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Für eine Wiederverwertung sortierte Kleidung in Panipat, Fotografie von Tim Mitchell, 2005.

Fast Fashion in Berlin

Herstellung von Kleidung: Staublunge, Dürre, Tierquälerei

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Ist das x-te Shirt im Schrank den Preis wert, den Mensch, Tier und Umwelt dafür bezahlen? „Fast Fashion“, eine Ausstellung in Berlin über „Die Schattenseiten der Mode“.

Allein die Begegnung mit Reshma lohnt den Weg hinaus nach Dahlem. Die Inderin mit dem umwerfenden Lächeln arbeitet seit 15 Jahren in einer Fabrik in Panipat, in der Kleidung recycelt wird, die in Deutschland, Italien oder Frankreich im Altkleidercontainer landete. Kleidung recyceln klingt gut, ist aber wegen der Mischfasern, die meist verwendet werden, sehr schwierig. In Panipat entstehen aus allem nur Decken, bei denen es wohl nicht darauf ankommt, aus was sie sind. Aber das nur nebenbei.

Die Kleiderberge hier reichen bis unters Dach der Halle, jedes einzelne Stück nehmen die Arbeiter in die Hand. Es gibt Frauen und Männer, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als Knöpfe oder Reißverschlüsse zu entfernen. Oder die alles nach Farben sortieren, die Maschinen beladen, die Kleidung in kleine Fetzen reißen, aus denen ein Faden gesponnen werden kann. Und bei dieser Arbeit entsteht ein Bild. Ein Bild von den Menschen in Deutschland, Italien, Frankreich oder den USA, die diesen unendlichen Kleiderstrom ausstoßen.

Am wahrscheinlichsten erscheint Reshma und ihren Kollegen die Erklärung, dass dort das Wasser knapp ist und deshalb sehr teuer. Haben die Leute dort ein Kleid, eine Hose, eine Jacke ein, zwei Mal getragen, schicken sie es auf die Reise über das Meer, denn wegen der hohen Wasserpreise lohnt sich das Waschen nicht. „Ich wüsste nicht, warum diese Kleidung sonst kommen sollte“, sagt Reshma.

Meghna Guptas Dokumentarfilm „Unravel“ bedrückt und beschämt einen. Er ist in der Ausstellung „Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode“ im Museum Europäischer Kulturen zu sehen. Sie wirft ein grelles Licht auf die dunklen Aspekte internationalen Modeindustrie und das Konsumverhalten in der westlichen Welt. Unfassbare 1,35 Millionen Tonnen Kleidung allein aus privaten Haushalten in Deutschland landen jedes Jahr in Altkleidercontainern. Im Durchschnitt kauft jeder Deutsche 60 Kleidungsstücke im Jahr, und viele werden kaum oder gar nicht getragen, bevor sie weggeworfen werden.

Das war nicht immer so. Die Fast Fashion, getriggert durch ständig neue Kollektionen der Modeketten, hat das Kaufverhalten verändert und die Wertschätzung, die einem Kleidungsstück entgegengebracht wird, deutlich verringert. Im Durchschnitt besitzen die Menschen vier Mal so viel Kleidung wie 1980.

Die Ausstellung, die für das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg entwickelt wurde, bietet so viel Gedankenfutter, dass man jede Schulklasse dorthin schicken möchte, und die Friday-for-Future-Aktivisten und -Aktivistinnen, bei denen das Thema Kleidung bisher nicht im Fokus steht. Dabei ist der CO2-Ausstoß der Modeindustrie höher als der durch internationale Flüge und Kreuzfahrten verursachte zusammen. Viele von ihnen werden sich bestimmt wiedererkennen in den eingangs gezeigten Videos, in denen zwei Teenager, umgeben von Einkaufstüten, von ihren Beutezügen erzählen und jedes Detail der Hose oder des T-Shirts präsentieren, die sie gerade gekauft haben. Diese sogenannten Haul-Videos sind ein Internet-Phänomen, und irrsinnig beliebt. Wer den Begriff bei Youtube eingibt, wird bei einer schier endlosen Liste solcher Videos landen.

