Bioroboter 4. Foto: Andreas Mühe / VG Bild-Kunst, Bonn 2020
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Bioroboter 4. 

Fotoserie

Heldensaga Tschernobyl

  • vonIngeborg Ruthe
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Der Berliner Fotograf Andreas Mühe setzt mit seiner theatralischen Inszenierung den opferbereiten Einsatzkräfte im Katastrophengebiet der Atomreaktor-Explosion von 1986 ein Denkmal. Eine Begegnung

An der Tür zum Studio im Klinker-Fabrikloft im Pankow-Park, einst Borsig-Fabrikareal am nördlichen Berliner Stadtrand, steht nicht Mühes Name, da klebt lediglich in großen Lettern der Name einer bekannten ostdeutschen Stadt. Andreas Mühe lässt wissen, wo er, geboren 1979, eigentlich herkommt: Aus der Industriestadt Karl-Marx-Stadt, nach 1990 zurückbenannt in Chemnitz.

Drinnen liegen noch die restlichen Aufbauten und Requisiten seiner fotografischen Inszenierung „Mischpoche“ von 2019 im Museum Hamburger Bahnhof herum. Mühes aufsehenerregende Familienaufstellung war ein Besuchermagnet – im Mittelpunkt das zur antiken Statue stilisierte Bildnis des 2007 viel zu früh verstorbenen charismatischen Vaters, des Schauspielers Ulrich Mühe.

Im hallenhohen Atelier, das mit einem großen Wandvorhang wie eine Bühne wirkt, weist alles darauf hin , dass hier ein Fotograf arbeitet, der vom Theater kommt, wie der berühmte Vater, wie seine Mutter, die Dramaturgin und Regisseurin Annegret Hahn. Und wie seine Halbschwester, die Filmschauspielerin Anna Maria Mühe. Das Darstellende habe ihn geprägt, sagt er: „Bei uns zu Hause standen immer überall Bühnenbilder und Requisiten rum. Und meine Fotos haben etwas mit Gestalten in wechselnden Kulissen zu tun.“

Bioroboter 1. 

In diesem Studio-Ambiente begann Andreas Mühe – 2013 bekannt geworden als unkonventioneller Porträtist der Bundeskanzlerin Angela Merkel – bald darauf mit seinem Langzeitthema „Helden“. Er ging es provokativ, sarkastisch, schneidend ironisch an, denn er griff zurück auf deutsche Geschichte. Mühe inszenierte Großfotos von Typen in NS-Uniform und mit zackigem Haarschnitt vor der Landschaftskulisse am Obersalzberg. Und dazu von nackten Männern, die respektlos in eine romantische Caspar-David-Friedrich-Landschaft pinkeln. Das schon erwähnte fotografische Epos „Mischpoche“ war dann eher eine beruhigte Reminiszenz an Segen und Fluch der Familie.

In den letzten Monaten entstand hier die fotografische Heldensaga Tschernobyl. Mühe widmet sie jenen Männern, die damals den Brand zu löschen und den Schutt zu räumen versuchten. Es war der 26. April 1986; die „saubere“ Atomkraft, einst Superlativ des technischen Fortschritts, hatte ihre Unschuld verloren. Der Reaktor-Block 4 des Kernkraftwerks explodierte nach einem Stromausfall. Das Desaster der damaligen Sowjetunion ist heute ein schier unlösbares Problem der Ukraine, Russland schert es nicht. Es gibt keine offizielle Statistik der Opfer bis heute, und es wird wohl für immer so sein, dass die wahre Zahl nie bekannt wird, 500 000 Tote sind eine vage Annahme.

„Jetzt, 34 Jahre später, ist das mein Thema“, sagt der Künstler. „Und wie paradox“, setzte er hinzu, als er die Fotos seiner „Tschernobyl-Helden“ auf den Ateliertisch auslegt: „Die Angst vorm Atomtod, vor Atomwaffen, unsicheren Reaktoren und Verstrahlung spielt heute eine viel geringere Rolle als die vor dem Verlust des Jobs, des gesellschaftlichen Status, vor dem Klimawandel, dem Altern. Oder vor dem Coronavirus.“

Bioroboter 3. 

