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Blick in die Tanguy-Ausstellung in Berlin.

Surrealismus

Hier räuchert einer mit Hexenkraut

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Der französische Surrealist Yves Tanguy in einer großen Ausstellung der Staatlichen Museen zu Berlin.

Je komplizierter schon damals die Welt wurde, desto mehr wirkte ein Stil der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts in die Kunst: der Surrealismus. In einer unwirklich und bedrohlich gewordenen Welt regiert meist die Über-Wirklichkeit.

Etwas Unwirkliches passiert zum Beispiel auf einem Gemälde von 1926. Der französische Maler Yves Tanguy, den ein unbekannter Fotograf um 1927 in einer drastisch-dadaistischen Nonsens-„Würgeaktion“ ablichtete, nannte das rätselhafte Landschaftsmotiv „Adieu“. Es ist der melancholische Abschiedsgruß der Franzosen, gebräuchlich auch in den meisten Regionen der Schweiz sowie vereinzelt in Süddeutschland und Österreich. Und, ganz nebenbei: auch „Tschüss“ hat seinen etymologischen Ursprung im Adieu.

Wir blicken wie aus leichter Untersicht auf eine unwirtliche, kahle Gegend, braungrau, rechts wabert es blauweißlich, wie aus einem Aschenbecher, über Sand oder Geröll. Vielleicht ist es ja die von Menschen schwer erreichbare Hochebene einer Kraterregion. Oder aber ein leerer wüster Strandstreifen. Links ragt ein schwärzlicher Kegel, einem riesigen Räucherstäbchen gleichend, in den dunkelblauen Abendhimmel. Das markante Gebilde ist umzingelt von grauen und schwarzen Rauchschwaden und kunstvoll quellenden, sich kringelndem Qualm. 

Halb am Boden, halb in der Luft ziehen sich lineare Spuren, fast wie Kondensstreifen eines Geschosses oder Flugkörpers. Selbiger schießt über die ferne dunkle Gebirgskette in den Himmel. Links oben im Bild sieht man einen Kegelberg, einen noch schlafenden Vulkankrater, der dem schwarzen Gebilde vorn im Bild beim Rumoren und Ausbrechen gelassen zuzugucken scheint. Die sich zwischen Berg und Kegelspitze über der Hügelkette erhebende menschliche Gestalt erscheint wie ein märchenhafter Riese, wie ein Theaterbesucher vor einem Naturschauspiel. Es könnte aber auch die Erinnerung des Malers an einen Menschen sein, dem er damit ein Denkmal schafft.

Alles ist möglich im Surrealismus und bei diesem Protagonisten des imaginierenden Stils, der ebenso subtil wie brutal aufzutreten wusste, so verwirrend wie suggestiv. Die geografische oder topografische Verortung bleibt rätselhaft in den Bildern Yves Tanguys, geboren 1900 in Paris, gestorben 1955 in der Emigration in Connecticut/USA, wegen der Okkupation Frankreichs durch Hitlers Wehrmacht. 

Ihm widmet die Berliner Nationalgalerie in der Sammlung Scharf-Gerstenberg jetzt eine tief ins Schaffen dieses Avantgarde-Malers lotende Grafik-Schau. Sie trägt den verlockenden, bildliche Abenteuer verheißenden Titel „Im Reich der Misteldruiden“. Die Mistel, das Hexenkraut, wuchert, brennt, raucht, räuchert förmlich durch Tanguys Werk. Mit matissehaftem Schalk lässt er sich ein auf die Mistelverehrung keltischer Druiden. Überliefert von dem Naturhistoriker Plinius dem Älteren. Bildlich gesprochen, war diese Überlieferung ein Fressen für Surrealisten wie Tanguy. Die Formensprache des Autodidakten – organisch gewölbte, gestraffte oder weich ausdehnende abstrakte Körper in einer endlos erscheinenden Welt – nimmt die weichen Gestalten Dalís vorweg, sie erinnern an die abstrakten Reliefs von Arp oder weisen voraus auf die amorphen Figurationen von Wols.

Um 1920 war, zuerst in Frankreich, der Surrealismus aufgekommen, zuvor schon in der Literatur, nun mit Macht in der Bildkunst. 20 Jahre zuvor hatte der Psychoanalytiker Sigmund Freud erkannt, dass Träume, Albträume, sich sehr wohl deuten lassen und dass man in freier Assoziation Schichten des Unterbewussten freilegen könne. Auf Künstler wie Tanguy, de Chirico, Magritte, Paul Delvaux, Max Ernst wirkte das mit Macht. Auf einmal eröffnet sich ein neuer Zugriff auf die Welt des Kreativen, wie ihn um 1860 herum der stark metaphorische und allegorische Symbolismus so nicht bieten konnte. 

Der Surrealismus beruhe auf dem Glauben „an höhere Realität bisher vernachlässigter Assoziationsformen, an die Allmacht der Fantasie, ans unvoreingenommene Spiel der Gedanken“, so formulierte der Wortführer der Bewegung, André Breton, im Jahr 1924 das surrealistische Manifest. 

Maler wie Tanguy ließen ihrer Fantasie freien Lauf, dies allerdings in einer eindringlichen, fast suggestiven, daher fast beklemmenden, beunruhigend metaphysischen Präzision. Als sollte den Motiven Wirklichkeit gegeben werden.

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