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„Healing“ im Weltkulturen Museum Frankfurt: Was kann uns heilen?

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Von: Sylvia Staude

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Projekt der „Coral Gardeners“.
Projekt der „Coral Gardeners“. © Wolfgang Günzel

Das Frankfurter Weltkulturen Museum möchte zum Nachdenken über ein Leben im Gleichgewicht einladen.

Sie sehen ein bisschen gefährlich aus, die waagrecht in eine Holzstele eingelassenen Quarzkristalle (es sind jeweils drei untereinander), auch wenn ihre Spitzen nicht sehr spitz sind. Dahinter informieren Schilder: „Bitte Podeste betreten – und heilen“. Es handelt sich um eine Installation von Marina Abramovic, die Künstlerin beschäftigte sich auf einer Reise durch Brasilien mit Schamanismus und eben auch Mineralien: In nahem Kontakt zu den Quarzen soll man nun hier ihre Energie erspüren können. Vermutlich würde man selbst, um es auszuprobieren, einen Moment abwarten, in dem man allein wäre im Raum.

Das Frankfurter Weltkulturen Museum begibt sich mit seiner neuen großen Ausstellung – so groß halt, wie es die alte Villa des Museums erlaubt, Neubaupläne sind ein ums andere Mal gescheitert – auf spätestens seit Klimakatastrophe und Pandemie bewegendes, aber auch schwankendes Terrain. Denn der Titel der bis in den September nächsten Jahres dauernden Ausstellung ist „healing. Leben im Gleichgewicht“. Es geht darin um soziales und kulturelles Wohlbefinden. Um all die Dinge, die aus dem Gleichgewicht geraten sind, von der Umwelt bis zur Ungleichbehandlung, auch Rassismus. Um die Frage, wie wir mit Krisen umgehen können.

Roldán Pinedo, aus der Serie „Solo Árboles“, 2020. Foto:
Roldán Pinedo, aus der Serie „Solo Árboles“, 2020. © Wolfgang Günzel

Nicht zum ersten Mal versucht das Haus, versuchen diesmal die Kuratorinnen Mona Suhrbier und Alice Pawlik, viel unterzubringen in einer Ausstellung. Gleich neben der Installation Marina Abramovics etwa wird das Korallenrettungsprojekt der „Coral Gardeners“ vorgestellt, das Museum hat Patenschaften übernommen. Aber ein Raum ist auch Angeboten in Frankfurt gewidmet: Avurveda, chinesische Medizin, Yoga. Das kann durchaus als Werbung für die sogenannten alternativen Heilmethoden empfunden werden. Gleich daneben hängen die hochästhetischen Fotografien Michael O’Neills, der Yoga-Meister (und ein paar Meisterinnen) aufgenommen hat, seit ihm die Ausübung bei der Gesundung geholfen hat.

Ein Text der italienischen Autorin Elena Bernabè erinnert an den großen Lockdown und die vielen Toten im Frühjahr 2020. „Großmutter, wie kann ich in dieser Quarantäne leben?“, ist der Titel, die Großmutter spricht von symbolischem „Knoten lösen“ in vielerlei Hinsicht, vom Knoten im Haar bis zum Ablegen alter Kleidung und dem weiten Öffnen der Fenster. Dies auch, um sich vorzubereiten auf Neues, auf das, was nach der Pandemie hoffentlich möglich wird.

Doch tritt man vom Foyer aus in den Raum zur linken Hand, steht man vor einer Installation, die man zwar einerseits schön nennen möchte, die andererseits Bestürzung auslöst, auslösen muss. Der mexikanische Künstler Alejandro Durán beschäftigt sich, wie er erzählt, seit 2010, seit er die ungeheuren Mengen Müll wahrgenommen hat, die an Mexikos Karibikküste gespült werden, mit dem Projekt „Washed Up: Transforming a Trashed Landscape“: Er sammelt den Müll, sortiert ihn nach Farben – Purpur, das sei selten und darum wie Gold für ihn, sagt er scherzhaft –, dann fügt er einen roten Fluss, eine blaue Woge, eine Insel aus durchsichtigen Plastikflaschen in die Natur ein und fotografiert dies.