Immer wieder geht es um den Verbleib gebrauchter Kleidung, etwa in der Arbeit des niederländisch-kanadischen Fotokünstlers Paolo Woods. Er thematisiert mit seiner Arbeit „Pepe“ die Rückkehr von Kleidung aus den USA an ihren Produktionsort Haiti. Die T-Shirts mit den dümmsten Sprüchen, die kein Second-Hand-Laden in den USA mehr haben will, werden dann hier verkauft. Sie wirken wie eine Erniedrigung derer, die sie tragen. Ganz abgesehen davon, dass dieser Re-Import haitianischen Schneidern die Existenzgrundlage entzogen hat. Genauso ist es in vielen Ländern Afrikas.

Es gibt noch viel mehr negative Aspekte. Die meist in Asien lebenden Textilarbeiterinnen werden schlecht bezahlt und arbeiten unter schlechten, unsicheren Bedingungen. Der Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013, bei dem mehr als 1000 Menschen starben und rund 2500 verletzt wurden, machte die westliche Welt schlagartig darauf aufmerksam. In Dahlem sind die weltbekannt gewordenen Fotografien von Taslima Akhter zu sehen: ein vom Geröll begrabenes Paar, das sich im Tod umarmt oder die drei sich umarmenden Menschen inmitten von Leichensäcken.

Andere gesundheitsschädliche Aspekten der Arbeit in der Textilindustrie sind weniger bekannt. So werden Jeans gesandstrahlt, um ihnen einen getragenen Look zu geben. Das Einatmen des Quarz-Staubs schädigt die Lungen irreversibel. Die Produktion von Kleidung belastet die Umwelt nicht nur durch CO2-Ausstoß, sondern auch aufgrund des Einsatzes von Pestiziden und des Wasserverbrauchs, wie eine Aufnahme des fast nicht mehr existenten Aralsees in Usbekistan schmerzhaft deutlich macht. Einmal war er der viertgrößte See der Welt – bis Unmengen des Wassers für die Bewässerung von Baumwollkulturen gebraucht wurden. Ein Baumwoll-T-Shirt kostet 2500 Liter Wasser oder auch 12 000 je nach Anbaugebiet, erfährt man auf einer Texttafel.

Den wegen der Brutalität nur hinter einem schwarzen Vorhang gezeigten Film über den Umgang mit Schafen bei der Schur in Australien, bei der die Arbeiter auf den Tieren herumtrampeln, sie verletzen und sogar töten, konnte die Autorin keine zehn Sekunden lang aushalten. Australien ist der größte Woll-Exporteur der Welt.

Man atmet auf, wenn man den dritten Raum der Ausstellung betritt, denn hier geht es um Berliner Repräsentanten der Slow Fashion, der nachhaltigen Mode. Man lässt die Welt des Konsums mit ihren Horrornachrichten von Ausbeutung, Umweltverschmutzung und Zerstörung hinter sich, und betritt eine auf ein freundliches, überschaubares, moralisch vertretbares Format geschrumpfte Welt. Eine, die einem keine Angst macht.

Rut Meyburg etwa stellt Taschen oder Handschuhe aus ausrangierten Ledersofas her, die sie in ihrem Laden in Berlin-Schöneberg verkauft. Jenna Stein hat den Berlin Clothing Swap ins Leben gerufen, bei dem man eigene Kleidung gegen andere tauschen kann. Verena Paul-Benz lässt die Sachen für ihr Label Lovejoi von Geflüchteten aus Syrien und Afghanistan in Oberschwaben produzieren. Ein Nachthemd kostet 50 Euro, wie man zu Hause ergoogeln kann. Aber man soll eben höchstens zwei davon haben und sie lange tragen.

Am Schluss steht man in Dahlem vor einer Schüssel mit lauter Näh-Kits. Ein Loch einfach mal zu stopfen, kann die Welt schonen.

Museum Europäischer Kulturen, Berlin: bis 2. August 2020.

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