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Kraftfigur aus dem Kongo, vor 1892.
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Kraftfigur aus dem Kongo, vor 1892.

"Dada Afrika" in Berlin

Heilung vom Wahnsinn der Zeit

„Dada Afrika – Dialog mit dem Fremden“: Eine überzeugende, feine Schau über Einflüsse auf die Dadaisten in der Berlinischen Galerie.

Von Sabine Vogel

Furchteinflößend sieht sie aus, die martialische Kraftfigur aus dem Kongo. Damit kann man Unheil, Feinde, böse Flüche, Hexen sogar in die Flucht schlagen. Die Statue hat eine Machete zum Angriff erhoben, ihr roh behauener Holzkörper ist wie ein Panzer mit Eisennägeln gespickt, lumpige Stofffetzen hängen aus ihrem zähnebleckenden Mund, als hätte sie gerade noch das rohe Fleisch von einem Knochen gerissen. Hat Raoul Hausmann die von einem Sammler nach Paris gebrachte Figur gekannt? Sie gar als Inspirationsquelle benutzt für seinen „Mechanischen Kopf“?

Was hat der mit einem Lineal, einem Uhrwerk und einer Pappnummer vermessene Perückenkopf von 1919 mit dem archaischen Geisterbeschwörer aus dem Kongo gemein? Formal haben sie Ähnlichkeiten, beide Skulpturen sind mit Alltagsgegenständen bestückt und sind als „Geist unserer Zeit“ magische aufgeladen. Aber waren auch beide einmal gleichermaßen radikal als Material-Assemblagen, welche ihren zeitgenössischen Kunst- oder Objektbegriff erweiterten?

Lassen sich Kunstwerke aus gesellschaftlich, historisch, und über Kontinente entfernten Kontexten überhaupt miteinander vergleichen? Sie lassen sich allemal. Das zeigt diese feine Ausstellung aufs Schönste.

„Dada Afrika “ ist das Resultat einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit der Berlinischen Galerie mit dem Züricher Museum Rietberg. Es kreuzen sich hier Blicke, Auffassungen und Objekte eines Museums moderner Kunst aus Berlin und eines ethnologischen Museums mit einer Sammlung außereuropäischer Kunstwerke aus Afrika, Asien und Ozeanien. Anlass dieser Untersuchung von Einflüssen und Ähnlichkeiten ist das hundertjährige Jubiläum der ersten dadaistischen Performance-Abende im Züricher Cabaret Voltaire im Jahr 1916.

„Wir suchen eine elementare Kunst, die den Menschen vom Wahnsinn der Zeit heilen soll“, verkündete der deutsch-französische Dadaist Hans Arp. Während auf den Schlachtfeldern von Verdun und der Somme eine Million Soldaten sinnlose Tode starben, ging bei den Künstlern der Glaube an die westliche Zivilisation und eine Kunst des Wahren und Schönen zu Bruch. „Dadaismus ist die Negation des bisherigen europäischen ‚Sinnes‘ des Lebens“, sagte Raoul Hausmann.

Bei den chaotisch anarchistischen Abendveranstaltungen der Dadaisten wurden sogenannte „Negertänze“ mit wildem Getrampel und Gestampfe zur „großen Basstrommel: boum boum boum...“ (Hugo Ball) improvisiert, man trug Lautgedichte aus Silbensalat vor, die rituelle Maorigesänge als Readymade-Poesie zitierten. Taka taka kee kee. Es schreit der Kiwi.

Wie sehr die von der Moderne desillusionierten Dadaisten den „Dialog mit dem Fremden“, wie die Ausstellung im Untertitel heißt, begrüßt haben, wird nicht nur im direkten Aufgreifen und dem künstlerischen Aneignen der „exotischen“ Vorbilder sichtbar. „Afrika – Diese neue Welt, die sich im Aufbruch befindet, wird ganz offensichtlich die Welt der Zukunft sein“ hoffte Tristan Tzara. Im Fremden, dem in naiver Begeisterung noch die Unschuld des „Primitiven“ unterstellt wurde, lag das Versprechen auf eine Erneuerung der ausgedienten eigenen Kultur.

„Dada kann man nicht begreifen, Dada muss man erleben“, formulierte der Dadachronist Richard Huelsenbeck. Und damit auch wir nicht durch Bildungshuberei und Faktenwissen vom reinen Schauen und dem Entdecken scheinbar naheliegender, jedenfalls anschaulich vorgeführter Parallelen abgelenkt werden, sind in der Berlinischen Galerie alle Kunstwerke gänzlich ohne Beschriftung präsentiert.

Gleichwertig und hierarchiefrei hängt eine schiefgesichtige Fastnachtsmaske aus dem Schweizer Lötschental neben einem entglittenen Maskengesicht des mährischen Dadaisten Marcel Janco, eine stilisiert grinsende Maske mit Hörnern aus dem japanischen No-Theater hängt in der Nähe einer afrikanischen Maske von geradezu kubistischem Abstraktionsgrad. Ein Zuluperlengürtel und ein gemusterter Indianderrock vermischen sich in den Puppenskulpturen von Sophie Teuber-Arp.

Alle verfügbaren Materialen, Bilder, Stile und zufälligen Fundstücke werden zusammenmontiert, als wäre die postmoderne Beliebigkeit schon vorweggenommen. Gänzlich ungerührt davon aber hält die Magie der außereuropäischen Kulturen der dadaistischen Dekonstruktion des traditionellen Kunstbegriffs stand.

Berlinische Galerie, Berlin: bis 7. November. Katalog, erschienen im Verlag Scheidegger & Spiess, 244 S., in der Ausstellung 34,90 Euro.

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