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Keine Weltgeschichte ohne die der Tiere: Die Überreste einer Flugmaus aus dem Westerwald waren 2017 die große Attraktion einer heimatlich orientierten Ausstellung im Mainzer Landesmuseum.

Geschichte

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Über die Schwierigkeiten, sich in der Weltgeschichte einzurichten. Am Ende lockt die Verheißung einer Ausstellung, in der jeder seinen Ort finden könnte.

Alles hat eine Geschichte. Jeder Einzelne von uns, ganze Nationen, die Spielzeugeisenbahn, Briefmarken und die Schrift. Eine Geschichte haben auch der Basalt, unser Bindegewebe, Basen und Säuren, Atome und das Weltall. Friedrich Max Müller sah das 1875 ganz anders. Als Geschichte, so erklärte er damals, könne man – im strengen Sinne – nur die Handlungen „freier Individuen“ betrachten. Wenn wir die Menschen dort studieren, „wo der einzelne Mensch nicht mit voller Freiheit handelt, sondern sich bedingt fühlt, durch die notwendige Mitwirkung der Gesamtheit“, betreiben wir, so der berühmte Orientalist und Sprachforscher, nicht Geschichte, sondern Naturwissenschaft. Geschichte war für ihn die Geschichte von Entscheidungen, sie war das Produkt des freien Willens.

Friedrich Max Müller (1823–1900) schrieb das damals gegen Charles Darwin. Natur, so wandte er gegen ihn ein, entwickle sich allenfalls, eine Geschichte habe sie nicht. Müller war Zeitgenosse von Auguste Comte (1798–1857), Karl Marx (1818–1883) und Herbert Spencer (1820–1903). Das waren die Gründerväter der Soziologie. Sie machten deutlich, dass der Mensch nichts tun kann ohne „die Mitwirkung der Gesamtheit“. Aristoteles zitierend, schrieb Marx schon 1857: „Der Mensch ist im wörtlichsten Sinn ein zoon politikon, nicht nur ein geselliges Tier, sondern ein Tier, das nur in der Gesellschaft sich vereinzeln kann.“

Die Vorstellung, die Weltgeschichte sei das Werk autonomer Individuen, die sich entscheiden, den gordischen Knoten zu zerschlagen, den Rubikon zu überschreiten oder aber den Delaware zu überqueren, wirkt heute allenfalls komisch. Wir wissen: So sehr Adolf Hitler, Mao Zedong und Josef Stalin die Geschichte geprägt haben mögen, so sehr sind sie doch auch selbst deren Produkte. 

Die Geschichtsschreibung hat das verstanden. Widerstrebend und mit immer neuen Rückschlägen. Dass Entscheidungen in genau definierten, gesellschaftlich bereitgestellten Situationen gefällt werden, ist unstrittig. So gesehen gibt es keine Geschichtsschreibung mehr ohne Soziologie. Das hat aber nur in wenigen Ausnahmefällen dazu geführt, dass man gesellschaftliche Konstellationen historisch untersucht hat. Berühmt sind die Analysen von Philippe Ariès zur Geschichte der Kindheit und des Todes. 

Man schiebt diese Arbeiten gerne ab in die Kulturgeschichte. Die politische Geschichte kommt meist noch immer ohne sie aus. Dort leben die Müllerschen freien Individuen munter weiter. Psychologie und Psychiatrie scheinen noch nicht erfunden, selbst Religion und Weltanschauung spielen allenfalls in Biografien eine Rolle. Bismarcks Doggen spielten, abgesehen von Tyras, der auf dem Berliner Kongress 1878 den russischen Außenminister attackierte, keine Rolle in der Weltgeschichte. Dabei ist die ohne den Hund nicht zu schreiben. Es dauerte bis zum Jahre 2015, ehe Ulrich Raulff „Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung“ schrieb. Dass die Menschheit ohne Tiere nicht leben kann, dass sie angewiesen ist auf Wellensittiche und Papageien, auf Katzen und Schoßhündchen, wird abgeschoben ins Gemütsleben, das keine Rolle spielt in der großen Geschichte der großen Nationen.

Wer heute von Globalgeschichte spricht, ist endlich da angekommen, wo Leopold von Ranke schon 1830 stand, als er seinen kleinen Aufsatz „Geschichte und Philosophie“ schrieb: „Es ist auf der Erde kein Volk, das ohne Berührung mit andern geblieben wäre. Dieses Verhältnis, welches von der ihm eigentümlichen Natur abhängt, ist es, in welches es zur Weltgeschichte tritt, und welches in der allgemeinen Historie hervorgehoben werden muss.“

Inzwischen wissen wir, dass wir Aristoteles ernster nehmen müssen, als wir das gewohnt sind: Der Mensch ist ein politisches Lebewesen. Ein Lebewesen. Er teilt nicht nur seine Physis mit anderen Tieren, sondern auch Geist, Seele und Intellekt. Wir zitieren gerne den jüdischen Geldverleiher Shylock aus Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?“, als Ausweis eines universalen Humanismus. Schmerz aber empfindet auch jedes Tier. 

