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Jakob Suter: Blick auf Bellagio (am Comer See), 1863.

Frankfurter Stifter

Heinrich Mylius im Museum Giersch: Das Richtige tun

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Eine Ausstellung im Museum Giersch erinnert an den Frankfurter & Mailänder Stifter Heinrich Mylius.

Gleich am Anfang ein bizarres Zeugnis seiner Zeit. Um eine Art Thron scharen sich demutsvoll gebeugt – aber nicht verängstigt, sondern erfreut – allerlei Menschen, etliche Kinder darunter. Eine Frau stillt ihr Baby, andere streuen Blumen, ein Mann hat einen Glaskolben unter dem Arm, ein anderer ein Bild. Sieh an, es ist ja das Gemälde, das hier gerade beschrieben wird: Agostino Caironis „Die Dankbarkeit der Bürger“, 1859 gemalt.

Heinrich Mylius war zu dieser Zeit fünf Jahre tot, aber, das ist bereits nicht jedem vergönnt, keineswegs vergessen. Er ist es, der in der Mitte sitzt, im bequemen, im Faltenwurf gelinde antikisierenden Hausmantel, darunter korrekt bürgerlich gekleidet. Die Haltung königlich und zugleich verlegen, lässig und doch scheint er ein bisschen den Kopf einzuziehen, während ihn eine schräg hinter ihm stehende mythologische Dame auf die Huldigenden aufmerksam macht. Als würde er nicht bemerken, was unübersehbar ist. Wer hier oben sitzt, ist nicht ein Mächtiger, bei dem man seinen Pflichten als Untertan Genüge tut. Wer hier oben sitzt, muss vieles richtig gemacht haben im Leben.

Auf die Marmorstufen, die zu seinem Thron führen, ist ganz oben Milano eingemeißelt, ganz unten Francoforte. Hier begann vor 250 Jahren sein Weg, der 83 Jahre später in Italien endete. Der 24-jährige Frankfurter Kaufmannssohn war als Filialleiter des überschaubaren elterlichen Handelsunternehmens nach Mailand gekommen und hatte sich dort dann selbstständig gemacht. Aus Heinrich war längst Enrico geworden, ein gelungenes Leben zwischen, nein, in zwei Welten. Die Bürger auf dem Bild sind deshalb so dankbar, weil Selfmademan Mylius in beiden Städten – und an weiteren Orten – große Mengen für Wohltätigkeit, Kunst und Forschung ausgab, vor allem aber für Wohltätigkeit. Er und seine Frau initiierten und unterstützten Einrichtungen für Gehörlose und Sehbehinderte, für mittellose Kinder, alleinstehende Mütter, ratlose Alte. Um Bildung für alle war es Mylius zu tun, so dass um ihn herum alles ganz zeitgenössisch wirkt außer dem griechischen Dekor.

Dieses zeigt sich am rührendsten an der tragischsten Stelle seines Lebens. Das einzige Kind von Heinrich und Friederika Mylius, ein hoffnungsvoller Sohn, stirbt wenige Wochen nach seiner Hochzeit völlig überraschend mit 30 Jahren. Nicht nur beflügelt das die philanthropische Seite des Paares, es führt auch zu einem privaten Totenkult, dem finanziell keine Grenzen gesetzt sind. Zum marmornen Grab mit einem Relief der Familie am Sterbebett kommen Vater und Sohn als römische Marmorbüsten – Giulio Napoleon so jung und kühn, dass die Trauer über die Jahrhunderte herüberruft.

Die Ausstellung wickelt einen schnell ein. Dabei ist sie nicht übermäßig umfangreich – dafür aber flankiert durch ein nützliches Begleitbuch –, ein Stockwerk bloß im Museum Giersch in Frankfurt, wo sie jetzt bloß einen Sommermonat lang zu sehen ist. Zu sehr würden die Exponate sonst in der Villa Vigoni am Comer See fehlen, so Museumsleiter und Mitkurator Manfred Großkinsky, wo die Fäden zu Heinrich Mylius heute zusammenlaufen. Zu sehen sind Schriftstücke, Objekte, Kunstwerke, einige vom Maler Georg Melchior Kraus, Onkel Heinrichs und Lehrer seiner späteren Frau, die ebenfalls mit einem gelungenen Landschaftsblatt vertreten ist.

Die Villa hatte Mylius als Hochzeitsgeschenk für seinen Sohn gekauft. Den Namen Vigoni erhielt sie durch den zweiten Mann von Giulio Napoleons junger Witwe – vom Ehepaar Mylius nun als Tochter angenommen. Der letzte, kinderlose Nachfahre hinterließ das Anwesen in den achtziger Jahren der Bundesrepublik, die dort in einem bilateralen Projekt mit Italien eine offenbar rege Kultureinrichtung betreibt.

In Frankfurt wurde Heinrich Mylius weitgehend vergessen. Die nach ihm benannte Myliusstraße im Westend, so Großkinsky, werde weit häufiger mit dem Fotografen gleichen Nachnamens in Verbindung gebracht, Carl Friedrich, mit Heinrich nicht einmal verwandt. Kein böser Wille aber lag darin. Mylius’ Unterstützung für das „Versorgungshaus“ in Frankfurt etwa wurde später durch das noch opulentere Vermächtnis des dann auch zum Namensgeber werdenden Freiherren von Wiesenhütten schlichtweg überlagert. Mylius, erklärt Großkinsky, müsse seinen Platz aber wieder neben den großen Stifterpersönlichkeiten der Stadt finden. Ihm selbst, das macht Mitkuratorin Viola Usselmann von der Villa Vigoni klar, wäre das nicht wichtig gewesen.

Ein freundlich lächelnder, etwas scheuer alter Herr, überraschenderweise offensichtlich mit Toupet, blickt dem Publikum von einer vergrößerten Daguerrotypie aus dem Jahr 1845 entgegen. Wie viel seriöser das Gemälde von 1831, man könnte schier an der Erfindung fotografischer Verfahren verzweifeln. Außerdem kann man nur staunen, wie knapp Goethe dem entging. Mit ihm korrespondierte Mylius freundschaftlich, wie überhaupt die Ausstellung ein Netz von deutsch-italienischen Kontakten dokumentieren und bebildern kann.

Ebenso folgt man Mylius, der auch politisch aktiv war – und zwei Jahre lang der erste protestantischer Stadtrat Mailands, seiner „zweiten Vaterstadt“ –, in seine verschiedenen Geschäftswelten. Dazu gehörten das Bankenwesen und Seidenspinnereien, die er verhältnismäßig modern ausgestattet haben soll. Wichtig sei es ihm auch gewesen, die Arbeiterinnen schulen zu lassen, betont Großkinsky. Man glaubt es, auch wenn ein schönes Gemälde ein wohl etwas sehr bukolisches Bild von der Fabrikarbeit vermittelt. Die Arbeiterinnen sind nett zurechtgemacht, vorne sitzt eine so aufrecht und hold, als hätte sie doch eher ein Spinett vor sich.

Die Sphären der Illusion, sie verdecken hier aber nicht mangelnde Tatkraft. Eher sind sie ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Zeit und für einen optimistischen Blick auf das Kommende. An den Fortschritt zu glauben, war zudem nicht immer naiv.

Museum Giersch der Goethe- Universität, Frankfurt: bis 8. September. Begleitbuch 20 Euro. www.museum-giersch.de

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