Wer den Fuß auf Tschernobyl-Boden setzt, muss wissen, dass es dort noch immer strahlt. Dass es der Tod ist, der da seinem Geschäft nachgeht, den man aber nicht sieht, hört oder riecht. Als unlängst der Wald nahe der Unglücksstelle brannte, wurden radioaktive Depots aufgewirbelt. „Und ja, mir macht das Angst!“ Viel mutiger als er sei seine Kostümbildnerin Sara Kittelmann, verrät der Fotograf. Sie fuhr gleich mehrmals ins Gebiet nahe der ukrainisch-weißrussischen Grenze. Schockierend sei für ihn die Tatsache, wie viele Katastrophen-Touristen dort herumliefen auf der Suche nach dem ultimativen Kick.

Mühe nennt seine Helden „Bioroboter“, wie in einem Science-Fiction-Film. Er inszenierte und fotografierte quasi die Verschmelzung von Mensch und Maschine – real und unwirklich zugleich. Er hat genau studiert, wie die Männer aussahen auf den alten Fotos in den Zeitungen von damals 1986, in den spärlichen und bis zum Ende der UdSSR gut gehüteten Filmdokumentationen: Sie trugen Gasmasken und Handschuhe, wie sie zu DDR-Zeit auch bei Übungen der Zivilverteidigung verteilt wurden, steckten in Overalls, Lederwesten, Gummihosen. Welch vergebliche Versuche, sich vor der Strahlung zu schützen.

„Manche hatten ein Stück Bleiplatte auf der Brust oder auf dem Kopf und im Nacken“, sagt Mühe. „Sie sahen damit aus wie Kreuzritter gegen einen unsichtbaren Feind. Hilflose Utensilien, wie man heute weiß.“

Er ist, das betont er, kein Reportage-Fotograf, auch kein Porträtist im engeren Sinne. Er erfindet fiktive und dennoch irritierend reale Gestalten. Für seine „Helden“-Serie hat er einen hochgewachsenen Schauspieler engagiert. Der spielt mit großer Theatralik jeweils die Rolle eines der namenlosen und auch vergessenen „Liquidatoren“. Der Mann trägt für jede Figur eine schwarze Strumpfmaske, damit er unerkannt, also namenlos bleibt.

Was einen als Betrachter der Fotos beeindruckt und zugleich frösteln lässt, sind das Lakonische und Sarkastische der Inszenierung, verbunden mit tiefem, fast heiligem Ernst. Ein rotes Fahnentuch wird zum Kampffanal des einen Heroen, in dramatischer Pose gereckt wie Delacroix’ „Marianne“ auf den Barrikaden der Französischen Revolution. Auf dem nächsten Foto wird aus dem Banner ein Leichentuch, feierlich liegt der Held darauf, manieristisch hingestreckt wie Jesus in der Predelle eines altmeisterlichen Altars.

Bioroboter 2. 

Hier schlagen Mühes Theatergene durch, die Liebe zur Wucht und Magie des Dramatischen, des Symbolischen. Zum Sterben in Schönheit. Ein nächster Held im silbrigem Kosmonauten-Skaphander reckt den Geigerzähler vor sich her wie eine Monstranz. Und ein nächster Held trägt im Tuch eine Gestalt vor sich her, als sei es ein Kind. Das erinnert an die Kolossalstatue des Kinderretter-Soldaten vom Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow. Oder an das Monument auf den Seelower Höhen, dem Massenfriedhof der toten Rotarmisten, die bei den Kämpfen an der Oder und in der Schlacht um Berlin gefallen sind.

„Helden meiner Kindheit waren ja die Sowjetsoldaten, die tapferen aufopferungsvollen Befreier vom Hitlerfaschismus“, so Mühe. „Und die aufopferungsvollen Bergleute aus meiner einstigen Sächsischen Heimat. Mähdrescherfahrer. Die Helden der alljährlichen Ernteschlacht. Oder die Arbeiterhelden aus den Bergwerken und Stahlwerken.“ Das sind die Bilder, die er früh kennenlernte: „Das steckt tief in mir drin. Ich bekam mal als Erstklässler einen Preis für ein Bild. Ich hatte eine Szene gemalt, wie ein Rotarmist einem Jungpionier die Hand gibt, in der Mitte prangt eine rote Nelke. Was war ich damals stolz!“

Tschernobyl, das ist und bleibt ein beklemmender Begriff aus Mühes Kindheit. Die Familie war von Karl-Marx-Stadt nach Schöneweide, Ost-Berlin, umgezogen. Von der Reaktorkatastrophe wurde im Rundfunk, im DDR-Fernsehen, in Zeitungen nur in dürren Sätzen berichtet und ansonsten nur getuschelt. In der Sowjetunion wurde das Geschehen verdrängt, verharmlost.