Duráns Fotoarbeiten lassen an den Land-Art-Künstler Andy Goldsworthy denken, doch dieser verwendete Blätter, Äste, Steine, durchweg natürliche Materialien. Das Erschrecken angesichts der Kunst des Mexikaners ist darin begründet, dass er sie aus unserem Wohlstandsmüll schafft. In den blauen Wellen, die nun im Weltkulturen Museum wie auf einem Strand auslaufen, in den nach Frankfurt geschafften „six boxes of blue“ findet sich ein Kunststoffbehälter, der in Bad Homburg befüllt wurde (mit Trinkjoghurt?). Er greift ihn raus, hält ihn hoch: man habe ihm gesagt, Bad Homburg sei ganz in der Nähe. Aber, fügt er an, er finde Kunststoffteile aus aller Welt an Mexikos Küste, von insgesamt bereits 58 Nationen, von allen Kontinenten.

Kästchen eines Schamanen.
Kästchen eines Schamanen. © Wolfgang Günzel

„Heilung“? Die beiden Kuratorinnen haben das Thema weit gefasst, der eigene Körper spielt eine Rolle, der Umgang mit der Erde und ihren Ressourcen spielt einer Rolle.

In einem Raum hängen die großformatigen Baumporträts Roldán Pinedos, „Solo Árboles“, nur Bäume, nennt der Künstler die Werkreihe. Daneben lässt die Multimedia-Künstlerin Roberta Carvalho Menschengesichter aus Blättern entstehen, in eine geheimnisvolle Tiefe sinken; alles Lebendige wandelt sich beständig in den Videoarbeiten „Symbiosis“. Darin aber auch das plötzliche Brennen des Regenwaldes, sein lichterlohes Entflammen. Ein Menetekel.

Die Idee zur Ausstellung „healing“ sei bereits vor der Pandemie entstanden, so Suhrbier und Pawlik, kein angefragter Künstler, keine angefragte Künstlerin aber habe sich über das Wort und das Thema gewundert. Seine Dringlichkeit ist in der Zwischenzeit nur gewachsen. Das zeigt, ganz aktuell, die Erleichterung über die Wahl Luiz Inácio Lula da Silvas zum Präsidenten Brasiliens: wird er doch wahrscheinlich wenigstens versuchen, das Abholzen und -brennen des Regenwalds zu stoppen.

Auch in sein Depot und seine Archive ist das Museum gegangen. Denn in einem noch ganz anderen Sinn beschäftigte man sich für diese Ausstellung mit „Heilung“: mit Fragen der Restitution, der Rückgabe von Gegenständen an die Gemeinschaft, aus der sie kamen, oder auch die direkten Erben. Das Lederhemd eines Anführers der nordamerikanischen Teton Lakota wurde an dessen Urenkel Chief Duane Hollow Horn Bear zurückgegeben; und trotzdem kann es im Museum noch betrachtet werden, nun eben virtuell, als Hologramm. Es wirkt dadurch wie mit Leben erfüllt. Und der Urenkel des Mannes, der das Hemd einst getragen hat, hat das Gefühl, als sei sein Vorfahre zurückgekehrt.

Man kann gegen diese vielfältige Schau einwenden, dass sie (zu) viel auf einmal will. Dass sie die alten Kulturtechniken des Yoga und Ayurveda neben die Verheerung der Welt durch Müll und das Absterben der Korallenriffe stellt. Dass sie von Schamanen ebenso erzählt wie von Göttern des Waldes (es wird übrigens nicht klar, was mit Schamaninnen und Göttinnen ist). Dass sie den kopfstehenden oder auf dem Wasser liegenden Yogi und den brennenden Wald zeigt, dekorative Haarkämme neben Schlangenskulpturen stellt.

Vielleicht kann man die einzelnen Räume als Ausgangspunkte dafür nehmen, sich mit zwei oder drei oder vier Themen ausführlicher zu beschäftigen. Und sich gleichsam irgendwo einzuklinken, sei es beim Bemühen um Müllvermeidung, sei es beim Kampf um die Erhaltung des Waldes. Der Anregungen sind viele, der bestürzenden wie der prachtvollen Bilder, der Geschichten über die Entstehung einzelner Kunstwerke, der Videofilme auch, die sich in Muße anzusehen sicher lohnt. Außerdem könnte ein Verweilen bei Marina Abramovics Quarzkristallen ja vielleicht auch einen Gewinn bringen.

Weltkulturen Museum Frankfurt: bis 3. September 2023. weltkulturenmuseum.de

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