Die Weltgeschichte, die natürlich auch eine der Empfindungen werden muss, wird ohne die der Tiere nicht geschrieben werden können. Frans de Waal fragt in seinem neuesten Buch: „Sind wir schlau genug, um zu merken, wie schlau Tiere sind?“ Angesichts der jahrtausendealten Dummheit der Menschen, was die Intelligenz von Tieren angeht, ist das die einzig richtige Fragestellung. Die Idee von der Krone der Schöpfung lassen wir uns nur höchst ungern nehmen. Dabei wissen wir doch: Es gab keine Schöpfung, und Krönchen werden keine vergeben.

Alles hat eine Geschichte, man kann aber nicht nur eine Geschichte von allem schreiben. Dennoch muss man eine Vorstellung vom Ganzen haben, wenn man die Geschichte eines Teiles schreibt. Jede Geschichte ist ja ein Versuch, uns besser zu verstehen, entweder in der Ähnlich- oder in der Unähnlichkeit. Zu unserer Geschichte gehört die Geschichte der Elementarteilchen, aus denen wir bestehen, die Sterne, in denen sie produziert wurden, die Wege, die sie zurückgelegt haben, die Verbindungen, die sie eingegangen sind. Es ist die Welt, in der wir leben. Wir sind gerade erst dabei, sie zu begreifen. Wer so tut, als wären wir nichts als Homo sapiens, der belügt uns. Wir dürfen Geschichte nicht weiter betreiben unter dem Niveau unseres Kenntnisstandes. 

Das letzte Buch des großen Mediävisten Jacques Le Goff (1924–2014) trug den Titel: „Faut-il vraiment découper l’histoire en tranches?“ (Muss man die Geschichte wirklich in Stücke schneiden?). Auch das ist eine völlig richtige Frage. Natürlich muss man. Aber man muss wissen, dass man es tut. Und welche Nerven man dabei durchschneidet. 

Es gibt Versuche, das Ganze darzustellen. Sie heißen Big History. Sie kranken alle daran, dass sie eine große Geschichte erzählen vom Urknall bis heute. Je näher sie der Gegenwart kommen, eine desto geringere Rolle spielen das Weltall und die Sterne. So aber läuft die Geschichte nicht. Das Weltall ist immer noch da und es entstehen und vergehen weiter Sterne und Galaxien.

Die Erde wird weiter aus dem Weltall bombardiert, die Erdkruste wird weiter bewegt werden. Arten sterben und entstehen. Das Leben und gar erst die Menschheit sind flüchtige Veranstaltungen. Eine Geschichte, die uns das nicht zeigt, nimmt uns und unsere Lage nicht ernst. Sie reduziert uns auf das, was wir selbst sehen, wenn wir in den Spiegel blicken. Und sei er noch so weit entfernt. Eine Geschichte, die stehen bleibt auf der Erdoberfläche und sich weigert, ins Weltall zu schauen und uns unter die Haut zu gehen, die betrügt uns.

Als ich ein Junge war, schenkte mir mein Vater ein Buch, das hieß: „Das neue Universum“. Jetzt, sechzig Jahre später, beschert man mir ein Heimatministerium. Wir haben den Rückwärtsgang eingeschaltet. Früher gab es einmal eine Universalgeschichte. Heute sprechen wir von Globalgeschichte. Während das Universum immer schneller expandiert, schrumpfen wir die Welt und die Weltgeschichte hinunter auf das Format unserer Erde. 

Das Berliner Humboldt-Forum wäre eine Chance gewesen für Universalgeschichte. Es hätte ein Ort sein können, an dem wir uns über unsere Lage unterm Sternenzelt hätten bewusst werden können. Stattdessen werden wir einen neuen Showroom bekommen, in den zusammengetragen werden soll, was vorher an anderen Orten ausgestellt war.

Ein wirkliches Museum zeigte uns die Welt und unseren Ort in ihr. Jedem Besucher seinen eigenen. Jeder ist anders. Jeder würde darin seinen Ort finden. Seine Heimat. Jedes Museum ist ein Heimatmuseum. Nicht nur für die nach ihrem Ort in der Welt suchenden Besucher, sondern auch für die darin ausgestellten Dinge. Jedes Museum sagt uns: Am Ende landest du hier. Das wäre kein Fluch, sondern eine Verheißung.

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