund fleckende Haut, die Hand an der Wange, der Arm schwer aufgestützt. Selbst die unvermeidliche Zigarre bietet einen traurigen Anblick; sie glüht nicht mal mehr. Und links, wie metaphorisch, ein Eisengitter.

Max Beckmanns depressives „Selbstbildnis in der Bar“ von 1942 füllt seit dem gestrigen Tag eine schmerzhafte Lücke im Bilderbestand der Nationalgalerie. Das Geschenk der letztes Jahr im hohen Alter in München verstorbenen Beckmann-Forscherin und Verfasserin des Werkverzeichnisses, Barbara Göpel, ersetzt, was die Berliner Sammlung 1937 durch die NS-Aktion „Entartete Kunst“ verloren hatte: Beckmanns „Selbstbildnis im Smoking“ von 1927, dieses großartige, in der Attitüde eines Weltmannes, des jede Fremdbestimmung ablehnenden Künstlergenius. Das Porträt war beschlagnahmt und dann privat in die USA verkauft worden. Es gehört heute dem Busch-Reisinger Museum der Universität Cambridge. Ganz legal.

Gerade aber mit dem erwähnten „Ersatzbildnis“ erfüllte sich mit dem gestrigen Tag ein Vermächtnis. Barbara Göpel, Witwe des schon 1966 verstorbenen Beckmann-Sammlers und Kunstexperten Erhard Göpel, hatte verfügt, dass nicht etwa die Museen in München, wo das Paar lebte, sondern das Kupferstichkabinett und die Nationalgalerie Berlin ein bedeutendes Konvolut aus zwei Gemälden, 46 Zeichnungen und 52 Grafiken von Max Beckmann sowie extra noch ein Landschaftsbild des ebenfalls in der NS-Zeit „Entarteten“ Hans Purrmann erhalten sollten. 

Purrmann galt den Nazis als „Französling“. Einzige – postume – Auflage der Spenderin: Es solle in Berlin eine Ausstellung der gesamten Schenkung geben, eine, die die ganze Geschichte erzählen müsse, auch von der Ambivalenz der Angelegenheit: von der NS-Verstrickung ihres Mannes, des Sammlers und engen Beckmann-Freundes und -Sammlers Erhard Göpel, der von 1942 bis 1945 dem Beschaffungsteam für das „Führermuseum“ Linz angehörte, bei dieser Gelegenheit aber 90 jüdischen Restauratoren, Rahmenmachern und anderen Handwerkern Schutz vor der Deportation verschaffte. In der „Süddeutschen Zeitung“ freilich wurde von zwei Kunsthistorikern diese Auslegung angezweifelt. Die Kunstbeauftragten für das „Führermuseum“ Linz hätten, so heißt es, alle Druckmittel besessen.

Nun ist das Wirken Göpels noch keineswegs gänzlich erforscht. Bekannt ist, dass   Barbara Göpel, die den 16 Jahre älteren Mann in den 1950er Jahren traf und heiratete, sich vornehmlich der Beckmann-Forschung gewidmet hat. Das „Bildnis Erhard Göpel“ von 1944 belegt unübersehbar, wie nahe sich Max Beckmann, Emigrant in Amsterdam, und der damals in der holländischen Stadt für das „Tausendjährige Reich“ aktive „Kunstaufkäufer“ und gleichzeitige Privatsammler waren. Und das, wo Max Beckmann doch Hitlers bestgehasster deutscher Maler war, wie es der in NS-Diensten stehende Göpel gewusst haben muss – jedoch wider besseren Wissens mit dem „Entarteten“ verkehrte.

Gerade das Bildnis Erhard Göpels gilt nun als Beleg dafür, dass es in der Zeit des Nationalsozialismus nicht nur Schwarz und Weiß, sondern zahllose Graustufen gab. Beckmann malte den damals 38-Jährigen im blauen Anzug, massig, die Beine lässig übereinandergeschlagen, die Lektüre hat er unterbrochen. Es ist das Bildnis eines Vertrauten, eines Freundes, nicht das eines willfährigen Nazi-Lakaien. 

Der Fall des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt hat in den letzten Jahren das Augenmerk auf das Opfer-Täter-Verhältnis gelenkt. Angestoßen wurde die Debatte bereits durch die Washingtoner Verträge, fortgeführt durch Task Forces und Forschergruppen mit Blick auf NS-Raubkunstverdacht. Für Max Beckmann war Göpel ein Mann der Kunst, dessen „Sonderauftrag Linz“ hatte der aus Hitlerdeutschland geflohene Maler nicht einmal in seinen Aufzeichnungen thematisiert. Auch die in den Jahren 1900-1947 entstandenen Beckmann-Zeichnungen – darunter Szenen von Beckmanns Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg und Porträts des Künstlers, seiner zweiten Frau Quappi oder des Kunsthändlers Gottlieb Friedrich Reber – belegen die geschulte Sammlerhand Göpels. 

Die Handzeichnungen und viele Probedrucke sind zumeist Vorstudien bekannter Beckmann-Gemälde. Barbara Göpel hatte die Grafiken bereits in den 1990er Jahren dem Kupferstichkabinett als Leihgaben zur Verfügung gestellt. Wissenswert bei den Kaltnadelradierungen ist, dass Beckmann dafür einen besonders harten Diamanten benutzte, keine übliche Metallnadel. Das Kupferstichkabinett schätzt sich nunmehr glücklich, zu den bislang lediglich sechs Handzeichnungen von Beckmann 46 dazubekommen zu haben. Damit zählt die Sammlung mit einem Mal zu jenen wenigen Museen der Welt, die ein solches gewichtige Beckmann-Konvolut an Papierarbeiten aufbieten können. Und die Nationalgalerie besitzt nunmehr 13 Gemälde von Beckmann.

Bislang ergab die eingehende Prüfung des Zentralarchivs bei allen aus der Sammlung Göpel vermachten Werken keinen konkreten Verdacht auf Raubkunst; der Sammler hatte direkt bei Beckmann gekauft. Dennoch wollen die Staatlichen Museen eine lückenlose Provenienz-Klärung, gerade für Arbeiten auf Papier. Vermittelt hatte die Schenkung der Kunsthistoriker Eugen Blume, bis August 2016 Leiter des Museums Hamburger Bahnhofs. Er und Barbara Göpel waren seit den 1980er Jahren gut bekannt, als es in der Ostberliner Nationalgalerie die große Beckmann-Ausstellung gab, die Barbara Göpel mehrere Male besuchte. 

Am Dienstag konnten Medienvertreter die gesamte Schenkung in Augenschein nehmen. Im September wird das gesamte Konvolut in einer Sonderausstellung des Kupferstichkabinetts zu sehen sein. Unerlässlich, dass da auch die ambivalente Biografie Erhard Göpels Thema ist.

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