Am liebsten hätten die Staatsmächte des Warschauer Paktes die Tschernobyl-Katastrophe abgetan als eine Erfindung des Westens. Aber das ging dann doch nicht. Die europaweiten Ängste sickerten ein in den DDR-Alltag. Die Leute kauften keine Milch, die Salatköpfe aus den LPG-Gewächshäusern welkten in den Auslagen der Geschäfte vor sich hin. Die Kinder durften nicht im Freien spielen.

Mühe hat drei Töchter. Er ist froh, dass in der Bundesrepublik sofort nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 die älteren Atomkraftwerke abgeschaltet wurden. Er versteht nicht, dass Leute gegen saubere Windkraft demonstrieren, weil sie die Räder nicht in ihrer Landschaft haben wollen und manche die Atomkraft gar für unbedenklich halten.

Ins Desaster von Tschernobyl wurden aus Westeuropa damals vor 34 Jahren zwei Räumroboter zur Hilfe geschickt; die waren binnen von einer halben Stunde durch die Radioaktivität zerstört. Also blieben nur die Menschen. Diese Ersthelfer von Tschernobyl, wie auch die von Fukushima, haben einfach gehandelt, nach dem Grundsatz: Einer muss es ja machen. „Stellen wir uns vor, wer sich hier in Deutschland, freiwillig gemeldet hätte, wäre Derartiges zum Beispiel im Atomkraftwerk Philippsburg passiert?“, fragt sich Mühe.

Das Phänomen der Opferbereitschaft beschäftigt ihn. Und die Frage: Was ist das – ein Held? Der Begriff entwickelte sich vor allem an Krieg und Kampf. Für Mühe sind es zuerst die antiken Sagen. Die ganze Geschichte der Menschheit ist voll von Heldenerzählungen. Von Typen, die außerordentliche Taten vollbringen und dabei besonderen Opfermut an den Tag legen. Sie geben alles, auch ihr Leben, im Namen eines übergeordneten Zieles.

Andreas Muehe bei der Vernissage zu einer „Mischpocke“-Ausstellung, 2019.

„Obwohl die Figur des Helden in nahezu allen überlieferten Kulturen bekannt ist, ist sie immer auch ambivalent“, so der Fotograf. Der Held habe das Potenzial, Gemeinschaft zu stiften. Ebenso gut aber kann er polarisieren. Am Helden werden Normen und Werte einer Gesellschaft ausgehandelt, weil er die landläufigen gesellschaftlichen Grenzen überschreitet. Und Helden fordern per se zur Positionierung heraus. Meist tauchen sie in Krisen und Konflikten auf. „Sie können aber auch wieder verschwinden, wenn das, wofür sie stehen, sozial nicht mehr gültig ist. Und erst durch die Erzählung wird der Held zum Helden.“

Mühe meint jene namenlosen Männer, die damals versuchten, in Tschernobyl zu löschen und die in den letzten Jahren den Sarkophag über die Reaktorruine bauten. Abermals in Schutzanzügen und in einer wüsten, noch immer radioaktiv strahlenden Landschaft der letzten Dinge. Die Helden von Tschernobyl haben keine Gesichter, so wie der Fliegerkosmonauten-Held Juri Gagarin; sie haben für die Allgemeinheit nicht mal einen Namen.

Andreas Mühe fragt sich, ob man in 100 Jahren wohl noch an sie denkt. Also schafft er diese fotografischen Parabeln, mit hartem ästhetischen Anschlag, alles Romantische demaskierend und mit der Aussage, dass alles mit allem zusammenhängt. Oder wie Dostojewski schrieb, dass ,alle an allem schuld‘ sind.“

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